LIVE IN DENVER - Big Mama Thornton & Tommy Bolin
Tolle Musik für die Ewigkeit
Willie Mae „Big Mama“ Thornton wird als eine der Begründer des Rock‘n‘Roll für immer mit dieser Geschichte verbunden bleiben. Nur wenige können mit dieser Person etwas anfangen. Sie wurde am 11. Dezember 1926 in Alabama geboren. Sie kämpfte sich durchs Leben, fand es schön und ließ sich nie unterkriegen.

In einer Welt voller Rassenwahn und geschlechtsspezifischer Diskriminierung ein wahres Wunder. Sie war eine starke Persönlichkeit. So ziemlich jeder nutzte sie aus. Ihre übergroße Lebensfreude fand am 25. Juli 1984 in einer kleinen Pension in Los Angeles ein jähes Ende. Ihr Körper gab schließlich auf. Zuviel Alkohol und das dazu gehörende ausschweifende Leben gönnten ihr nur 57 Jahre.
Was das aber für Jahre waren ist beeindruckend. Janis Joplin betrachtete sie als Seelenverwandte. Muddy Waters war beeindruckt von ihr. Andere Genre-Größen pflichteten ihm bei. Sie wurde zu Recht mit Aretha Franklin verglichen.
Gospel, Rhythm and Blues und der Blues selbst; das war ihre Heimat. Sie selbst sagte wohl mal, dass sie den Blues lebte. Eine absolute Wahrheit, betrachtet man sich ihren Lebensweg. Als schwarze Frau in dieser Umgebung musste sie gelitten haben. Sie brachte sich das Mundharmonika-Spiel selbst bei. Auch mit dem Schlagzeug verhielt es sich so.
Gesungen hat sie jedoch immer. Schon als Kleinkind, später als Frau. Ihre Stimme war damals und heute einzigartig. Wir reden ständig über die ganz Großen des Blues. Sie zählte mit ihrer druckvollen Stimme immer zu den Sternen. Sie tingelte in Fünfziger Jahren und hatte Mitte der Sechziger auch einen Hit. Sie trug jedoch nie die Lorbeeren. Tantiemen erhielt sie auch nicht für ihren zweiten Hit. Sie lebte von der Hand in den Mund.
Anfangs der siebziger Jahre kriselte ihr Erfolg. Ohne Stammband zog sie durchs Land und nahm Angebote an wo sie sich ihr boten. So kam es auch zu einem Treffen mit Tommy Bolin. 1973 stand er in Denver mit dieser überaus begabten und ständig unter Wert gehandelten Sängerin auf der Bühne.
Die Lokalität ist nicht bekannt. Auch das genaue Datum habe ich nicht herausgefunden. Ein lokaler Radio-Sender (KFML Radio) zeichnete die Auftritte in wirklich gutem Ton auf. Eine Titelbenennung findet sich nicht. Die Songs sind trotzdem gut erhalten und lassen sich größtenteils zuordnen.
Wie damals üblich spielten die Künstler zwei Parts an einem Abend. Zwei Mitschnitte blieben erhalten. Es ist jedoch auch möglich, dass beide Teile von verschiedenen Tagen stammen. Wer weiß das noch nach so langer Zeit?
Vermutlich griff diese Radiostation zur Veröffentlichung oder der Tommy Bolin Memorial Fund kümmerte sich darum. Im Internet findet sich noch dieses Musik und wer lange genug sucht gelangt schließlich auch in deren Besitz.
Tommy war auch in diesem Jahr viel beschäftigt. Er war mit Billy Cobham im Studio, hatte mit Zephyr ein Date und stand 1973 für zwei Alben mit der James Gang im Studio.
Sein Solo-Projekt Energy war gescheitert. Zusammen mit Stanley Sheldon (Bass) und Bobby Berge (Drums) verdiente er Geld. Das ging im Grunde ganz gut als Begleitband. Der Deal mit der großen Blues-Stimme kam gerade recht.
Hören wir in beide Alben rein so offenbart Tommy gleich zum Start des ersten Mitschnittes eine klopfende Gitarre. Diese erzeugte er wohl mit einem Echoplex (eine Art Soundoptimierer auf Magnetbandbasis). "Space Jam" führt uns über die Weiten des Alls in den Abend. Handarbeit wo man nur hinhört. Ein Instrumental allererster Güte. Es lebt und bebt in jeder Sekunde.
