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LIVE IN THE STUDIO

Ein Album wie Ashton selbst - nichts für Jeden aber roh und brillant

Tony Ashton war zeit seines Lebens der wohl am Meisten unterschätzte Musiker den ich kenne. Seine Musik war immer eine direkte Attacke auf den Hörmuskel des Zuhörers. Er wich immer wieder von allgemeinen Hörgewohnheiten ab und überraschte den Hörer öfters mit frischen Ideen.

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Ich wurde auf Ihn durch die klassischen Alben von Jon Lord aufmerksam. Unlängst stieß ich auf sein Album LIVE IN TH STUDIO. Viel weiß ich nicht über die Entstehung des Albums. Mit der Unterstützung von Freunden entstand das Werk und wurde von EMI Records (Switzerland) AG 1984 produziert und veröffentlicht. Mit einem schmalen Budget entstand dieses kleine Juwel in nur drei Tagen.

Hört man nun hinein ist es keine Musik für den „Nebenbei-Hörer“. Heute wäre ein solches Album schwer denkbar. Es ist ein Relikt aus einer längst verlorenen Zeit. Eine Dokumentation einer Musikauffassung, welche nicht im Spiegel des finanziellen Erfolges steht. Fast bei jedem Stück erkennt man mit welcher Freude hier alle am Werke sind. Ein Album gewidmet der Freude und nicht der Superleistungen einzelner Musiker.

 

Legt man den schwarzen Sonderling auf den Plattenspieler erhebt sich "Match In A Gastank". Tonnenschwer bewegt sich das Riff aus dem Boxen. Tony‘s heisere Stimme legt sich oben darauf. Schließlich beginnt sich die Orgel Raum zu schaffen. Immer wieder im Rhythmus unterbrochen entwickelt sich eine tolle Dynamik. Gitarre und Orgel mit einem starken Beiwerk. Einfach cool.

 

Mit "Singing The Blues" wechselt die Stimmung. Beschwingt führt uns die Band über gute drei Minuten. Alles toll verpackt mit Piano und Gitarre. Schön leicht gespielt mit einem hübschen Solo in der Mitte.

 

"This Gentleman's Not For Burning" dagegen klingt funkig mit einer dicken Prise Jazz. Welcher Kontrast zum Stück zuvor. Hier hören wir völlig andere Musiker als beim Song zuvor. 

 

Ist das Teil Geschichte geht spitzfindig weiter. "She's Extraordinary" ist ein Vorzeige-Stück für Tony‘s Verständnis von Humor. Einfach Kopfhörer auf und lauschen. Keine Sekunde ist langweilig. Man fühlt sich einfach unterhalten.

Und ein Entertainer war er weiß Gott. Bei "No!" Hört man das sehr deutlich. Der kleine Blues hat im Grunde keinen echten Text. Das Konzept jedoch zündet. Er fragt die Anwesenden mehr oder weniger sinnvolle Fragen. Es gibt nur eine einzige Bedingung. Alle müssen immer auf die gleiche Weise antworten. Sein Humor zündet und die Personen um ihm herum fühlen sich wohl und machen mit. Für diesen Spaß braucht man keine großen Englischkenntnisse. Sich einfach Zeit nehmen und dem Gebotenen folgen; mehr braucht es nicht. Improvisation und Interaktion … geil, bis sich die Nadel in die Auffangrille verirrt.

 

Die zweite Seite startet mit einer starken Orgel. Seine Jugend verbrachte er im englischen Küstenort Blackpool. Warum sollte er sich dort nicht auskennen. "Blackpool's First Twist Victim" ist wie immer nicht so richtig ernst gemeint. Freudig wird dem Hörer das Teil jedoch ins Ohr gedrückt. Nicht Hart sondern eindringlich mit Ohrwurm-Attitüden. 

