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LIVE IN GRAZ 1975

Ein geschichtliches Dokument - Deep Purple am Ende

Ritchie Blackmore war und ist kein Freund von halbherzigen Sachen. Jeder kundige Purple-Fan kennt Geschichten über den heimtückischen, undurchsichtigen und unberechenbaren Ausnahmegitarristen. Er hatte gute und auch schlechte Tage. Wenn er keine Lust hatte, dann war das halt so.

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Hier in der vorliegenden Aufnahme war es wohl eher so, dass er mal wieder keinen Bock hatte. Oftmals kann man das bei anderen Aufnahmen (auch aus späteren Zeiten) erkennen. So ist es leider auch hier.

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Wenn ich auch nie ein großer Fan der MK 3 - Besetzung war, so muss ich aber eingestehen, dass mir bestimmte Sachen ("Mistreated", "Burn", "You Fool No One", "Soldier Of Fortune" und "Holy Man") sicher gefallen. Kann man diese Stücke mit der Formation davor vergleichen? Nein ich denke nicht. Sie sind einfach nicht genauso gut.

 

Wie immer startet der Abend mit dem Krach-Intro. Schon hier bleibt nicht viel von der einstigen Power übrig. "Burn" eröffnet den Auftritt. Ritchie spielt zu Einführung ein wenig auf seiner Strut. Dann bricht es los. Der Song stammt noch aus einer besseren Zeit. Dem Gitarristen merkt man das deutlich an. David singt auch recht gut.

 

"Sturmbringer" gefiel dem exzentrischen Halsverdreher. So lässt er auch hier seine Finger am Griffbrett des Gitarrenhalses entlang gleiten. Jedoch schon mit weniger Intensität. Jon tut es Ritchie gleich und sorgt für eine Menge Druck. 

 

Mit "The Gypsy" geht es dann weiter. Schwer schleppt sich der Song über die Zeit. Hier hört man zum ersten Mal das Testosteron-geschwängerte Geschrei der beiden Purple-Vokalisten. Nicht wirklich mein Fall. Ist diese Phase erst überstanden brilliert Ritchie ein wenig. Allerdings lässt er den Unhold nicht aus den Verstärkern. Mit Geschrei geht es in den zweiten Abschnitt des Titels. Auch hier hat Ritchie echt Lust. Der Bass ist auch cool.

 

Mit einem klaren Gitarren-Riff startet dann "Lady Double Dealer". Über kurze Strecken hört man David. Doch dann wird wieder geschrien. Ritchie lässt die Saiten gehörig abheben und zeigt wie gut der Song im Grunde ist. Schön ergänzt von Jon’s Orgel. Jedoch hat man das Gefühl, dass beide nur mit Halbgas unterwegs sind.

 

Mit "Mistreated" sind wir wieder beim Album BURN. Zum Beginn jammt Ritchie ein wenig. Jetzt denkt man hat er richtig Bock. Alles wirkt unmotiviert, ist leider viel zu kurz und ohne die ihm übliche musikalische Verbindung von verschiedenen Stellen seiner Improvisation. Hat der Song erst begonnen hört man das Teil mit dem üblichen Versatzstücken. Auch hier hört man wieder einen beflissenen Gitarristen mit einem profihaften Timing und einer dem Song dienlichen Präsens. Doch wir alle wissen der Grenzgänger von der anderen Bühnenseite kann mehr - wenn er will.

 

Wie sehr diese Band am Ende ist kann man beim letzten Abschnitt des Konzertes hören. Allein die schaurige Zerstörung von “Smoke On The Water“. Ritchie gibt keine Mühe beim wohlbekannte Startriff. Hier bleibt nichts mehr von diesem Meilenstein der Rockmusik über. Einfach nur gruselig wie sie dieses Stück zu einem nichts sagenden Musikbrei verwursteln. Die Leistungen im Solostück "You Fool No One" sind bestenfalls durchschnittlich. Auch mit "Space Truckin’" wurde ja schon viel bandinterner Unfug veranstaltet. Hier jedoch wird es mit Ausnahme der Einführung unerkennbar. 

 

Was auf den Studioaufnahmen noch im erträglichen gehalten wurde, artete im Konzert aus. Dieses wüste Geschrei und Gegröle der beiden Gesangsartisten zum Beispiel. David Coverdale und Glenn Hughes schreien um die Wette als gäbe es kein Morgen. Nur hört sich dieser Zweistimmengesang nun nicht mehr so gut an wie auf den Alben davor. Es wirkt unmotiviert und eher abträglich der musikalischen Leistung der Band. Nun war ich nie der große Coverdale-Fan. Sicher liegt meine negative Meinung auch daran.

 

Ian Paice und das Bassspiel von Glenn Hughes sind eher unauffällig. Einzig - und das ist auch keine Neuigkeit - Jon Lord ist wie immer der große Retter der Aufnahme. Auch wenn ich hier das Gefühl habe, ihm geht das ewige Gerette der Songstruktur bisweilen auf den Geist. Aber bei ihm spürt man die Lust sein Instrument zu bedienen.

 

Wo ich wieder bei Ritchie wäre. Er klimpert fleißig seine Pflichtanteile und verschwindet sogar in großen Abschnitten komplett aus dem Bandauftritt. Wie schon beschrieben keine Seltenheit in der Geschichte dieser Band. Wenn man ihm so etwas wie Spielfreude ins Merkheft schreiben möchte, dann bei seinem Liebling "Mistreated". Auch später kommt dieses Stück immer wieder mal zum Einsatz bei ihm.

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Vergleicht man diese Aufnahme hier mit der von Paris (vier Tage später) so stellt sich das hier vorliegende Drama noch gravierender dar. Jeder kundige Purple-Fan kennt das ewige Thema von guter und schlechter Leistung der Band. Hier liegt also ein Beispiel für eine nicht so gute Leistung vor. Versteht man den Unterschied zu hören kann es ganz sicher ein wertvoller Beitrag sein, diese Aufnahme sein Eigen zu nennen.

 

Einen Abzug gibt es auch für das Fehlen der Zugaben des Abends. "Goin’ Down" und "Highway Star" sind sicher auch aufgenommen worden. Schade ich hätte auch ein wenig mehr bezahlt für ein komplettes Konzert. Aber hier wurde sicher wieder gespart. Wer weiß wozu es auch gut ist. Diese zerstörte Band ist schon die vorliegenden 80 Minuten schwer zu ertragen. Aber wie schon gesagt, ein Monument für die Ewigkeit bleibt es trotz allem. Es sollte in der Sammlung eines  echten Fans nicht fehlen.

Bildschirmfoto 2026-02-15 um 11.43_edite
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