FIREBALL - Deep Purple
Ein Feuerball am Sternenhimmel
Vom September 1970 bis zum Juni 1971 dauerten die Aufnahmen des zweiten Albums der Herren Blackmore, Lord, Gillan, Glover und Paice. Was am Ende den Weg in die Läden schaffte war ein Meisterstück aller Beteiligten. Im Juli 1971 erschien es in den US/Canada. In der ersten US-Version wurde allerdings "Strange Kind Of Woman" anstatt "Demons Eye" auf der A-Seite veröffentlicht.

Europa und UK waren im September 71 fällig. Hier in der allgemein bekannten Form. "Strange Kind Of Woman" erschien hier schon im Vorfeld der Veröffentlichung. Im Februar 1971 machte die Single mit "I’m Alone" als B-Seite auf mehr Appetit.
Alles beginnt damit, dass Martin Birch die Studiobelüftung anschaltet. Dieses Geräusch hört man die ersten drei Sekunden. Dann wirft einem der Titelsong aus dem Gleichgewicht. Mit einem irren Basslauf und unwahrscheinlich kompakten Drums geht es los. Ian Paice borgte sich dafür eine zweite Basstrommel aus dem Nachbarstudio. Leider gibt es in der Albumversion kein Gitarrensolo. Roger und Jon verleihen dem Teil jedoch gut Führung.
Nach dem Einsteiger folgt das eher ruhige "No No No". Jon‘s Orgel ist omnipräsent und trägt den Song. Ritchie veredelte das Teil mit seinem Spiel.
Mit "Demon‘s Eye" geht es in die nächste Runde. Schwer schleppt sich der Song, wird getragen von Ian, Jon und Ritchie. Ian singt von Liebesproblemen und man leidet und folgt seinem Flehen.
Gillan bezeichnete den nächsten Song des Albums im Nachhinein als Irrtum. "Anyone’s Daughter" ist eine willkommene Abwechslung und zu einem großen Teil deutlich gesellschaftskritisch. In seiner Art setzt es einen schönen Kontrast und immer wieder ertappt man sich dabei mit den Füßen zu wippen. Es zündet klar, trotz der einfachen Intonierung.
Auf der zweiten Seite wartete "The Mule". Vom Anfang bis zum Ende überrascht der komplexe Klang des Schlagwerkes. Er passt nicht im geringsten zum im Grunde doch langsamen Rhythmus der anderen Instrumente. Einfach mal die Kopfhörer aufsetzen. Erst wenn Ritchie kurz und schnell einsteigt verpasst er dem Song kurz die entsprechende Geschwindigkeit.
"Fools" hingegen schießt hingegen den Bogen ab. Was für ein Song, was für eine Konstruktion. Jon beginnt zusammen mit leichten Drums. Ian Gillan haucht behutsam bis es brutal in Härte umschlägt. Gewaltig bricht es über den Hörer hinein. Zwischendurch immer wieder verlangsamt entsteht so etwas, das man einfach nicht vergessen kann. Eine gewittergleiche Urgewalt mit wunderschön gezogenen Gitarrenparts vom schwarz gekleideten Hexer in den Ruhepausen.
Mit "No One Came" ist schon wieder das Ende der zweiten Seite erreicht. Die Band stapft zielstrebig durch den Song. Ian spricht und singt das Lied des Unverstanden.
Nach dem Ende der Aufnahmen waren die Bandmitglieder sich nicht einig. Ritchie hielt es im Grunde für keine gute Arbeit. Er verspürte Zeitdruck durchs Management und war frustriert dadurch. Ian Gillan freute sich und sah die Arbeit an den Songs als Beginn neuer Ausdrucksmöglichkeiten.
Wie bedeutend dieses Album für die Band allerdings war lässt sich leicht nachvollziehen. Haufenweise Top-Platzierungen in den Album-Charts und auch die Single-Auskopplungen waren erfolgreich. Bis heute befinden sich Stücke von dieser Scheibe im Repertoire der Band (bzw. Nachfolgebands).
Da ist "Fireball" - unter Blackmore in der Konzertzugabe - später als krachender Opener so mancher Live-Show mit Steve Morse in den 90er. "The Mule" als Einsteiger für so manches superbe Trommelereignis des Herrn Paice. Dann ist da das nicht mehr Tod zu kriegende "Strange Kind Of Woman". Man denke nur an die vielen Live-Aufnahmen der Touren danach. Ein Ian Gillan, welcher sich im letzten Teil des Stückes förmlich die Seele aus dem Hals schreit, keucht und im Kehlkopfgesang den Blackmore gibt.
Fünf der sieben Titel sind länger als Fünf Minuten. Sie sind Ereignisse. Ein gewiss anderes Album der Band. Nicht so hart und kompromisslos, sondern stark komponiert und wirklich intelligent als Album umgesetzt. Das wild gespielte „The Mule" wird vom verwegenen “Fools“ verfolgt. “Demon’s Eye“ ergeht sich in dem schlichten Gitarrenstück “Anyone’s Daughter“. Einfach alles ist hier zur musikgeschichtlichen Absolution erkoren.
Hier sind die wohl am progressivsten spielenden Deep Purple ins Vinyl gepresst, die es je gab. Wenn man dem Flehen von Ian zuhört, dem irren Schlagzeug vom anderen Ian, ja dann weiß man was sich gut anhört. Ritchie's Gitarre ist so abwechslungsreich wie sonst selten und verteufelt gut.
Der Bass von Roger hämmert zu allem im genau richtigen Moment. Und der gute Jon ist allgegenwärtig zu hören. Herz was willst du mehr!? Ein Höhepunkt jagt den Nächsten.
Für mich ist es das Beste Album der Band und wird es wohl auch immer bleiben. Dieses Album hier steht wie ein immer existierendes Denkmal zwischen In Rock und Machine Head. Es ist die Steigerung des Vorgängers und gibt dem Nachfolgealbum Raum für neues.
Zum 25. Jubiläum des Albums erschien dann die remasterte Version. Hier sind vor allem neben dem Single-Material die Bonustitel bemerkenswert. Man hört in wirklich guter Qualität Songs wie "Freedom" und auch "Slow Train". Sie schafften es nicht auf's Original, sind aber nicht unbedingt schlechter. Auch diese Stücke wären durchaus geeignet um aufs Album zu kommen.
Beachtenswert ist auch die Instrumentalversion von "Fireball". Wenn man hier gut hinhört, so kann man erst einmal sehen, wie kompakt der Titel eigentlich ist. Mit der Stimme von Ian Gillan obendrauf kommt diese instrumentale Tiefe weit weniger zur Ausprägung. In dieser Version gibt es zum Ende sogar ein kleines Solo vom Herrn Blackmore. Bis zum Ende ein wirklich tolles Stück - auch ohne Gillan.


