WHO DO WE THINK WE ARE - Deep Purple
Das letzte dieser Besetzung - kein Glanzlicht
Alle Mitglieder der Formation waren zerstritten.Die Band lag in der Auflösung. In verschiedenen Pressemitteilungen wurde das Ende von Deep Purple schon angedeutet. Das im Januar 1973 erschienene neue Album von Deep Purple überraschte daher. Die Songs dazu entstanden im Juli 72 (Rom) und im Oktober 72 (Walldorf bei Frankfurt).

Ritchie hatte nicht wirklich mehr Bock auf Gillan. Seine Abneigung zum Rest der Band hört man stellenweise heraus. Seine Beiträge an den Songs waren eher rudimentär. So bekam der Fan ein Album mit deutlich größeren Einfluss des Tastenmannes zu hören.
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Der erste Song entstand in Rom. “My Woman From Tokyo“ war eine Verneigung vorm Land und der Menschen dort; ganz besonders der Weiblichen. Ein toller Rocker mit einem schleppenden Grund-Rhythmus.
Mit "Mary Long" hört man schon den zweiten Song des Albums. Auch hier scheint es nicht so recht loszugehen. Jedoch hören wir hier einen echten Purple-Song. Gillan hat nichts von seinem stimmlichen Zauber verloren. Der Titel gleitet sanft die Gehörgänge hinunter.
"Super Trouper" hingegen überrascht. Diese Nummer hört sich im Refrain echt abgehoben ab. Es entfaltet sich durch die solide Orgelgrundlage ein schöner Untergrund für den Song.
Mit einem echten Purple-Song geht es weiter. Erst bei "Smooth Dancer" meint man harten Rock zu hören. Der solide gespielte Rock‘n‘Roller ist wirklich cool gespielt.
Mit "Rat But Blue" beginnt die zweite Seite des Albums. Dieser Song ist einer meiner Lieblinge vom Album. Ein richtiger Höhepunkt - ohne Zweifel. Rhythmisch mitreißend geht es hier dynamisch nach vorn. Im Solo von Jon wird kurz mal in die Klassik abgebogen ("Präludium und Fuge" von Johann Sebastian Bach).
Auch "Place In Line" gehört eindeutig zu den Sahnestücken. Wie Ian hier schmachtet und leidet ist einfach cool. Ohne seine Stimme wäre das Teil nicht halb so gut. Live hätte das Ding durchaus Spaß gemacht. Ähnlich wie "Lazy" einst hätten sich hier auch tolle Duelle zwischen dem Saitenhexer und dem Tastenmann entwickeln können. Allein die Studio-Aufnahme lässt hier tolle Möglichkeiten vermuten.
Mit "Our Lady" geht das Album überraschend zu Ende. Der Titel war ganz sicher mutig. So experimentell hatte man die Band dann doch nicht erwartet. Die wummernden Orgelunterlegungen ist beachtlich. Der Song wirkt fast ein wenig überzogen, fast schon in Richtung Art-Rock.
Nur das Studio Out-Take “Painted Horse“ entstand einst in Rom. Kein Album-Song aber trotz allem nicht wirklich schlecht. Die anderen Titel sind dann jedoch Made in Germany.
Während dieser Arbeit sprachen die Musiker kaum miteinander. Sie spielten sogar ihre Parts in Abwesenheit der anderen ein. So entstanden die Songs im Grunde erst auf den Bändern des Rolling Stone Mobile Studios. Ein kleines Wunder.
Die ersten beide Songs sind echt gute Stücke. Was auffällt ist die fast schon obszöne Zurückhaltung des Mannes in Black in allen Einspielungen des Werkes. Viel ist er nicht zu hören. Seine Parts sind da, jedoch fehlt die kompromisslose Blackmore-Gitarre bisweilen sehr. "Place in Line" ist ein Beispiel dafür. Ian Gillan singt das Teil einfach nur cool. Er prägt den Song entscheidend. Sicher hört sich das Ganze richtig gut an, aber bei "Fools" oder "Lazy" hat Ritchie nicht so zaghaft zu den Saiten die die Welt bedeuten gegriffen.
"Mary Long" und "Smooth Dancer" sind gute Purpler, jedoch im Grunde als Höhepunkte nicht hart genug. Ritchie ist hier einfach nicht so recht bei der Sache. Ohne Jon Lord würde die Substanz fehlen. Und gar bei "Our Lady" fragt man sich schon warum diese Band das verzapft hat. Ist das noch Purple? Das fragten sich viele.
Ritchie setzte sich schließlich durch und Roger Glover musste neben Ian gehen. Der Herr Glover wusste längere Zeit gar nichts von Rauswurf. Das Management teilte ihm schließlich seine Entbehrlichkeit mit. Deep Purple machten dann also doch weiter, allerdings anders. Was immer bestand und auch noch später gern genutzt wurde; war die Anwesenheit von bandinternem Schwindel mit einem Management welches dann ungeliebte Wahrheiten verbreiten musste. Der geigte Kenner weiß Bescheid.
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In den Rillen dieser Zeit jedoch blieb ein scheinbar schlecht dargestelltes Gesamtwerk gefangen. Voller Blues und anderer Sachen. Die Anhängerschaft sah es ähnlich und dieses Album war das schwächste dieser Besetzung. Einzig der erste Song schaffte es aus der Versenkung und kam zu Ruhm und Ehre.
Die Band interessierte sich auch nicht mehr für das Ergebnis. Ian Gillan kümmerte sich noch um die Abmischung von MADE IN JAPAN und dann war Schluss. Ironischer Weise waren Deep Purple zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zum Beispiel die am besten verkaufte Band in den USA. Trotz allem wurde das Album zu guter letzt dann noch vergoldet.
Die 2000 erschienen Neuauflage (Remastered CD Edition) ist wieder einmal eine Bemerkung wert. Neben der aufgefrischten Songs sind hier vor allem die Beigaben sehr interessant. Besonders das letzte Stück ist allererste Sahne und richtig gut. Das rein instrumentale “First Day Jam“ wurde ohne die Störenfriede Gillan und Glover aufgenommen. Es rockt und bluest nur so. Ritchie am Bass das gab es schon öfters und ist nichts besonderes mehr. Einfach nur cool. Roger steckte im Verkehr fest und war spät dran.
Ein Motto auch fürs Album. Zu spät entstanden und letztlich steckten alle Beteiligten fest. Der Stau löste sich auf und es ging weiter - nur saß dann Ritchie allein am Steuer. Drei Sterne ist es gewiss wert. Den vierten gäbe es aus Mitleid für die Beteiligten (nicht die Musiker) für die Mühen und das Bekämpfen von Zwist und Unfrieden innerhalb der Band.