Hat der wohl vorhandene Moderator noch schnell den Radio-Sponsor betont geht es in die nächste Runde. Es wird deutlich gewichtiger. "Rhythm And Blues Jam" ist genau das was der Titel erwarten lässt. Erneut wird nicht gesungen. Die kleine Band spielt erneut grandios auf. Man hört einen außergewöhnlichen Jam. Hier wird die Waagschale hoch gehalten. Wir hören Tommy in seinem vollen Portfolio. Es klingt einfach alles an.
Schließlich betritt Big Mama die Bühne. Zuerst bedankt sie ich bei der Band. Sie preist den alles bestimmenden Gitarristen. Sie präsentiert ihren "Big Mamas Blues"
"Baby Please Don’t Go" ist ein Blues-Traditional. 1935 veröffentlichte Big Joe Williams den Song ein erstes mal. 1953 verinnerlichte Muddy Waters das Teil. Es reißt sofort mit. Big Mama gibt das erste mal richtig Gas. Was für eine Stimme sich hier erhebt ist gewaltig. Sie nimmt zu recht den Raum ein. Zusammen mit ihrer Mundharmonika entwickelt sich ein cooles Stück Mucke. Tommy passt sich an und lässt der eigentlichen Attraktion genug Raum.
"Rock Me Baby" ist ein Klassiker. Unzählige Versionen gibt es davon. BB King veröffentlichte die erste Version davon 1964. Es basiert auf den 1951 entstandenen Song "Rockin' and Rollin'" (Melvin "Lil' Son" Jackson). Das Teil ist einfach nie mehr verschwunden. Diese Version lebt von der Stimmgewalt der Sängerin. Eine wahre Hammernummer und ganz sicher in dieser Form unerreicht.
1954 schrieb Jesse Stone "Shake, Rattle and Roll". Big Joe Turner nahm das Teil dann auf und veröffentlichte es als Single im April des selben Jahres. Was für eine tolle Intonation hier das Ohr erreicht ist nicht zu glauben. Auch und gerade durch Tommys druckvolles Spiel erscheint der Titel echt lebendig.
Mit "Ball and Chain" hören wir dann einen ihrer großen Hits. Die Plattenfirma veröffentlichte das Teil damals nicht. Ihr wurden alle Möglichkeiten gesperrt um das zu realisieren. Janis Joplin hörte den Song live und wollte das Teil unbedingt singen. Leicht verändert in der Tonhöhe trug sie den Song auf dem Monterey Pop Festival 1967 zu Weltruhm. Später verriet Big Mama, dass sie über dieses Arrangement letztendlich doch Tantiemen für den Song erhielt.
Big Mama brachte sich alles selbst bei. Noten lesen konnte sie nicht. Sie erhielt die Version von Jerry Leiber und Mike Stoller im Jahr 1952. Im Februar 1953 kam die Single heraus. Es war ihr einzig wirklich großer Hit. Sie hingegen bekam nur einige Dollar hierfür. Die Plattenfirma selbst strich die Einspielsummen ein. Elvis Presley verhalf dem Titel schließlich zu wahrem Weltruhm. Um sich die Gebühren zu sparen gab sein Management an, die Idee von einer anderen Band zu haben.
Das Ende der ersten Show ist mit "Swing It On Home" erreicht. 1966 erschien der Song auf einer Single. Eine wahnsinnig lebendiges Ereignis. Den geneigten Hörer erreicht eine starke Nummer unter Beteiligung der ansonsten nur im Hintergrund werkelnden Begleitband. Ein erneut schön verpacktes Drumsolo erreicht das Publikum. Auch der Gitarrist fügt sich ein und improvisiert fleißig mit.
Kann es besser werden? das fragt man sich nach diesem Ende. Ein zweiter Auftritt wurde ebenfalls für die Ewigkeit festgehalten.
Erneut wird die Band im Hintergrund deutlich nach vorn auf die Bühne gestellt. Der Hörer wird mit einer Melange Grove/Rock und Jazz auf den Auftritt der Gesangeskünstlerin vorbereitet. Bei "Grouvin’ Blues Meets Crazy Jazz" zeigen alle Beteiligten was möglich ist und zu was man Lust hat. Viel freier kann eine Packung Improvisation nicht werden. Meisterlich und spektakulär.
