SPECTRUM - Billy Cobham
Ein Meilenstein der Jazz-Fusion
Tommy Bolin hatte gerade das Album Bang mit der James Gang in März 1973 aufgenommenen. Vom 14. bis 16. Mai des selben Jahres stand er wieder im Studio. Dieses Mal jedoch mit wahren Größen des Jazz-Rock.

Billy Cobham und Jan Hammer kannten sich von John McLaughlin‘s Mahavishnu Orchestra. Den Bass bediente der heute wohl bekannte und in Fachkreisen längst anerkannte Leland Sklar. Er verdiente sich die Sporen mit verschiedenen Sessions. Ihn und Tommy kannten nur eingeweihte. Tommy hatte zu jener Zeit schon einen recht guten Ruf.
Was nun in den Electric Lady Studios in New York aufgenommen wurde war das wohl beste Album des Genres überhaupt. Es wurde zum Master für so manchen aufstrebenden Musiker - egal ob im Jazz oder Rock. Schlicht weg wurde in diesen drei Tagen etwas richtig großes geschaffen.
Auch wenn Bolin nicht bei allen Titeln dabei war, so bildete er jedoch eine der großen Säulen des Albums, welche diese Platte auch heute noch über so viele andere schwarze Scheiben hebt. Bei zweien der Songs jedoch fehlt der Meistro. Bei "Spectrum" gibt es keine Gitarren sondern nur Bläser und den Tastenmann. Im Titel "Le Lis" bedient ein anderer Könner die sechs Saiten. Es ist der ebenfalls schon damals als Session-Musiker bekannte John Tropea. Es sprengt das Ausmaß dieses Textes, wenn ich auf seine Karriere länger eingehe.
Bei wirklich großen Musikern haben Solos eigene Namen. So ist es auch auf diesem Album hier. So gibt es im Grunde nur zwei eigenständige Songs. Der Rest sind Medleys aus je einem Solo-Teil und dem eigentlichen Song.
Es beginnt mit einem wahren Feuerwerk. Also wer "Quadrant 4" nicht als den Oberhammer anerkennt, der hat keine Ahnung vom freien Musizieren. Der Titel ist von vorn bis zum Schluss eine wirklich starke Symbiose von Drums, Bass, Orgel und Gitarre. Die ganzen viereinhalb Minuten pure Energie und Power.
Im ersten Medley hört man in "Searching for the Right Door" ein wundervoll feinfühliges Schlagwerk. Man achte nur auf den fast zarten Anschlag der Sticks zum Beginn. Immer wieder wird der Rhythmus dann durch dramatische starke Schläge unterbrochen um dann doch unter zu gehen. Nun startet "Spectrum". Ein wunderbar leichtfüßig daherkommender Jazzer mit einem irren Drive. Joe Farrell spielt hier fantastische Soloeinlagen. Einfach klasse wie leicht hier die Bläser und Jan den Song tragen. Im Hintergrund immer das locker und fantastisch klingende Schlagwerk. Was für ein Song das ist hört man erst wenn man diesen mehrfach hört.
Das zweite Drum-Solo in "Anxiety" ist wesentlich druckvoller und deutlich stärker im Anschlag gespielt. Es zerfällt und "Taurian Matador" beginnt. Wieder hört man einen Bolin, welcher sich hier mit Hammer ein Duell liefert. Und was für eines! Man glaubt nicht so recht was man hört. Wie gut sich beide ergänzen. Und dann erst das Schlagwerk! Stoff für deutlich mehr Zeit. Leider ist nach gut drei Minuten alles vorbei. Man bleibt irgendwie ratlos zurück.
Doch keine Angst am Anfang der nächsten Seite startet ja schon der zweite eigenständige Titel. "Stratus" beginnt mit einer Einstimmung von Jan und Billy übernimmt dann. Ist dieses Klangwunder dann beendet, ja dann brennt die Hütte. Es groovt an jeder Ecke und man höre sich diese einzigartige Stimmung an. Sie ergreift einen und lässt ihn nicht wieder los. Die tiefe und gewaltige Bass-Linie dirigiert den Song und zieht die anderen Instrumente mit sich. Auf dieser schweren Bassline nun trägt sich der Song unerhört locker bis zum Ende. Es ist scheinbar nicht zu fassen wie gut sich das anhört. Keine Sekunde ist verschwendet alles passt. Die Neun Minuten sind im Nu verflogen.
Die letzten beiden Medleys beginnen nun. Im kurzen Einspieler "To the Women in My Life" ist Cobham dann erst garnicht zu hören. Er überlässt es dem Tastenmann den nächsten Teil höchst sentimental einzuleiten. Dann gleitet total entspannt "Le Lis" durch die Gewölbe des Gehörganges. Es schmeichelt sich an und die Melodie scheint - wie auch das Album - nicht mehr aus dem Kopf zu gehen. Es gibt gute drei Minuten Zeit zu entspannen.
Auch "Snoopy's Search" ist am Synthesizer des Herrn Hammer entstanden und leitet dann das Finale ein. Wieder groovt es gewaltig. Langsam baut sich das Hauptmotiv von "Red Baron" auf. Was für ein Song; nie war es so schön der Langsamkeit zu lauschen. Tommy passt sich prima an und Leland setzt wieder mal einen Bass in die Ohren, dass es nur so wummert. Verdammt wie haben die das hinbekommen?! Was für ein Drive sich hier entwickelt, man glaubt es nicht. Und immer wenn man glaubt es geht zu Ende gibt es noch eine Zugabe.
Leider sind auch die Rillen in der Scheibe begrenzt. Irgendwann wird abgeblendet und die Nadel dreht sich im Kreis. Das Album ist nach gut 37 kostbaren Minuten zu Ende. Welches Ereignis hier mein Innenohr erreicht lässt sich nicht mit Worten beschreiben. Ich muss es nochmal hören, danach gleich noch ein Mal. Nie wird es langweilig. Der fehlende Gesang stört nicht im Geringsten. Ein Meilenstein wie ich schon bemerkte. Und die Beteiligten hatte nur drei Tage dafür Zeit. Ein Wunder.
Schade ist nur, dass es von dieser Besetzung keine Live-Aufnahmen gibt. Mir ist zumindest keine bekannt. Es Gibt einen Mitschnitt der Aufnahme-Session. Dieser erschien als Bootleg über ein Pseudo-Label (Tommy Bolin). Hört man sich die Titel darauf an, erkennt man die hohe Qualität der Aufnahmen besser. Allerdings sind die Songs nicht von bester Qualität und müssen leicht bearbeitet werden.
Der Anfang für Billy Cobham‘s Solo-Kariere war getan. Ab nun galt er als der Ausnahme-Drummer. Auch Tommy Bolin hatte hier seinen ersten internationalen großen Erfolg. Und Jan Hammer war immer schon groß, jedoch auch er konnte von der Beteiligung an diesem Album ganz sicher deutlich gewinnen. Sie sind die Protagonisten welche immer wieder mit dieser Scheibe in Verbindung gebracht werden. Aber auch die anderen beteiligten Künstler haben hier einen großen Anteil. Allen voran Leland Sklar für sein druckvolles Bass-Spiel.


