SLIDE IT IN - Whitesnake
Ein Album, zwei Abmischungen und ein Ende
Im Jahr 1983 begannen die Aufnahmen zum nächsten Album der Band. Diese hatte sich deutlich gewandelt. Ian Paice war verschwunden. Ihn ersetzte der deutlich härtere Cozy Powell. Neben Micky Moody spielte nun Mel Galley Klampfe. Den Bass bediente Colin Hodgkinson. Alle drei neuen Musiker waren bei weitem keine Neuanfänger. Alle hatten eine bedeutende Vergangenheit. Die Band wechselte gerade das Label. Ein neuer Produzent kam hinzu.

In den Sessions zum neuen Album wurde immer mehr deutlich, dass sich die Band deutlich in härtere Gefilde begab. Auch die Chemie zwischen Micky und David wurde immer schlechter. Alles zusammen waren keine guten Vorzeichen. Beginnend ab Ende Januar 1984 erschien das Album im Vereinigten Königreich und im Rest der Welt.
Mit "Gambler" startete das Album. Eine schwere Rocknummer mit einer kurzem Orgeleinleitung. Die Nummer konnte nie bei mir zünden. Irgendwie zu schwer und es geschieht nicht wirklich etwas tolles. Ein schicker Orgel-Part wird durch einen ebenso farbloses Gitarrenspiel abgelöst. Nach gut vier Minuten verschwindet es in den Reglern.
Mit deutlich mehr Biss startet dann "Slide It In". Ein wirklich cooler blueslastiger Rocker. Ein wirklich tolles Gitarrenspiel trifft den Titelsong. Wirklich gut ausgesucht.
Mit "Standing In The Shadow" hören wir ebenfalls schön gelungenes Stück Musik. Sehr melodiös und mit einem gebremsten Tempo gesungen. Ich würde hier ganz sicher Schlangen-DNA der alten Tradition vermuten.
"Give Me More Time" schlägt die neu beschlossene Härte wieder durch. Deutlich in der Dynamik angezogen unterbreitet sich hier ein cooler Rhythmus. Ich denke die alte Besetzung hätte hier auch noch ein starkes Orgelspiel integriert. Das fehlt hier.
Mit "Love Ain‘t No Stranger" ist ein kraftvoll gesungenes Stück Ballade. Ein Stück, dass David auch viele Jahre noch begleiten wird. Immer wieder gehört es zum Live-Programm. Zündet es bei mir? Leider nein, irgendwie langweilt es mich nach zwei Minuten.
Die zweite Seite beginnt mit "Slow An' Easy". Wieder ist Jon zu hören. David kann richtig gut singen. Gleich zu Beginn hört man ihn einfach toll. Colin gibt eine klasse Bassline hinzu. Anfangs zahm zieht der Song dem Ende druckvoll entgegen. Das schwer klingende Schlagwerk passt gut. Vielleicht eine Spur zu hart für die Whitesnake davor.
Hart geht es gleich weiter. "Spit It Out" ist ein harter Rocker. Schwer im Rhythmus und getragen von der Stimme des Herrn Coverdale. Keine langweilige Nummer. Hier kann man die neuen Zeiten gut spüren. Trotzdem bin ich am Ende der gut vier Minuten nicht über dessen Untergang traurig.
Mit "All Or Nothing" kehrt dann dieser Alltags-Rock auf der Scheibe ein. Im Grunde kein besonders guter Song, sieht man vom tollen Solo von Jon ab. Das reißt es in der Bewertung nach oben.
Schnell ist das Teil verklungen. Mit "Hungry For Love" folgt gleich noch ein zweiter Song im selben Format. Für mich die schwächste Stelle des Albums. Nicht unsympathisch, jedoch total steril. Kein schlechter Song, jedoch farblos in der Umsetzung.
Das Album endet mit "Guilty Of Love". Einen wirklich toller Titel. Stark intoniert mit einer brutalen Gitarre. Cool durch die Unterfütterung mit den Tasteninstrumenten und dem wirklich tollen Bass. Dieser Song hinterlässt eine Kerbe im grauen Speicherkasten. Auch wenn der Song schon längst verklungen ist geht einem der Song immer noch durch den Kopf.
Meine Eindrücke gebe ich von der UK-Mischung des Albums wieder. Dieses Ergebnis gefällt mir eindeutig besser als die spätere US-Version. Dieser Hinweis wird notwendig, da das Album ein zweites Mal für den amerikanischen Markt abgemischt wurde.
