SCANDINAVIAN NIGHTS - Deep Purple
Kunstvoll & hart
Seit Anfang Juni 1970 lag Deep Purple In Rock in den Plattenläden. Das Album war der Renner und verkaufte sich wie nichts. Alle wollten die Band sehen. Live waren sie längst überall im Gespräch.

Mitte November des Jahres tourte die Band auf der skandinavischen Halbinsel. Am 12.11.1970 füllten sie das Konserthuset in Stockholm (Schweden). Das Konzert sollte mitgeschnitten werden und später im Radio übertragen werden. Ziel war eine Sendung unter dem Titel “Ljudkraft“.
In den Achtzigern nun wurden die Aufnahmen wieder entdeckt. Neu abgemischt erschien dann dieser Konzertauftritt 1988. 2004 und 2014 wurden die Musikstücke nochmals nachjustiert. Ich halte die letzte Nachbearbeitung für die Beste wegen der Beilagen und der richtigen Reihenfolge der Titel selbst.
Die Band hatte inzwischen jede Menge Bühnenerfahrung und besaß schon eine enorme Bühnenpräsens. Allein der Start des Abends mit dem abgewandelten Krach-Intro von "Speed King" ist voll der Hammer. Gefühlt ist es länger als im Original auf dem Studio-Album. Man merkt aber ganz deutlich die Funktion des straffen Einstieges. Einst gedacht als Test für die Tontechniker zum Abmischen und Ausbalancieren der Instrumente, kann man das in der Konserve von 2014 gut nachahmen. Die kleine Ansage von Ian zerreißt quasi den Album-Schnitt. In der Live-Variante jedoch wirken beide Stücke noch separat; was sie im Grunde einst auch waren.
"Into The Fire" ist der nächste und wohl auch schwächste Titel des Albums. Ian singt wie ein junger Gott. Allerdings haftet die Intonierung allzu sehr am Album. Das ist nicht negativ gemeint, doch der Rest der Aufnahme zeigt hier mehr Losgelöstes vom Original.
"Child In Time" jedoch brilliert und ist gut doppelt so lang wie auf dem Studio-Mitschnitt. Was für ein Song - wie Ian Gillan schon am Anfang schmachtet - ja das ist einfach cool. Der Titel startet dynamisch und druckvoll durch. Ian Paice wütet auf den Drums. Er hört sich richtig gut und flüssig an. Er ist immer auf dem Punkt und begleitete die Band zuverlässig. Zum Schluss gibt es das gewohnte und spektakuläre Ende. Gillan bekommt zurecht bei seiner Rückkehr auf die Bühne Szenen-Applaus. In dieser Form einfach unschlagbar - irre gut.
Ab dem nächsten Stück hat er längere Pausen. Es folgen gute 70 Minuten instrumentale Musik. Sie werden nur kurz unterbrochen vom guten Ian."Wring That Neck" ist erprobt und wird schon einige Zeit immer wieder live performt. Die Musiker nutzen diesen Song sowie auch "Paint It Black" und "Mandrake Root" zum ausgiebigen solieren. Was für ein Können sich da dem Hörer offenbar wird ist einfach unglaublich. Die Musiker selbst sind zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht mal 30 Jahre alt.
Der Rhythmus, das Taktgefühl und die Integration in das Bandgefüge selbst sind vorbildlich und vielen längst enteilt die länger im Geschäft sind und/oder auch älter sind. Hier halten sich alle an die jeweilige Songstruktur. Jon‘s Orgel grollt und schnauft furchterregend bevor sie wieder klassische Anspielungen aufblitzen lässt. Roger basst zur Orgel.
Dann wieder greift der schwarze Mann am anderen Ende der Bühne ins Geschehen ein. Jetzt halte sich fest wer kann! So etwas sah und sieht die Welt ganz selten. Von der Fingerübung bis hin zum Gitarrengewitter überspannt sich die Instrumentalisierung. Ritchie dehnt die Saiten seiner Gitarre und man glaubt jeden Moment geht das Instrument zum Teufel oder aber die Bühne öffnet sich und der eh schon schwarze Langhaarige fährt mit Getose direkt in die Hölle hinunter. Was für ein Schauspiel ganz ohne das heutige Flammengewitter auf der Bühne. Nur die Lichter leuchten und die Augen der Fans. So muss eine Live-Mucke gestrickt sein.
