MACHINE HEAD - Deep Purple
Smoke on the Water
Was soll man schreiben über solch ein Album. Die Band hatte keine Zeit und war gehetzt. Man wollte Steuern sparen und entschied sich für die Schweiz. Sie traten schon in den Jahren davor beim Jazz-Festival im Casino auf und kannte die Lokalität. Durch den großen Raum wollte man einen guten Klang für die neue Scheibe erreichen, welcher dem eines Konzertauftrittes nachempfunden werden sollte.

Eigentlich geplant als Gig in einem leeren Saal in Montreux, wurde daraus ein kleines Stück Improvisation mit Weltklasse.
Ein Fan steckte den gebuchten Saal bei einem Frank Zappa Auftritt in den Abendstunden des 04.12.1971 an und das Gebäude brannte nieder. Der Kulturmanager des Festivals suchte eine Ausweichstätte. Ein erster Versuch scheiterte, weil sich Anwohner über den Lärm beschwerten. Im ehemaligen Grand-Hotel wurde quasi zwischen Matratzen ein Ausnahmestück der Band aufgenommen. Mit dem Rolling Stones Mobile wurde es mitgeschnitten und später aufbereitet.
Claude Nobs wurde für sein Engagement in dieser Angelegenheit ausdrücklich gelobt und Martin Birch bereitete wieder einmal den Nährboden für außergewöhnliche Musik. Zwei Tage lang konnte man nicht aufnehmen und der Aufnahme-Truck verursachte nur Kosten. Trotz hohem Druck wurde hier etwas geschaffen, deren nähere inhaltliche Beschreibung fast nicht erforderlich ist.
Alles beginnt mit "Highway Star". Dem späteren Opener so manchem grandiosen Konzerterlebnisses. Jon‘s Orgel liefert hier mit dem rhythmischen Kurzeinschüben das Grundgerüst. Bis Ritchie das markante Riff mit den sechs Saiten verschönert. Alles im Grunde nicht sonderlich schnell, jedoch einprägsam bis zum Ende. Später wurde das Stück zum Rausschmeißer. Auch hier war es immer ein Ereignis. Ich hörte dieses Song und ich war überwältigt.
"Maybe I‘m A Leo". Hingegen bluest vor sich hin. Sein Drive beeindruckt auch noch heute. Beim Hören erfreut man sich an der Gelassenheit der Musiker. Ian beschwert sich über die Welt und die Band liefert einfach tolle Solos hierzu.
Grandios stimmen die Drums den Hörer auf den nächsten Song ein. "Pictures Of Home" ist einfach ein cooles Stück Musik. Hier wird das Leben gefeiert. Alles pulsiert und nicht einen Moment wird dem Hörer Ruhe gelassen.
Der nächste Song wurde eigentlich als Single geplant. Man beschäftigte sich intensiv mit dem Teil und das Ergebnis enttäuscht ganz sicher nicht. "Never Before" ist ein richtig starker Song. Ein einprägsames Stück mit einer tollen Melodie.
Allerdings erkannte niemand das Potential einer einfachen Situationsbeschreibung. Eigentlich als Lückenfüller gedacht entpuppt sich "Smoke On The Water" als eines der bis heute am meisten wiedererkannten Stücke der Band und der Stilrichtung überhaupt. Ein Meilenstein war entstanden. Von diesem Song gibt es unzählige Versionen von ganz unterschiedlichen Musikern. Über die Jahre hinweg wird das Stück zum Mustersong und ständigen Begleiter von Millionen Musikliebhabern. Genau wie damals “Black Night“ ein Zufallserfolg mit dem nicht einmal die Plattenfirma rechnete. Es fesselt bis heute und ist immer jung.
"Lazy" ist ganz sicher anders. Immer noch einer der tollsten Songs der Band. Simpel - auch im Text - wird hier einfach mal gebluest. Auch in der Umsetzung wurde dieses Stück ein ständiger Höhepunkt. Gerade live leitete der Herr Lord den Song genial ein. Ein Klasse Purple-Song. Es gibt immer wieder Personen die behaupten Deep Purple hätten kein Feeling für den Blues. Schließlich wären sie eine Hardrock-Band. Immer wieder tauchen Blues-Titel im Portfolio der Band auf. “Lazy“ ist hier jedoch der Beste.
