DURHAM CONCERTO - Jon Lord
Ein Tag in Durham
Vermutlich im Jahr 635 wurde im schottischen Dunbar Cuthbert von Lindisfarne geboren. Er verpflichtete sich der iroschottische Kirche und diente dieser bis zum Ende seines Lebens am 20.03.687. Der Kirche widmete er sein Leben.

Dieses verbrachte er mit Ausnahmen im angelsächsische Kloster Lindisfarne. Er lebte lange Zeit isoliert auf den nahen Farne-Inseln und verfasste dort das erste Tierschutzgesetz zum Schutze einer Ente. Grund dafür gab es genug, da Pilger dort hin wollten um ihn zu treffen.
Er war schon zu Lebzeiten berühmt geworden. Ihm schrieb man zahlreiche Wunder zu. Sein Leichnahm wurde schließlich 11 Jahre nach seinem Tod aus dem Grab genommen um diese Reliquie vor den anbrausenden Wikinger-Horden zu retten. Über verschiedene Stationen gelangte er schließlich zum Plateau nach Durham. Mittlerweile fanden sich in seinem Sarg neben seinem nicht verwesenden Körper auch die Gebeine anderer Heiliger. Dort wurde erst eine kleine Steinkirche gebaut.
Am 10.08.1093 wurde schließlich das Fundament eines der wertvollsten Kirchenbauten Englands angefangen. Gute 100 Jahre später war die Kathedrale von Durham nicht mehr von der Erde zu tilgen. Tausende Angriffe der Schotten, sogar eine Umgestaltung zum Gefängnis konnten ihr nicht den Schneid nehmen. Nicht wenige führen diese Billanz dem Grab des Heiligen Cuthbert zu.
Mächtige Bischöfe hatten dort über die vielen Jahre ihren Sitz. Auch ihre bis heute einzigartige Anglo-Normannische Architektur ist von Beachtung. Diese Kirche gehört zum Welterbe der Menschheit.
1832 wurde dort die Universität Durham gegründet. 2007 wurde diese Universität 175 Jahre. Zu diesem Anlass beauftragte man Jon Lord ein Werk zu verfassen. Es sollte orchestral die Mächtigkeit, Würde und die Bedeutung der Kathedrale und des Ortes selbst in einen anspruchsvollen Rahmen fassen.
Jon kannte die Kathedrale und den Ort nicht gut. Also entschloss er sich dort hin zu fahren und alles mit den eigenen Sinnen erfassen zu können. Er war erstaunt und überwältigt vom kirchlichen Bauwerk, von der Altstadt und von den Menschen dort. Er willigte ins Unterfangen ein.
Am 20. Oktober 2007 kam es in der altehrwürdigen Kathedrale zur Erstaufführung mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra. 1000 Personen weihten diesen Ort und die lordsche Musik mit ihrer Aufmerksamkeit, ihrer Anerkennung und ihrem Applaus.
Eigentlich erklang jenes Werk mit demselben Orchester schon vom 18. zum 19. Juni 2007 in der Philharmonic Hall in Liverpool. Quasi unveröffentlicht spielten sie dort unter der Leitung von Mischa Damev das zugehörige Album ein. Es wurde aufgenommen und sicher für die Veröffentlichung in der Kathedrale reserviert. Offiziell erschien das Werk am 4. Januar 2008.
Lassen wir uns nun auf eine einstündige Reise mitnehmen. "Part 1: Morning" erstreckt sich über zwei Abschnitte. Es beginnt mit "The Cathedral At Dawn". Jon führt uns hier mit ruhigen Klängen seiner Hammond, der Violinistin Ruth Palmer und Cellisten Matthew Barley in den Zauber des beginnenden Tages. Wenn sich die Kathedrale im Morgenlicht erhebt, sie durchdrungen wird von feinen goldenen Fäden, dann lehnen wir uns zurück und staunen.
Schliesslich erwacht das alte Bauwerk. "Durham Awakes" nimmt uns ein Stück mit hinein. Kathryn Tickell zaubert mit ihrem Dudelsack aus Nordostengland eine starke einheimische Note ins Werk. Schick führen die Schlaginstrumente auf die Streicher. Zusammen leiten uns alle Instrumente gute sieben Minuten durchs Stück.
Mit dem Beginn vom "Part 2: Afternoon" schreiten wir in den Nachmittag. Fast schon ein wenig verspielt geht es auf zu "The Road From Lindisfarne". Von Lindisfarne stammt der älteste "Gast" der kirchlichen Institution dort. Das Grab des Heiligen Cuthbert kann noch immer in der Kathedrale besucht werden.
Einst stand Jon auf dieser Brücke und genoss den Anblick des Bauwerkes. Es war nicht nur eine Kirche, sondern eher eine Festung. Uneinnehmbar über hunderte Jahre. "From Prebends Bridge" beschreibt seinen Eindruck von diesem Standpunkt. Er blickt hinauf auf die sich oberhalb vor ihm hinziehenden Mauern. Erhaben und Furchteinflößend muss diese Bauwerk gewirkt haben auf jene, welche versuchten diese mit Stahl und Feuer niederzurennen.
Mit "Part 3: Evening" sind wir in der anbrechenden Nacht gelandet. Die Betrachtung beginnt mit "Rags & Galas". Was Jon mit Lumpen meinte ist konkret nicht überliefert, Galas hingegen sind weiträumig bekannt. Jon drückt sich hier gewaltig ins pompöse Geschehen. Man spürt die Umtriebigkeit in der Universitätsstadt, ihren offenen Geist. Musikalische Vielfalt wo auch immer man hinhört.
Eine Nocturne ist eine Musikform aus dem Barock. Eine freie und unbestimmte Art Instrumente erklingen zu lassen. Diese Freiheit ist unweigerlich hörbar. Für diesen Anlass eine tolle Würdigung des Ortes und der Menschen. In lordscher Romantik nimmt man Abschied vom Künstler und seiner überaus potenten Begleitung. "Durham Nocturne" gibt uns die Gelegenheit uns zu verabschieden.
Das Werk an sich genoss unter den Verehrern ein hohes Ansehen. In nur kurzer Zeit erklomm es die Chart von ClassicFM. Es ist echt schade, dass es in seiner Verbreitung nicht wirklich viel unterstützt wurde. Die kleine musikalische Unterweisung in das große Gefüge der Welt ist jedoch immer noch zu haben.
Wie immer benötigt man etwas Zeit und Muße um sich den Mitschnitt ins Innere zu leiten. Einige Fakten zum Hintergrund der Aufnahme sind meiner Meinung nach auch wichtig um sich diesem außergewöhnlichen Stück Klassik zu nähern.
Jon Lord hat sich hier wieder in seiner vollen Größe präsentiert. Ohne sich zu hetzen schafft er es wieder eine tolle Klangkulisse zu schaffen. Durch diese entfaltet er die ursächlich schöpferische Kraft. Zum Ende hin lässt er sie ziehen. Mit einem angebrachten Ende entlässt er den Hörer zurück in die reelle Welt.