Ist das Getöse erst beendet, so fehlt es einem sofort wieder. Gillan taucht während dieser Zeit nur sporadisch auf. Gefühlt eine Winzigkeit hört man seinen Gesang um danach wieder einzutauchen in die instrumentale Melodieführung. Immer wieder ist man gefangen vom gegenseitigen Raum lassen und der Eigenständigkeit trotz allem. Alles passt, ist flüssig und in den Übergängen schlüssig.
Ian Paice trommelt in "Paint It Black" (wieder ohne Gillan‘s einleitenden Gesang) durchaus schlüssig fast den ganzen Song lang. Die Schlagzeug-Nummer ist cool getrommelt. Ian trifft die Felle ganz gut und verhaspelt sich nicht. Schön ist, dass er sich Zeit lässt und die Drums quasi Abteilung für Abteilung ran nimmt. Die Tempowechsel sind für Live-Auftritte gut geeignet und ein Garant dafür, dass keine lange Weile aufkommt. Nur vorn und hinten rahmt die Band das Solo ein. Später wird "The Mule" in dieser Art live interpretiert. Doch das kommt noch.
Alles endet mit dem Song, welcher im Suff entstand und im Grunde nur als damals verhasste Single gedacht war. Ian hatte die Idee auf dem Weg vom Pub ins Studio und Ritchie fand das berühmte Riff. "Black Night" wurde hier als Rauswerfer fürs Publikum fast schon missbraucht. Gleichwohl hatte wohl der Eine oder Andere diesen Song vielleicht noch im Ohr als er sich vom Konzerthaus entfernte und in der schwarzen Nacht verschwand.
An der von mir favorisierten Albumvariante von 2014 gefällt mir vor allem der klare Sound und die beiden Zugaben. Bei diesen handelt es sich um zwei Mitschnitte. Zuerst zwei Songs aus Paris 1970. Wo genau diese stattfanden war durch mich schwer zu ermitteln. Deep Purple waren mehrere Male in der Stadt der Liebe in diesem Jahre.
Nach langer Recherche im Netz gehe ich jedoch davon aus, dass dieser Mitschnitt am 08.10.1970 in der Taverne l‘Olympia aufgenommen wurden. Danach folgt noch ein Interview mit Jon aus dem Jahre 1971.
Die anderen vier Live-Mitschnitte (auf DVD) lassen sich genau datieren. Sie entstanden in den Granada TV Studios in Manchester am 14. Juli 1970; also sehr kurz nach der Veröffentlichung von Deep Purple In Rock. Wirklich gute Aufnahmen. Sie sind deutlich kürzer als sonst live. Diese Kürze ist wahrscheinlich den Erwartungen des Mediums Fernsehen geschuldet. Die Zuschauer sollten durch lange Improvisation nicht verschreckt werden. Im Grunde wird die durchschnittliche drei-Minuten-Nummer von der Öffentlichkeit bevorzugt.
Diese hier vorliegende Zusammenstellung der Arbeit der Band selbst ist der Grund weswegen ich diese Ausgabe von 2014 favorisiere. Es gab zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des hier besprochen Auftrittes die verschiedensten Medien. Meistens als Doppel-LP, auch als Audio-Kassette sowie als Doppel-CD. Als Doppel-LP mussten die Titel nach der möglichen Zeitbegrenzung einer LP-Seiten anders angeordnet werden. Somit hörte man die Songs nicht in der Reihenfolge des Abends. Leider war diese Unordnung auch auf so manchen CD‘s unverändert festgehalten. Mir persönlich gefällt das nicht, also organisierte ich mir Silberlinge mit der richtigen Abfolge.
Wie immer ist dieser Mitschnitt ein Lehrbeispiel für einen guten Liveauftritt. Anders kann man das hier enthaltene nicht bezeichnen. Der Band geht es super, dem Auditorium im Saal auch.


