LIVE IN PARADISO - Deep Purple
Knie nieder und bete
Vom 24. August 1969 existiert die erste Tonkonserve der neuen Bandbesetzung. Im Club Paradiso (Amsterdam) trat die Band mit Ian Gillan und Roger Glover auf. Es ist gut denkbar, dass Rod Evans und Nick Simper von ihrem Rauswurf noch nichts wussten. Das Management brachte ihnen das gerade zu jener Zeit bei. Die neue Besetzung probte in dieser Phase noch das Material und erdachten auch die ersten Songs des späteren Albums Deep Purple In Rock.

Der Abend wurde aufgezeichnet und wurde später auch als Bootleg mehrfach unter die Leute gebracht. Zwei dieser Scheiben kenne ich. Auf Crash Landing (erschienen 1990) ist die Tonqualität nicht so gut wie auf dem Album Ritchie‘s Blues (1989). Hört man beide Aufnahmen an so ist das letztgenannte Album auch das Bessere. Es hört sich echt gut an. Man spürt hier deutlich die Mehrarbeit am ursprünglichen Aufnahmematerial. Sicher gibt es noch andere Mitschnitte. Wie schon beschrieben empfinde ich die Musik auf Ritchie‘s Blues als deutlich besser. Die Qualität erscheint jedoch nicht für ein Album tauglich.
Wie gut sich die Band damals schon anstellte zeigt diese Aufnahme hier. "Kneel And Pray" (später "Speed King") war gerade am entstehen und so hört man hier eine noch sehr unvollständige Fassung. Sie ist jedoch sehr hart gespielt und Ritchie gibt an der Klampfe alles. Gewaltig reißt es ein Hörer mit. Der große Eröffnungsknall der Nummer fehlte noch. Diese Version ist halt eine frühe Variante. Das Teil entwickelt sich erst noch.
"Child In Time" war zu dieser Zeit schon ein Stück weiter. Ihn gab es es schon im Konstrukt und das Stück wurde bei diesem Auftritt und den weiteren folgenden verfeinert. Der Übergang vom langsamen Teil und dem Teil der Tempoerhöhung ist noch etwas holprig. Auch finden sich im Stück bisweilen Versatzstücke, welche im Wechsel der Instrumente noch unausgereift erscheinen. Später wird dieses Stück ein Musterbeispiel für Musikalität und dem gekonnten Rhythmuswechsel im Song selbst. Auch die Länge des Titels ist im Grunde um einiges kürzer. Aber Ian ist hier einfach echt spitze und schmachtet wie ein Wahnsinniger. Alles klingt frisch und improvisiert.
Zumindest findet sich auf diesem Mitschnitt eine Aufzeichnung "Mandrake Root". Allerdings wird dieser Titel vor der Fünf-Minuten-Marge brutal ausgeblendet. Schade denn ich kenne diese Version nicht bis zum Ende.
In dieser Bandphase stehen selbstverständlich noch die alten Songs der Besetzung davor im Mittelpunkt der Show. Sie werden interpretationsreich gespielt. Man merkt jedoch deutlich, dass sich die Musiker hier noch finden. Die teilweise ausufernden Ansagen von Ian sind hier nur rudimentär enthalten. Ian singt diese Songs jedoch deutlich aggressiver als vormals Rod Evans.
Ritchie‘s Gitarrenunterricht "Wring That Neck" (auch "Hard Road") ist das eigentliche Glanzlicht. Nach gut 12 Minuten (nach einem famosen Orgelpart) beginnt Ritchie‘s Solo-Passage. Diese wird in vielen der hier vorliegenden Titel-Benennungen als "Ritchie’s Blues" angegeben. Im Grunde gehört dieser separate Teil noch zu "Wring That Neck".
Mit dem Rolling Stone-Cover "Paint It Black" (mit überlangen und klasse getrommelten Schlagzeug-Solo) jammt die Band was das Zeug hergibt. Die Klasse späterer Aufnahmen ist hier deutlich hörbar. Hier herrscht Druck und wird mit Improvisation nicht gegeizt. Einfach eine tolle Aufnahme in einer aufregenden Bandphase.
Die alten Purple-Songs sowie auch "Paint In Black" fliegen später Stück für Stück aus dem Live-Programm. Sie und vor allem der Song "Hush" sind schließlich Schuld an der jahrelangen Weigerung von Ian Gillan Purple-Songs aus anderen Phasen der Band zu singen. Zu oft und immer wieder musste er diese Songs Ansagen und interpretieren. Erst viel später bricht er diesen Schwur und "Hush" kommt nochmals zur Live-Ehre.
Jeder Musikliebhaber der die alten Purple liebt erinnert sich auch an spätere Aufnahmen von "Speed King" oder anderen bekannten Live-Interpretationen. Dieser Mitschnitt ist dem wirklichen Fan eindringlich zu empfehlen.


