GEMINI SUITE LIVE - Deep Purple
Jon’s zweiter Versuch trotz Widerstand aus der Band
Am 24.09.1969 standen Deep Purple das erste Mal mit großem Orchester auf der Bühne. Das CONCERTO FOR GROUP AND ORCHESTRA war ein großer Erfolg. Das dabei aufgenommene Album brachte der Band Beachtung ein. Sie wurden über die Veröffentlichung bekannter und konnten so sicher mehr Aufmerksamkeit auf die folgenden Alben erzeugen.

DEEP PURPLE IN ROCK erschien am 03.06.1970. Die Band spielte schon das ganze Jahr endlose Rock-Konzerte. Fast jeden Monat traten sie Live in England und großen Teilen von Europa auf. Sie zeigten sich hier von ihrer härtesten Seite, präsentierten den Beginn des Hard-Rocks.
Jon Lord hingegen fand während der ganzen Arbeit mit dieser aufstrebenden Band noch die Zeit zur Fortsetzung seiner Klassik-Ambitionen. Nach dem Auftritt in der Royal-Albert-Hall sollte ein zweites Orchester-Werk das Licht der Welt erblicken. Diese Art der Musik war zu jener Zeit etwas seltenes und in dieser Form wohl auch gut zu vermarkten.
Blackmore und Gillan fanden die Beschäftigung mit klassischen Strukturen nicht so berauschend. Sie wollten lieber harte Töne durch die Verstärker jagen. Als Band mit Orchesterbegleitung wollten sie nicht gerne in Erinnerung bleiben. Als Jon seine Absichten erklärte mit der GEMINI SUITE live aufzutreten protestierten beide. Jon sollte sogar gedroht haben aus der Band auszusteigen.
Mit dem Orchestra Of The Light Music Society kam es schließlich zu einem Auftritt in der Royal Festival Hall in London am 17.09.1970. Malcolm Arnold dirigierte das Ganze wie auch schon ein Jahr zuvor beim CONCERTO. Mit dabei war auch die komplette Band.
Das Werk selbst wurde erst kurz vorher von Jon fertiggestellt. Ian Gillan soll seinen Text erst kurz vor der Aufführung geschrieben haben. Alles war wie immer mit der berühmten heißen Nadel zusammengeheftet. Eingebettet in einer brettharten Tour entstand so erneut ein toller Abend.
Nicht der komplette Teil der Aufführung wurde für die Nachwelt festgehalten. Ich denke, dass es an diesem Tage mehr zu hören gab als die drei Sätze der Sinfonie. Ähnlich wie ein Jahr zuvor denke ich wird es im Vorfeld wieder mehrere Teile gegeben haben, in welchem sich Malcolm und die Band mit eigenem Material der dortigen Öffentlichkeit präsentieren konnten.
Die Suite hingegen wurde als LP in die Läden geworfen. Die mit drei Titeln herausgegebene Live-Aufführung ist im Grunde jedoch falsch tituliert. Im ersten Satz werden Gitarre und Gesang angekündigt. Das jedoch stimmt nicht. Hier hört man erst den Gitarristen soliren und danach schiebt Jon seine Orgel über die Bühne. Erst zu Beginn des zweiten Aktes singt Ian Gillan seinen Text.
Kräftig und dynamisch startet der Hörer in das Werk. Gleich zu anfangs beteiligt sich auch Ritchie. Seine Gitarre ist dominant. Sie endet jedoch bald und die erste kurze Ruhige Phase tritt ein. "First Movement" ist eine Mischung aus Klassik und Blues. Es erstaunt wie gut sich Blackmore einbringt. Seine harte Gitarre passt sich schön ein. Schließlich startet sein Solo. Ganz nach Art des begnadeten Saitenverwöhners kommen keine Zweifel auf. Hier drängt der dunkel gekleidete Spezialist in der Gesamtheit der Versammelten nach vorn.
Offiziell sind wir noch im ersten Part, im Grunde beginnt jedoch mit Jon’s Orgel ein neuer Teil. Schwer schleppt sich die Vereinigung von Klassik und Rock über die Bühne. Jon befestigt sein Instrument betonartig in der Halle. Nachdem er sich wieder mit dem Orchester vereinigt geht es in den nächsten Part.
