MIND TRANSPLANT - Alphonse Mouzon
Wahnsinnig gutes Album
Die Geschichte dieses Albums beginnt 1973. Alphonse Mouzon hörte Tommy das erste Mal auf Billy Cobham‘s Album SPECTRUM. Er wollte 1974/1975 eine neue Scheibe aufnehmen und suchte einen Gitarristen. Tommy hatte im August 74 mit der James Gang gebrochen. Überzeugt von Bolin mietete Alphonse am 06.10.1974 in den Glen Holly Studio in Los Angeles ein Aufnahmeraum an.

Alphonse brachte den Keyboarder Rocke Grace mit. Tommy seinen Freund Stanley Sheldon (am Bass). Beide kannten sich noch von seinem gescheiterten Versuch die Band Energy 1972 erfolgreich zu machen. Zusammen spielte man sich ein und der Respekt zwischen Alphonse und Tommy wuchs. Diese Session wurde aufgezeichnet, blieb als Kassette erhalten und wurde später als Erbe von Tommy digital bearbeitet veröffentlicht.
Diese Aufnahme gibt einen ungefähren Überblick über das was später auf dem Album erschien. Jeder der diese Aufnahme anhört wird die Spielfreude der Beteiligten nicht bestreiten können. Das überaus dynamische Spiel vom Herrn Mouzon und das einfach geniale Gitarrenspiel von Tommy harmonierten. Als Anspieltipp sei hier ruhig der erste und längste Titel “The Real Thing“ genannt.
Ich möchte mich nicht zu diesem Album äußern, jedoch muss es in der Story einfach als Einstimmung erzählt werden. Das Zusammenspiel beider Musiker und deren Verständnis für unterschiedlichste Musikstile wird hier eindeutig zum Ausdruck gebracht. Zwei wirkliche Könner des Faches hatten eine Basis gefunden - weit über alle Schubfächer der Musikindustrie hinweg. Das musste vertieft werden.
An fünf Tagen Anfang Dezember 1974 versammelte Alphonse Mouzon im Wally Heider Recording Studio 3 in Hollywood eine bunte Schar von Musikern um sich. Die Keyboards bediente nun Jerry Peters und den Bass zupfte Henry Davis. Die Überraschung waren der damals bekannte Studiomusiker Jay Graydon und ein gewisser Lee Ritenour. Lee war zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre und durstig nach neuem. Beide Gitarristen bekamen die Aufgabe Tommy Bolin einen Rhythmus-Teppich anzubieten um ihn dann darüber improvisieren zu lassen.
Man achte auf den Status vom Herrn Bolin. Zwei Musiker kamen zur Aufnahme um ihn zu unterstützen. Was für eine Ehre und Anerkennung für ihn. Tommy war erst einige Jahre im Business.
Alle zusammen schufen dann ein Werk dessen Existenz immer ein wenig im Schatten vom Überbrenner Spectrum stand und vielleicht auch noch steht. Zu Unrecht finde ich und viele anderen sehen das wohl ähnlich. MIND TRANSPLANT ist ein zumindest gleichzusetzendes Album und genauso eine tolle Arbeit wie einst die LP von Billy Cobham.
Mit einem Drumschlag beginnt der Titelsong. Schwerfällig und stapfend startet das Album. Alphonse bedient den Synthesizer selbst. Nach vier Minuten ist Schluss. Es beginnt “Snow Bound“. Es funkt und groovt an jeder Ecke. Alles sehr einprägsam und mit einem schlichten Rhythmus. Einfach ein tolles Stück Musik - vielleicht auch wegen dieser Schlichtheit und Leichtigkeit.
Das erste Mal hört man Tommy richtig im Titel “Carbon Dioxide“. Ein kompakter Song, welcher durch die Gitarre und das fantastische Schlagwerk lebt. Die Wechsel sind vertrackt und verschaffen dem Stück echt voll eine gehörige Priese Volljazz. So muss sich eine Hochdruck-Jazz-Gitarre anhören. Und dann noch das stimmige Orgelspiel von Jerry Peters. Hier gibt es die volle Dröhnung! Fast schon schade, dass das Teil dann einfach nach viereinhalb Minuten herunter geregelt wird.
Doch der nächste grandiose Drum-Einstieg folgt. Jetzt geht die Post ab. Die Bassline bei “Ascorbic Acid“ ist echt cool. Hier solieren nun die beiden anderen Gitarristen (Jay Graydon und Lee Ritenour). Eine Wonne fürs Ohr und die mitwippenden Füße.
Auch zum Beginn der zweiten Seite wird der Hörer nicht enttäuscht. Es groovt an jeder Ecke, einfach toll wie gut Lee Ritenour bei “Happiness Is Loving You“ spielt. Bei “Some Of The Things People Do“ singt dann auch Alphonse. Wieder swingt es anständig. Aber auch hier schaffen es die beteiligten Musiker das hohe Niveau zu halten.
Die letzten beiden Stücke sind wieder diktiert durch das Gitarrenspiel des Herrn Bolin. Pulsierend startet “Golden Rainbows“. An Tommy erinnere ich mich immer so wie er hier im Stück zu hören ist. Wenn sein Gitarrenspiel je einen bestimmten Ton erzeugte so gleicht er dem dieser Aufnahme. Absolute Weltklasse und zusammen mit der Band einfach in dieser Form nicht zu toppen.
Das Ende ist nun noch gut drei Minuten entfernt. In dieser Zeit ereignet sich ein typisches Stück dieser Besetzung. So ein Druck, solch eine Dynamik. Die schon recht harte Struktur passt absolut und trotzdem ist es irgendwie jazzig angelegt. Eine Referenznummer für andere Künstler. Es ist kaum zu glauben was für Musik in einen so kurzen Zeitrahmen passt.
Unglaublich ist dieses Album und in jeder Form mit SPECTRUM vergleichbar. Billy Cobham gab 1973 seinen Mitmusikern auch viel Raum, rückte sich aber mit zwei Solos schon deutlich in den Vordergrund. Alphonse ging da einen anderen Weg. Er begleitet seine Band im Studio aus dem Hintergrund heraus und gab tolle Impulse. Streitbar wären die gut 20 Sekunden Intro zum Song “Ascorbic Acid“. Hier dient das Mini-Solo eher der Songstruktur und kann als allein stehender Solo-Beitrag nicht so recht erkannt werden.
Alphonse verschaffte sich ebenso Eindruck beim Zuhörer wie es Billy einst konnte, nur war sein Ansatz ein ganz anderer. Auch verzichtete er auf Bläser bei seinen Aufnahmen. Hier konzentrierte er sich mehr auf die rockigen Einflüsse.
Dieses Album gehört aus diesem Grunde in die oberste Riege der modernen Musik. Es ist ebenso ein Meilenstein wie jenes von Billy. Gleichberechtigt besteht es jeden generationsübergreifenden Vergleich mit Werken danach. Dass auf beiden Scheiben das Spiel vom Tommy Bolin verewigt wurde ist ein Geniestreich der Geschichte.


