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LIVE IN AACHEN 1970 - Deep Purple

Ganz sicher nicht der beste Mitschnitt

Die Band war schon das ganze Jahr fast ständig auf Tour. Zu jener Zeit konzentrierte man sich auf Europa. In der Regel spielte die Band am meisten in England und in Deutschland. Immer wieder wechselte man von der Insel aufs Festland und umgekehrt. Es gab fast keinen Monat in welchem man nicht vor Publikum sein Bestes gab.

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DEEP PURPLE IN ROCK erschien am 03. Juni 1970. Die erste einigermaßen erträglich aufgezeichnete Live-Mucke nach diesem wichtigsten Termin beinhaltet keinen Album-Song. Lediglich die Single "Black Night" ist zu hören. Vom 10. bis zum 12. Juli 1970 lief das erste Open Air Pop Festival in Aachen. Formationen wie Free, Traffic, Pink Floyd, Taste, Vander Graaf Generator, Ashton & York und Edgar Broughton waren schwer angesagt. Auch Deep Purple bekam Zeit auf der Bühne.

 

Dieser Aufschnitt wurde mitgeschnitten und erst als Bootleg veröffentlicht. Später wurde das Teil überarbeitet und kam dann 2001 als semioffizielle Veröffentlichung (über Purple Records) breit verstreut auf den Markt. Dem Label Sonic Zoom gelang es fortan öfters altes Material zu verfeinern.

 

Auf den Angaben der Cover ist das Datum des 11.07. vermerkt. Das stimmt jedoch nicht. Schaut man auf die Plakate der Zeit wird meine Lieblingsband für den Freitag (10. Juli) angekündigt. Einen Tag später traten die Herren Lord, Gillan, Glover, Blackmore und Paice schon in der Eissporthalle in München auf die Bühne.

 

Die leider unvollkommene Aufnahme startet recht spät im Programm. "Speed King" vielleicht auch "Into The Fire" oder "Hush" sind durch. Auch ein sicher famoses "Child In Time" ist für alle Zeiten im Äther verhallt.

 

"Wring That Neck" wird vom armen Ian nur kurz angekündigt. Er hat dann für gut 20 Minuten Pause. Wahrscheinlich vergnügt er sich mit einem Grupi. Wer weis das heute noch. Dann bricht das Teil jedoch los. Ritchie beteiligt sich nur kurz aktiv am Feuerwerk. Jon übernimmt und ist Omnipräsent. Breit und fett dominiert er das Geschehen. Im Refrain hört man die Zaubergitarre. Einige Fingerfertigkeiten später jagt Jon wieder den Affen über die Bühne.

 

Immer wieder - nicht nur hier - zischt eine Peitsche durch das Soundfeld. Vermutlich verleiht Jon dem Veranstaltungsort (Reithalle) seine persönliche Note. Oder sind die Töne tatsächlich technisch Störungen? So richtig zuordnen kann ich es nicht.

 

In seinem Solo-Part findet auch kurz Edvard Grieg mit "In The Hall Of The Mountain King" Anklang. Dann platzt Ritchie kurz die Hutschnur. Mit ein wenig Improvisation beendet der extra-gute Gitarrist das Teil.

 

Bei der Aufführung von "Black Night" darf Ian Gillan sich wieder beteiligen. Seine Audiospur ist schlicht eine Katastrophe. Er kommt in dieser Aufnahme nicht wirklich gut rüber. Viel kann man auch mit sanfter Kosmetik in der gepflegten Audio-Werkstatt nicht mehr rausholen. Erfreuen wir uns lieber an Jon’s lebendiger Spielweise. Die sechs Minuten sind ertragbar.

 

Zu dieser Zeit schlachtete die Band fürs Drum-Solo noch fremdes Material. Es gibt Aufnahmen in welche Herr Gillan noch gesanglich einsteigt. Jedoch gibt es auch Mitschnitte ohne den Sänger. An jenem Abend hören "Paint It Black" ohne Gesang.