Zu Beginn darf der Herr Gillan den frischen und auch neuen Text auf der Bühne singen. Er klingt wirklich toll und singt auch echt hoch. Der Ton wirkt leicht übersteuert. Er klingt jedoch gefühlvoll und lyrisch. Dann bricht der Rocker aus ihm heraus. Da hört man die Röhre und er fleht und schreit.
Wieder unterbricht das Orchester. Das "Second Movement" geht mit dem Bassisten weiter. Es ist ungewohnt Roger mit dem großen Instrumentarium zu hören. Er fügt sich gut ein in den großen Klang und spielt ein cooles Solo. Nicht übermäßig schnell sondern immer im Einklang mit dem Rest auf der Bühne.
Mit dem Schlagzeug wird das nächste Bandmitglied in den Mittelpunkt gestellt. Ian Paice trommelt zusammen mit dem Orchester und hinterlässt einen potenten Eindruck. Gewaltig in das Klanggefüge verbaut trommelt er immer mit den anderen Beteiligten. Seine Solo-Beiträge wirken enteilt, schaffen jedoch einen tollen Kontrast zum Rest der Truppe. Wieder ist er unwiderstehlich schnell. Dann fällt er ab und das Orchester fängt ihn wieder ein.
Das "Third Movement" endet schließlich in einem totalen Finale. Die Band steigt zum Ende hin total mit in das Werk ein. Es entsteht eine tolle Dynamik. Gute zehn Minuten ist die volle Kraft und Einheit greifbar. Leicht und bisweilen bleischwer strebt man dem Ende entgegen. Alles scheint ein wenig melodramatisch in die Länge gezogen zu werden. In einem großen Inferno wird der letzte Teil schließlich beendet.
Die Aufführung ist sicher besser vorbereitet gewesen wie jene aus dem Jahr davor. Sie wirkt trotzdem ein wenig hastig und vielleicht auch unvollendet. Die fehlende Probezeit spürt man sicher. Es liegt eventuell auch am Unwillen von Gillan und Blackmore. Nimmt man sich jedoch die Zeit und hört entspannt zu ist man von den vielen Wendungen doch beeindruckt.
Für den flattrigen Zeitgeist mit einer “Zappel-Existenz” ist dieser Werk ganz sicher keine Empfehlung. Es benötigt Laune, Einverständnis und jede Menge Geduld sich die gut 45 Minuten reinzuziehen. Der Hörer wird für seine Offenheit und Fairness am Ende auch belohnt. Behält man das CONCERTO FOR GROUP AND ORCHESTRA jedoch im Hinterkopf so verliert die GEMINI SUITE ein kleines wenig.
Der Klang könnte ein wirklich besser ausgearbeitet sein. Man wünscht sich schon in manchen Passagen eine schönere Höhenverwertung. Das verwundert, da es erst sehr viel später in die Hände der Fans gelangte.
Erst 1993 veröffentlichte man die Suite unter dem Bandnamen. Es stimmt ja auch, da das Motto der Show auch mit Deep Purple verbunden war. Alle Mitglieder standen auf der Bühne und beteiligten sich an der Aufführung. Die später Veröffentlichung könnte auch mit der komplexen Entstehung des Werkes einher gegangen sein. Über Jon’s Bestrebungen zu jener Zeit war man sich innerhalb der Band nicht einig. Schließlich wollten sie als harte Formation die Wände von Hallen zum schwingen bringen.
Jon hingegen war wohl nicht ganz einverstanden mit der Uraufführung. Das führte dann dazu, dass er im Jahr darauf diese GEMINI SUITE als sein erstes Solo-Album nochmals neu in Studios aufnahm. Ian und Ritchie standen dafür nicht mehr zur Verfügung. Doch das ist wieder eine neue Geschichte.
Jon jedenfalls erschuf sich mit diesem Stück Musik eine eigene musikalische Solo-Line. Diese bauten er immer parallel zu Deep Purple weiter aus. Auch nach seinem Ausstieg aus der Band blieb er dieser Musikrichtung treu.


