DAYS MAY COME AND DAYS MAY GO - Deep Purple
Ein Findungsprozess
Deep Purple standen ohne Gitarristen da. Die Band hatte ein großen Problem. Wer sollte das entstandene Loch ersetzten. Die Auflösung drohte. Überredet von Glenn und David entschlossen sich Ian und Jon weiter am Ball zu bleiben.

Also begaben sie sich auf die Suche nach einem neuen Saitenakrobaten. Zu diesem Zwecke mietete sie sich im Juni 1975 ein Studio. In der neu eingerichteten Columbia Sound Stage in Hollywood fanden sie auch eine Lokalität. Zusammen mit dem Toningenieur Robert Simon veranstaltete man also dort ein Casting.
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Viele Gitarristen (auch mit großen Namen) erschienen und präsentierten sich. Alle scheiterten, waren für das komplizierte Geflecht der Band aus Anspruch und Qualität nicht geeignet. Nach vielen Versuchen nun war die Band deprimiert. Jon Lord hatte keine echte Lust mehr. Über Simon fiel der Spott dann auf einen in den USA bereits aufgefallenen Gitarrenhexer.
Tommy Bolin war keinem der Mitglieder ein Begriff. Nur David hatte das Album SPECTRUM von Billy Cobham einmal gehört und achtete die Qualitäten von Tommy. Also startete baldigst ein Vorstellen mit der Band. Man entschloss sich zusammen zu jammen und einfach mal zu sehen wie es so läuft. Robert Simon ließ während dessen die Vier-Spur-Bänder im Studio laufen. Nur als Grundlage für eine Verbesserungsmöglichkeit, der Überprüfung wegen. Diese Bänder nun blieben erhalten, wurden 2000 remastert und auf zwei CD's veröffentlicht.
Auf diesen Aufnahmen hört man Teile der Proben aus jener Zeit. Man spürt die Energie und die Intensität dieser Begegnung sehr deutlich. Die beiden Silberlinge halten quasi diese Proben in wirklich tollen Sound bereit. Es gibt zwar hier und da ein Brummen bzw. kleinere klangliche Beeinträchtigungen. Der Hörer wird zum Zeitzeugen einer Neufindung der Band und erlebt echten Spaß am Musizieren. Jon war von Tommy's Art der Spielauffassung total eingenommen. Er dachte sich Sachen aus, brachte Ideen ein und konnte einfach so drauf los spielen.
Genau das hört man hier. Hat man den ersten Titel angespielt ist man fixiert und man möchte mehr hören. Das kleine Instrumental "Owed to G" kennt der geneigte Hörer schon vom Album COMES TAST THE BAND. Die Komposition vonTommy ist ein echter Vertreter seiner Musik und hört sich einfach klasse an.
Beim nächsten Song spürt man schon den Improvisations-Charakter der Aufnahme. Alles wirkt noch ein wenig ungelenk. David Coverdale hört sich echt toll an. Auch gibt es leichte Tonprobleme. Doch was soll das Gemecker; diese Aufnahmen waren nie für die Öffentlichkeit gedacht. Zehn Minuten wird gejammt was das Zeug hergibt. Erfreulich ist wie gut sich Jon und Tommy auf Anhieb verstanden. Es groovt zwar, aber die Band fand es damals ja auch nicht schlecht. Und das war es überhaupt nicht.
Wiederum eine kleine aber feine Improvisationsprobe erhält der Lauscher mit dem Stück "The Orange Juice Song". Man merkt gut wie die Band sich dem Tempo fügt. Warum zum Teufel sollte diese Harmonie untergehen nur weil Ritchie weg war.
Mit Tommy gab es nun jemanden, der eine neue Dynamik in die Band trug. Er konnte auch funkige Sachen und hatte merklich Spass daran. Elf Minuten während "I Got Nothing for You" beweisen das. Einfach die Augen zu und lauschen, so stelle ich mir einen konstruktiven Schaffensprozess vor. Man hört die Erprobung von neuen Sachen heraus.
Man coverte auch alte Bluesstücke wie "Statesboro Blues" von Blind Willi Mc Tell. Auch das hörte sich richtig gut an und zeigte wieder einmal welches Spektrum Tommys Spiel zuließ.
"Dance To The Rock & Roll" ist ein scheinbar bekannter Jam. Die Band spielte das des öfteren auch Live. Auch hier hört sich alles schlüssig an. Gerade Jon und Tommy geben hier hier ein tolles Bild ab.
Von "Drifter" sind drei Versionen auf beiden CD's zu hören. Hört man alle hintereinander kann man die Entstehung des späteren LP-Titels gut nachvollziehen.
Mit "The Last Of The Long Jams" wird man nochmals direkt ins Studio mitgenommen. Einfach toll wie sich das anhört. Die erste CD endet dann mit einem unbetitelten Song (Jam). Diese Version von "I Got You Babe" ist bestenfalls der Vollständigkeit wegen erwähnenswert.
Auf der zweiten CD geht es ähnlich weiter. Neben einer bereits schon erwähnten Version von "Drifter" befinden sich nach einem kurzen Impro vom "Sail Away Riff" auch noch eine andere später auf Album veröffentlichte Version vom "You Keep On Moving". Hier merkt man wieder deutlich wie gut sich hier alle Musiker miteinander verstanden. Einfach cool gespielt das ganze und wirklich mit Inbrunst intoniert.
Bei "Pirate Blues" spürt man wieder diesen improvisierten Beginn. Hin und wieder stoppt das Unterfangen um dann erneut zu starten. Man hört einen Blues, mit einer Priese Funk.
Mit "Say You Love Me" endet dieses außergewöhnliche Zeitdokument. Wieder hört man eine gut aufeinander eingespielte Truppe. Dieser Song findet später in einer kürzeren Version mit Bläser 1977 bei David Coverdale's Solo-Scheibe NORTHWINDS erneut Verwendung.
Tommy widmete sich nach der Session seinem in Arbeit befindlichen Solo-Album TEASER. Im August traf man sich dann wieder um das Album COME TAST THE BAND einzuspielen. Es entstand einfach gute Musik, welche dann jedoch mit Deep Purple nicht mehr viel zu tun hatte. Das ist jedoch wieder eine andere Geschichte.
Die beiden hier besprochenen CD's sind ein Beispiel für den Enthusiasmus damals, für die Freude jemanden gleichgesinnten gefunden zu haben. Vor allem jedoch sind es keine echten Album-Titel. Sie sind unvollkommen und roh. Es sind schlichte Proben, Versuche eine Basis zu finden. Echte Produkte des Momentes und daher äußerst glaubhaft.


