CALIFORNIA JAM 1974 - Deep Purple
Deep Purple auf Speed
Man war sauer. Die Band sollte am 06.04.1974 in Ontario als letzte Formation vor ELP auf die Bühne; und das noch vor dem Sonnenuntergang. Deep Purple nicht als letzte Band des Abends, wie sollte das gehen? Auch sollte der Auftritt fürs Fernsehen aufgezeichnet werden. Ritchie wollte das jedoch nicht. Der Ausnahmegitarrist war außer sich und verbarrikadierte sich in seiner Garderobe.

Mit viel Zureden des Managements und einer gewaltigen Verspätung erschien der Man in Black. Während die Sonne verschwand gab er seiner Klampfe ordentlich Feuer. Das war buchstäblich so zu sehen. Nachdem Ritchie eine richtig teure Kamera auf der Bühne schon im ersten Teil des Auftritts zu Kleinholz prügelte ging die Bühne am Ende der Show in Feuer und Chaos unter. Die Band wurde ausgeflogen noch bevor sie durch das Auditorium und dem Veranstalter zerrissen wurde.
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Ritchie hatte seinem Roadie klare Anweisung gegeben die Gitarrenboxen mit Treibstoff zu übergießen. Dieser verstand die Menge falsch und groß das Vielfache darüber. Ritchie zündete und die Post ging ab.
Was sich abseits dieser Geschichte musikalisch ereignete, war so ziemlich das Beste was die Band in dieser Formation auf das Band brachte. David Coverdale sang souverän und der Bass-Mann hielt sich gut zurück. Glenn unterstütze und konkurrierte nicht. Leider gelang es Ihnen später nicht mehr. Sie hören sich hier echt gut an. So hatte sich das der Ritchie mit dem zweistimmigen Live-Gesang bestimmt vorgestellt.
Über die Leistung des Herrn Lord zu urteilen erscheint an Hand der Tonkonserve unangemessen. Wann immer der Wahnsinnsgitarrist am anderen Ende der Bühne explodierte, dann war er unterstützend zur Stelle. Auch solistisch; immer hört man von ihm keinen Einheitsbrei sondern bekommt eine wohltuende Kost Tasteninstrument.
Wie immer startet der Abend mit "Burn“. Nach dem schon bekannten Intro bricht der Song los. Urgewaltig und Hart, so erwarten das die Massen. Schon hier drückt Jon seine Orgel und bewegt diese. Ritchie ist geladen. Er spielt hart und schnell. Die Spannung löst sich.
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"Might Just Take Your Life" ist nicht unbedingt der beste und auch nicht der bekannteste Titel der Band. Er gehörte zum neuen Album jedoch sorgt sich hier Jon famos um die Ausgestaltung des Titels.
Auf den ersten Veröffentlichungen war dieser Song nicht enthalten. Erst 2003 wurde "Lay Down, Stay Down" der Aufzeichnung hinzugefügt. Der im Grunde recht funkige Song erhielt hier ein schönes Rockmäntelchen durch Ritchie übergestülpt.
Gerade bei Songs wie "Mistreated" bekommt man einen Eindruck mit welcher Dynamik hier auf der Bühne zu Werke gegangen wird. Der Gesang von David ist ein Traum. Die Band funktionierte und das konnte man deutlich hören. Die Gitarre wird immer schneller, unterlagert von einem fantastischen Orgelband, überschattet von der Stimme des Sängers. Hier wird gelitten, hier wird geschmachtet. Ich glaube in dieser Form hören wir wohl die beste Darbietung des Stückes an sich.
Mit einer kleinen Improvisation wird der Song von Ritchie eingeleitet. "Smoke On The Water" startet mit dem gewohnten Riff. Wie in dieser Bandphase allerdings üblich wurde der Song durch "Georgia In My Mind" unterbrochen. Ich fand das immer unnötig und im Grunde hat es das Stück nicht verdient so in zwei Hälften zerlegen zu werden. Ist halt alles Geschmacksache. Hart und gewohnt folgt dann das Ende.
Der Höhepunkt nähert sich mit Getöse. Die beiden letzen Stücke des Auftritts sind die absoluten Edelsteine. Ritchie reißt an seiner Strat, Ian Paice darf noch sein Solo vollziehen und Jon schiebt seine Orgel erneut über die Bühne.
Als erstes Stück donnert "You Fool No One/The Mule" über die Bühne. Hier ist die Hölle los. Die Musiker jammen was das Zeug hergibt. Die Dynamik ist das Entscheidende. Ritchie merkt man den Frust an. Man hört wie aggressiv er an den Saiten zieht. Aber auch hier spielt der Zaubergitarrist wieder richtig schnell und schießt reichlich Salven in die Verstärker. Auch ist Jon Lord ständig zur Stelle. Er gleicht sich der Härte ohne Mühe an. Und dann wieder diese langsame Blueseinlage bevor das Drum-Feuerwerk loslegt.
Mit mörderischer Geschwindigkeit nähert sich dann das überlange "Space Truckin’". Hier braut sich was zusammen. In dieser Version gefällt mir persönlich der Song weniger. Ihn jedoch in dieser Art zu strecken und darzubieten war schon cool. Gute 25 Minuten Bühnenpräsenz voller Spiellaune und Improvisation aller Bandmitglieder. Alle Beteiligten auf der Bühne sind präsent, sind Feuer und Flamme. Nicht nur des Endes wegen der Höhepunkt.
Ritchie, der Gitarrenmörder, zerstört erst zwei seiner Gitarren und dann wie beschrieben seine Boxen. Er brennt sich dabei die Mähne weg. Jon und Ian wären von der Druckwelle fast von der Bühne geflogen. Niemand wusste Bescheid über Ritchie’s Inferno. Eilends werden er und die anderen nach dem Ende vom Ort der Veranstaltung weg gebracht. Eine Zugabe nebst der Band ELP gab es nicht. Die Bühne war ruiniert und die Künstler verschwunden.
Nur die Verluste beim TV-Veranstalter, bei der Band und natürlich beim Publikum blieben zurück. Und eine Videoaufnahme mit Audioaufzeichnung. Diese wurde später neu entdeckt und einige Male überarbeitet. Die Klangqualität und auch das Videobild wurden so entscheidend verbessert.