 

Doch zunächst leitet Jon mit einer flachen Orgel ein. Das gewohnte Motiv breitete sich toll vor dem Innenohr aus. Nach gut zweieinhalb Minuten rührt Ian mit den Trommelstöcken im Schlagwerk. Die Dominanz des Herrn Paice ist gewaltig. Wie er die Felle trifft gestaltet sich echt aufregend. Wo zum Teufel findet man heute noch so einen tollen und inspirierten Solo-Beitrag über fast neun Minuten! Irre und viele denken das wird langweilig. Keine Ahnung was in solchen Menschen abgeht. Diese Schläge gehen ins Innere und werden zum Indikator für den Herzschlag eines jeden Rock-Vernarrten.

 

Zu Beginn der nächsten halben Stunde darf der Herr Gillan noch einmal seinen Gesang ertönen lassen. Dann jammen die Instrumentalisten durchs Teil. "Mandrake Root" zeigt die Qualität der Beteiligten nochmals. Der Sänger kommt hier ein kleines bisschen besser weg. Richtig gut wird seine Tonspur jedoch nie.

 

Doch der Teil danach ist voll der Hammer. Jon ist präsent und reitet auf dem Drive der Drums und des Basses. Klar ist das aus dem leider vorhandenen Soundbrei nur mit Mühe erkennbar. Der Gesamteindruck ist dennoch genügend um sich ein Urteil zu bilden. Jon soliert hinreißend. Später bei "Space Truckin‘" hört sich das ähnlich an.

 

Schliesslich greift der gute Ritchie ab der Mitte dann doch noch nach seinem Instrument. Deutlich drückt er sich durch die Lautsprecher. Es dauert jedoch nicht lange und er schwingt das arme Teil ganz sicher durch die Luft. Er reißt und greift daran herum, schiebt das Teil über die Verstärker und schlachtet das Ding. Nun hören wir nur noch Bass und Drums.

 

Dann ist Jon wieder da. Er rettet den Auftritt und führt die Jagd nach Tönen zu Ende. Plötzlich hört man auch die Handtrommeln vom Herrn Gillan. Schließlich kehrt auch der Zauberer des Sechsaiters zurück. Hart und dominant kämpft er auf der Bühne mit den anderen Beteiligten. Schliesslich hat man das Gefühl, dass noch eine weitere der Gitarren den Weg ins Jenseits antritt. Doch ist das Gemetzel auf der Bühne wirklich zu groß für das arme Instrument? Töne welche nur ein Verehrer des in schwarz gekleideten Unholdes lieben gelernt hat. Irre und für heutige Ohren wohl schwer zu glauben.

 

Ist die Aufnahme beendet bleibt man beeindruckt zurück. So etwas schafft nur diese Band. Ratlosigkeit breitet sich aus. Ist das noch Musik, oder nur noch Aktion mit Sound?

 

Der Klang ist echt nicht gewaltig. Die Instrumente sind jedoch ausreichend verfügbar. Herr Lord und auch Ian Paice präsentieren sich dem Hörer in bester Spiellaune. Ritchie glänzt nicht so wie immer. Woran das lag lässt sich schwer ergründen. Ist die Aufnahme schuld oder hat der oftmals gefürchtete Übellauner wieder mal zugeschlagen?

 

Wir wissen es nicht. Denkbar ist es schon, dass Herr Blackmore hier schon erste Anzeichen von dem entwickelt was sich später noch ausweiten wird. Für diese Zeit hier ist es letztlich egal. Bestenfalls ein Ausrutscher, wenn überhaupt nur zufällig. In dieser Phase halten die Mitglieder noch zusammen. Die Risse treten erst zwei Jahre später zu Tage.

 

Ganze vier Tage später (14.07.70) traten sie in den Granada Studios in Manchester auf. Dieser Mitschnitt ist erhalten geblieben. Hier hört und sieht man diese Band nochmals in wirklich bester Spiellaune und Aufnahmequalität. Das fürs TV mitgeschnittene Kurzkonzert blieb teilweise erhalten und wurde als Extra später öfters veröffentlicht. So wurde es beispielsweise auch 2014 zum Mitschnitt von Live in Stockholm 1970 hinzugefügt. Auf diese Aufnahme verweise ich um sich die hier fehlenden Songs nochmals live ins Gedächtnis zu rufen. "Speed King" gibt es dort zwar auch nicht zur Gänze, jedoch hört man eine echt tolle Variante von "Child In Time". Bei "Wring That Neck" und "Mandrake Root" hören hier kürzere Versionen der Aufnahmen des besprochenen Albums hier.

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