Auch "Space Truckin’" wurde so oft durch die Band wiedergeben, dass man schon denken könnte er wäre ausgeleiert. Anfangs und auch später noch mit langen Improvisationen ausgestattet, wurde dieser Song nicht im Anflug langweilig. Auf dem Album ist nach gut viereinhalb Minuten alles zu Ende. Live hingegen wurde es ein Quell der Improvisation und wurde mit allerlei instrumentalen Höchstleistungen erfreulicherweise extrem in die Länge gezogen.
Alle diese Titel gehören für immer in eine Ruhmeshalle des Hard-Rocks. Sie sind immer noch Bestandteil der Auftritte der Band bis heute und der Splitterformationen. Gerade der Umstand, dass man sie so oft spielte und sie dabei nicht verschlissen, zeigt wie gut die Band es verstand Titel kompakt zu komponieren.
Wenn ich mir heute die Songs anhöre denke ich oft darüber nach, wie es für jungen Musiker wohl war, Musik zu erschaffen in einem leerstehenden ungeheizten Haus (mitten im Monat Dezember). Ich sehe sie über alte Möbel steigen und durch Fenster klettern um sich die Aufnahmen im Truck anzuhören. Fotos vom Flur und dem ganzen Aufnahme-Szenario gibt es Gott sei Dank.
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Zahlreich sind die Veröffentlichungen des Albums selbst. Alle Versionen auch nur kurz zu erwähnen wäre viel zu aufwendig. Erwähnenswert ist hier wohl jene von 1997. Zum 25. Jahrestag der Erstveröffentlichung wurden hier die Stücke erneut überarbeitet.
Später erfolgte die wohl gründlichste Überarbeitung des Gesamtwerkes im Jahre 2012. Hierin befanden sich fünf Silberlinge. Grundsätzlicher und voll umfänglicher kann man das Album nicht mehr beleuchten. Alle CD‘s sind mit Doppel-Covern versehen und alle mit dem Purple-Label auf der Vorderseite. Neben der Fassung des Originals fand man auch jene von 1997 nochmals aufgearbeitet.
Auch finden sich ein Quadro-Stereo-Mix und ein Surround-Mix unter diesen Scheiben. Alle samt sind gut aufbereitet und kommen beeindruckend druckvoll aus den Boxen.
Viele Fans kannten auch schon die Live-Aufnahme der Band vom 09.03.1972. Sie wurden für die BBC im Paris Theatre in London aufgezeichnet und entstanden somit unmittelbar vor dem Erscheinen des Albums. In dieser Fassung hier wurden die Acht-Spur-Bänder nun erneut gemischt und aufgearbeitet. Ich kannte diese Musik von früheren Aufnahmen. Hier sind sie nochmals klarer.
Der absolute Höhepunkt sind jedoch die Roger Glover Mixes. Sie sind technisch gründlich überarbeitet und enthalten auch Tonschnipsel aus den Aufnahme-Sessions. So wirken alle auf dem Album vertretenen Stücke irgendwie unfertig. Sie wären in dieser Version sicher keine Hits geworden, jedoch beschreiben sie sehr schön deren Entstehung und sind freier in der Ausgestaltung. Man hat echt das Gefühl im Flur des Grand-Hotels zu sitzen und zu lauschen wie alles begann.
Gerade bei "Smoke On The Water" hört man das richtig gut und am Ende des Songs zerfällt die Struktur einfach. Hier verschwindet der Titel nicht einfach im Mischpult, sondern man hört hier das wahre Ende. Viel später erklärte das ein mir namentlich nicht mehr bekannter Musiker. Sinngemäß formulierte der es so. Das Ende eines Stückes zu finden gestaltet sich bisweilen als kompliziert. Man ist tief im Song versunken und findet keinen richtig passenden Schluss zum Zeitpunkt der Aufnahme. Also regelt der Mann am Mischpult das Unterfangen indem er die Regler hinunter zieht. Das Stück wird leiser und endet schließlich.
Alle hier in dieser Rezension erwähnten Veröffentlichungen sind ein Grund zum Erwerb des Albums. Es gibt jede Menge andere Versionen des Albums. Ich habe es nun in sieben Versionen und habe keinen der Käufe je bereut. Die Musik auf diesem Album wird die Zeit mühelos überdauern, egal in welcher Fassung auch immer.