 

Ob im nächsten Stück eigene Erfahrungen verarbeitet werden ist möglich. Wer will das jedoch auch wissen. Oftmals schon hörte man den Herrn Ashton stöhnen und Husten. Für die Einleitung von "He Couldn't Play The Piano" wirkt es einfach toll. Es schafft Atmosphäre und ist genauso ungewöhnlich wie seine Sicht auf die Welt, schräg und faszinierend.

 

"Jimmy McDuff - Wonderful Stuff" ist einfach eine tolle Jam-Nummer. Hier gibt es alles was das aufgeschlossene Musikerherz höher schlagen lässt. Fast drei Minuten Vollblut-Mucke. Einfach eingeblendet und wieder ausgeblendet. Leider viel zu kurz.

 

"Go West" ist hingegen eine tolle Rock‘n‘Roll-Nummer. Die Beine wippen im Takt, der Rhythmus nimmt den Hörer in Anspruch. Immer wieder wird man überrascht beim Lauschen. 

 

Auch der letzte Song "Goodbye" wirkt unfertig und doch irgendwie cool. Dezent instrumentiert sagt hier einer der ganz großen Tschüss. Am Ende der Platte wirkt es fast höflich. Doch hat die Nadel die Umrundung des runden Dings erst erledigt kann man ja einfach das Album noch einmal anhören. Ich habe es dreimal von Anfang bis zum Ende durchgehört.

 

Der Titel des Werkes erscheint Programm. Man hat wirklich das Gefühl, hier wurde die Musik direkt aus dem Studio auf die Bänder der Aufnahme gespielt. Eine Nachbearbeitung bemerkt der geneigte Hörer nicht im Geringsten. Das ist kein Tadel - ganz im Gegenteil. Zuweilen hört man auch richtige Fehler im Spiel der Band. Das ist ebenfalls nicht negativ gemeint. Live ist halt Musik pur. Es passt somit prima zum Konzept.

 

Wer auf diese Art Musik steht, wer auf Ehrlichkeit und Authentizität abfährt; ja der weiß das durchaus zu schätzen. Über allem schwebt die raue Stimme vom Herrn Ashton. Einfach riesig dieser kleine Sonderling.

 

Wer Tony Ashton kennt und auf gute Musik abseits der eingetretenen Wege steht, für den ist das Album immer wieder eine Investition wert. Auf Grund des unfertigen Zustandes verdient es eigentlich nur vier Sterne. Ich jedoch freue mich über diese Scheibe und vergebe hier die „Höchststrafe“.

 

Ab 1994 erschien das Album mit zusätzlichen Aufnahmen. Ob man diese CD dann wirklich benötigt bleibt dahin gestellt. Im Grunde zerstören sie das Feeling des Original‘s, da das Ende der LP wirklich stimmig ist.

 

Die doch starke Aufnahme von "Resurrection Shuffle" stammt aus dem Jahre 1983. Sie wurde als A-Seite einer gleichnamigen Single mit Lynda Hayes veröffentlicht. Auch die B-Seite dieser kleinen Platte findet man im Anschluss. "Gimme Some Time To Pay" fällt jedoch deutlich zurück. 

 

Die Versionen von "Saturday Night And Sunday Morning" sind bestenfalls für die Statistik von Wert. Die englische und die französische Version "Samedi Soir Dimanche Matin" unterscheiden sich jedoch. Beide Songs erschienen auf einer Single 1988.

 

Tony Ashton ist ganz gewiss kein Musiker für den allgemeinen Geschmack. Seine Sicht auf die Dinge macht ihn so wertvoll. Jeder der das Original Cover der LP noch kennt stimmt mir hier zu. Sein musikalischer Einfluss geht weit über dieses Album hier hinaus. Viele große Musiker erkennen in ihm das Genie, den Freund und sein Talent. Leider blieb er ständig unter dem Horizont der großen Promoter. Auch seine große Band Ashton, Gardner & Dyke konnte daran etwas ändern. 

 

Diese LP ist sein Vermächtnis und verbleibt für immer in meinem Plattenschrank. Ich kenne die Lieder auswendig und bei jedem Hören freue ich mich aufs Neue über den Spaß am Musizieren. 

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