BIRTH CONTROL - Birth Control
Ein starker Einstieg
Die Geschichte des Albums beginnt 1966 in Berlin. Hier in der vom realen Sozialismus eingekreisten Stadt lösten sich The Earls auf. Hugo Egon Balder wollte zusammen mit seinem Bassisten eine neue Band gründen. Den Namen der neuen Formation schlug ihm ein Schulfreund vor. Zusammen mit Mitglieder der ebenfalls in Auflösung befindlichen Gents entstand eine mit Cover-Songs auftretende neue Unternehmung.

Im Laufe der nächsten Jahre kam es immer wieder zu Umbesetzungen. Durch einen schweren Unfall wurde Balder die Mitgliedschaft in der neuen Band bald durch seine Eltern verboten. Als neuer Drummer stand Bernd “Nossi“ Noske bereit. Nach einer beendeten Tour im Libanon griff Bruno Frenzel in die Saiten der Gitarre.
Die Band wurde bekannter und mit dem Eintritt des neuen Gitarristen wurde auch schon an eigenen Geschöpfen gearbeitet. Man traf sich in den Audio Studios Berlin und werkelte am Erstling. 1970 veröffentlichten die Herren Frenzel, Sobota, Koschmidder und Noske ihr erstes schwarzes Vinyl. Das Teil wurde simple unter dem Namen der Band unter die Leute gebracht. Hübsch verpackt in eine damals von der katholischen Kirche scharf angefochtene die Geburtenkontrolle beeinflussenden Pillenschachtel. Das sorgte für Aufsehen und brachte Publicity.
Dieses Cover wurde jedoch nur in Europa mit dem Pillen-Design vertrieben. Im prüden Amerika lag es mit einem ähnlichem unverfänglicheren Äußeren in den Plattenläden.
Gleich der Einstieg ins Werk war für seine Zeit bemerkenswert. "No Drugs" ist ein starker Song auch ohne den Genuss von Drogen. Im gemäßigten Tempo drückt sich das Teil mit einer schweren Orgel, mit Geigen-Klängen und Gitarre ins Innenohr. Sofort erfasst es den Hörer.
"Recollection" startet mit einer tollen fast kirchlich anmutenden schweren Orgel. Aus dieser klassischen Schwere erhebt sich schließlich ein leichter und beschwingter instrumentaler Höhepunkt. Immer wieder beginnt das Teil aus dem fast schon euphorischen Untergang. Toll wie sich die Band hier gegenseitig unterstützt. Bruno und Frank geben es sich begleitet von den beiden Bernd‘s. Ein starkes Stück Musik und immer wieder anhörbar - zeitlos schön.
Druckvoll geht es im Album weiter. "Deep Inside" ähnelt dem Instrumental zuvor. Nicht zu sehr, jedoch gleicht das tragende Riff in seinem Grundzügen schon. Das ist nicht abwertend gemeint. Beide Stücke passen einfach sehr gut hintereinander. Auch ein gewisser Klassik-Einschlag kommt beim Konsumenten an. Das vertrackte Stück wurde wirklich cool in den Rillen verstaut.
Mit "Foolish Action" rast man dem unweigerlichen Aufstehen entgegen. Das Teil rollt gewaltig los und beißt brutal zu. Überall wird man mit Dynamik überfallen. Im Mittelteil hingegen jammert man fleißig. Verdammt was hat man hier noch auszusetzen. Die Boxen springen und der Nachbar droht mit den Bullen; scheiß drauf - dreh den Regler hoch. Nach viereinhalb Minuten ist der Nachbar erlöst. Endlich Ruhe!
Weit gefehlt, die Unterbrechung resultiert aus dem Wenden der schwarzen Disc.
Wie auch schon auf der ersten Seite wird man rhythmisch empfangen. Wieder umfängt einen eine scheinbar einfache Melodie. Sofort hat man ein gutes Gefühl diese Melodie schon einmal gehört zu haben. Fast schon klassisch verankert sich der Sound im Geiste der Hörers. Dann zerfällt alles. Das Drum-Solo sorgt für einen freien Geist. Wieder hat man das Gefühl bei "Sundown" fliegen einen die Ohren weg. Eine coole Jam-Nummer erfüllt die Seele und den Raum darum. Zehn Minuten Begeisterung pur, wen stört da schon der fehlende Gesang. Lauschen und den armen Nachbarn leiden lassen!
Ist diese Klanggewalt beendet erhebt sich "Change Of Mind". Der Kontrast im Anschlag kann nicht größer sein. Kurze Töne begleiten den Gesang von Nossi. Im Grunde wohl ein Stück, welches hinter dem Brecher zuvor fast schon ein wenig untergeht. Der Mittelteil rettet das Stück und reißt es zusammen mit der brutalen Orgel in die Höhe.
Bei den Doors wurde sich der Song "Light My Fire" ausgeliehen. Hier schaffen die Herren eine tolle Adaption des Teils. Sie putzen das Ding mit starken instrumentalen Zwischenstücken fein raus. Eine Version, welche dem Original durchaus gut gegenüber stehen könnte. Sich den fast sechs Minuten hinzugeben ist nicht im Geringsten eine Zeitverschwendung. Nein durch die Tempowechsel ergibt sich ein toller Kontrast.
Leider ist nach diesem Teil das Album zu Ende. In der längeren CD-Version späterer Veröffentlichungen finden sich noch Single Veröffentlichungen zur Epoche. Neben einer Mono-Version von "No Drugs" (1970) hören wir das nie auf dem Album veröffentlichte "All I Want Is You" (B-Seite Single 1970). Wichtiger jedoch sind die beiden Single-Seiten der vor dem Album erschienen ersten kleinen Scheibe. 1969 erschienen "October" und "Freedom". Auf dieser kleinen Platte hört man man noch Fritz “Little Lord“ Gröger. 1970 war er nicht mehr an Bord und Nossi übernahm den Gesang. Alle Zugaben sind spannend und meisterlich in der nötigen Kürze mit Abwechslung versehen.
Wenn man sich das Album anhört wundert es nicht, dass diese Band als der Bringer in der Szene angesehen wurde. Im Stil nicht unähnlich den ersten Scheiben von Deep Purple kann man in den Intros mancher Titel schon auch einen Hang zum Auskleiden entdecken. Bei Vanilla Fugde wurde diese Praxis in den Jahren vor diesem Erstling hier erfolgreich mit Songs von anderen praktiziert.
Wie auch immer hören wir ein außergewöhnliches Werk einer tollen Band. Das Album ist zu jeder Zeit genießbar und man kann es immer wieder von neuem konsumieren. Live waren sie dabei sich von der Vorband ins Hauptprogramm zu spielen. Sie erhielten tolle Kritiken und gewannen so auch mehr Einfluss. Immer noch jedoch blieben sie ein Geheimtipp. Die LP selbst muss sich mit vermeintlich größeren Alben der Zeit nicht messen. Das Gehörte passt hervorragend in die damalige Zeit. Die in den Rillen verborgenen Töne sind für diese Zeit keine wirkliche Offenbarung.
Das Album ist trotz dieses anscheinend vernichtenden letzten Satzes keine Verschwendung. Wenn man sich die Zeit nimmt, bereit ist diese gut 40 Minuten vom Rest des Tages zu trennen, ja dann erlebt man einfach starke Musik. Alle Songs sind mit richtigen Enden versehen. Keiner der Titel verschwindet im Mischpult. Hier sind Könner am Werk, welche viel musikalisch zu erzählen haben. Jenseits aller Strömungen wird der Genießer hier mit einem breiten Spektrum bombardiert und mit tollen Melodien verwöhnt.