Auch beim zweiten Intro geizt die kleinen Band nicht mit Reizen. Dieser "Funky Move Jam" ist wie sein Vorgänger ein Schaubild von dem was möglich wäre, ließe man die drei Musiker vollends frei aufspielen.
Doch der Zweck des Abends besteht halt nicht darin. Es galt die Grand-Madam des Blues zu begleiten. Wieder betritt die immer zu unrecht in den Schatten gerückte Künstlerin in das Licht der Bühne. Erneut präsentiert sie sich. "Big Mamas Blues" ist Programm und Einführung ins Thema genug. Sie begrüßt Ihr Publikum.
1966 veröffentlichte Big Mama "My Heavy Load". Wir hören hier einen Blues-Kracher der allerbesten Güte. Langsam ausgebreitet vermisst man nicht die Spannung und den Druck des Songs. Tommy passt sich hervorragend an. Er passt zur Sängerin und folgt ihrem Gesang.
"Good Morning Little School Boy" wird gleich danach in die Massen geschleudert. Sony Boy Williamson präsentierte den Titel 1939 als Single. Er sang noch von einem Girl. Später passten die Sänger sich das Geschlecht an. Big Mama geht auch hier geschmeidig den Gehörgang hinunter. Die Stimmgewalt von ihr ist allgegenwärtig.
Die Moderation im Anschluss verriet viel über die Person des Vortrages. Ihrer positive Art nimmt einem gefangen. Sie stimmt so den nächsten Song an.
Sie wuchs mit Gospel auf. Diese tiefe innere Verbundenheit mit ihrem Glauben spürt man. Bis zum 16. Jahrhundert lassen sich hier die Anfänge von "Oh Happy Day" verfolgen. The Edwin Howkins Singers veröffentlichten den Song zu gemeinnützigen Zwecken. Ein monumentaler geschichtsträchtiger Song welchem Big Mama einen neuen Glanz verpasst.
Weiter geht es mit dem nächsten religiös tief verankerten Werk. "He's Got The Whole World In His Hands" Seit 1927 ist dieser Song nicht mehr aus den Kirchen wegzudenken. Laurie London machte das Teil schließlich 1957 populär. Wir hören eine inbrünstige Darbietung voller Gefühl und Hingabe.
Big Mama Thornton besaß genug Humor um diesen zu nutzen. Sie beschwert sich sehr interessant darüber, dass ihr keiner einen Drink servieren möchte. Es macht sehr viel Spaß ihr dabei zuzuhören. Sanft unterstützt von den Mitgliedern der Band. Sie steigen ziemlich spät erst ein.
"That‘s Alright" wurde als Single im Mai 1947 von Arthur Crudup veröffentlicht. Der gute Elvis kupferte auch hier ab. Die Version von Big Mama lebt und wirkt glaubhaft. Tommy unterstreicht das durch sein tolles Spiel mit den Saiten.
Gleich im Anschluss findet dann "Hound Dog" auch noch die Erwähnung. Das Teil wird auch perfekt ausgebreitet. Ihr einstiger Hit ist noch immer ein totaler Abräumer. Schließlich endet alles in einer Improvisation. Alle beteiligten geben nochmals alles. Hier wird wieder gejamt. Bobby Berge zeigt hier wie gut er die Felle treffen kann. Es wundert nicht, dass er mit Tommy so lange zusammen in unterschiedlichsten Formationen auftrat. Leider endet alles indem einfach die Regler nach unten gezogen werden.
Was wir hier hören dürfen ist äußerst bemerkenswert. Tommy war zu dieser Zeit schon regional ein gefragter Musiker. Er hatte schon mit bedeutenden Persönlichkeiten die Bühnen der Welt betreten. Für Ihn war es sicher mehr als ein Routine-Auftritt.
Zwei Ausnahmekünstler standen hier vor einem sicher nicht allzu großen Publikum und musizierten zusammen. Sie schufen ein äußerst vergängliches kleinen Klangwunder, welches uns - wie durch Zauberhand - festgehalten wurde.