Nach Januar ´84 war viel geschehen. Die Differenzen zwischen Micky und David wurde immer größer. Der Herr Coverdale zeigte ihm die kalte Schulter und hielt ihm immer deutlich John Sykes vor die Nase. Sein Gitarrenspiel gefiel ihm besser und so ging Moody. Mel hatte einen Unfall und gehört dann auch nicht mehr lange zur Band. Auch das Bass-Spiel von Colin gefiel David nicht mehr. Also fragte er Neil Murray. Dieser sagte zu. Auch Jon verließ im April 1984 die Band. Deep Purple rief.
Die Plattenfirma bestand darauf das Album erneut abzumischen und es dann auf den amerikanischen Markt zu werfen. Mitte April 1984 kam es dann in dieser Form heraus.
John Sykes spielte die Gitarren-Parts der schon bestehenden Song teilweise neu ein. Die Songs klangen jetzt deutlich härter und auch höher in der Aussteuerung. Die neuen Bass-Beiträge vom Herrn Murray sind deutlich untergeordneter und - man muss es mal aussprechen - einfacher als die in der UK-Ausgabe. Für Abänderungen an den Orgelpassagen holte man sich Bill Cuomo. Gemeinsam mit ihm wurden Teile der Beiträge des Herrn Lord geändert.
Dank dieser Änderungen wirkte die Musik nun offener und härter. Vom Bluesrock war nicht mehr viel zu hören. Teilweise durch die Aufnahmen davor entstand so auch manchmal eine Tripple-Gitarren-Front. Das verstärkte die Härte noch ein wenig mehr.
Auch die Reihenfolge der Songs selbst wurde getauscht. So entstand im Grunde ein zweites Album mit den selben Titeln, welches sich jedoch ganz anders anhörte und anfühlte. Eine Hard-Rock-Scheibe eben mit einer sehr ausgeprägten amerikanischen DNA.
Der Erfolg gab David recht. Das Album bedeutete zusammen mit dem schlicht nach der Band benannten nächsten Album den Durchbruch dort. Die Orgel verschwand aus dem Soundbild und David betrieb die Band mit einer Gitarrenfront.
Die UK-Abmischung erschien im Grund weltweit, bis auf die USA und Canada. Hier erschien die zweite Version. Zwischendurch erschien die US-Abmischung auch in Japan. Beide Abmischungen kamen dann zum 25 Jubiläum des Albums weltweit als LP oder CD heraus. Die CD-Ausgabe wurde dabei mit einer DVD ergänzt.
Mir persönlich gefallen die Titel der europäischen Version deutlich besser. Das US-Album ist mir zu modern und auch zu glatt gemischt. Eben im Sinne der damaligen Zeit. Leicht bekömmliche Kost war angesagt. Radio-tauglich und über Video auch auf MTV geeicht. Nichts für mich und mein Bedürfnis nach gutem alten Rock.
Ritchie Blackmore gelang der Schritt von der progressiven Musik zum Rock-Pop einfacher und geschmeidiger. Mit Bonnet am Mikrofon schuf er einen Übergangsalbum. Down To Earth vereinte beide Seiten. Erst mit dem Herrn Turner kam dann reiner Pop-Rock.
David Coverdale musste ein Album zweimal abmischen. Das ist kein Mangel, jedoch ein Zeichen für eine fehlende Vision bezüglich der weiteren Existenz. Alles nicht wirklich schlimm und in der Wortwahl sicher zu hart. Doch im Grunde trifft es schon zu. Für viele Whitesnake-Jünger beginnt erst hier die Erfolgsgeschichte. Für mich endet sie jedoch mit dieser US-Abmischung.
Dieser Umstand trägt sicher auch zu einer schlechteren Einschätzung bezüglich des Albums zuvor bei. Mir gefällt einfach die Mischung und die Richtung der Songs nicht mehr. Ich sehe es ähnlich wie Micky Moody, der es einst ungefähr so formulierte; das war nicht mehr die Band von früher. Für mich war die weiße Schlange von der Magie verlassen worden. Die einst so identitätsträchtige Mischung aus Blues und Rock war nicht mehr da. Harter Rock glitt nun aus den Lautsprechern. Von solchen Bands gab es tausende.


