OPERATION - Birth Control
Ein Meisterwerk - nicht nur wegen des Covers
War das erste Pillen-Dosen-Cover schon eine recht gute Provokation, so setzte das im Februar 1971 eingespielte zweite Album dem noch einiges drauf. In England erschuf man sogar eine gemäßigte Version. Die Arbeiterinnen weigerten sich auch hier die LP in die Hülle zu sortieren. Sie störten sich an übergroße Abbildungen von benutzten Kondomen. Als wäre das ein Skandal! In Deutschland erwarb der Konsument ein Album auf dessen Außenseite ein vom Papst beauftragtes riesiges Insekt Kinder aus dem Bäuchen von Frauen riss und diese anschließend verspeiste. Dagegen wirkten die Kondome mit Schlange oder der Sperma-Rest fast schon schüchtern.

Was sich hier auf dem Cover andeutete hielten alle Beteiligten bei weitem. Die Band trat in der Zusammensetzung das Albums davor in das Ariola Studio Berlin. Den kürzeste Monat im Jahr nutzten die Herren Frenzel, Sobotta, Koschmidder und Noske. Sie pressten sechs außergewöhnliche Stücke auf die beiden Seiten. Die Aufregung wegen der Ansicht im Plattenladen hatten sie sicher nicht nötig. Die Publicity half auf jedem Fall, diese prächtige Musik zielsicher beim Publikum zu positionieren.
Mit "Stop Little Lady" geht es hammermäßig los. Die Drums klingen wirklich stark und beherrschen das Geschen. Druck gibt es an jeder Ecke. Vielleicht hört man eine Spur Black Sabbath vorm Refrain? Danach zündet die Gitarre. Das mit Unterbrechungen versehene Stück ist nicht sonderlich schnell. Nein es zündet durch das tolle Riff der Orgel, es startet immer wieder und wird irre gut nach vorn getrieben. Schon hier jammt Reinhold einfach klasse. Nach dem Neustart verschwindet das Teil in den Reglern. Es könnte ewig so weiter gehen…
"Just Before The Sun Will Rise" erhebt sich aus den geheimnisvollen schwarzen Rillen. Mit schnellen Drums geht es in einen einen doch eher langsameren Titel. Die Musik und die Drums stehen oftmals einander gegensätzlich orientiert gegenüber. Ein wirklich starkes Stück mit auch wirklich schönen Gesang von Nossi. Nur ab und zu greifen einzelne Passagen das hohe Tempo auf. Progressive Musik einer tollen Ausfertigung.
Der nächste Song ist noch längere Zeit auch Live zu hören. So manches Konzert wurde und wird dank dieses Songs ganz sicher zum Höhepunkt im Leben eines Verehrers. Dieses Teil konnte man damals zurecht auch als Single erwerben. Auf der Rückseite fand man dann noch "Flesh And Blood".
"The Work Is Done" Jedenfalls ist eine tolle Mischung aus Rhythmus und Gesang. Der Song passte zum progressiven Ansatz und stellt einen gewissen Kontrast zu den beiden Titeln zuvor dar. Die Melodie des Refrains ist enorm einprägsam und das Thema des Songs passt hervorragend in die Zeit. Ein Anti-Kriegs-Song dem man die Botschaft voll abnimmt. Es wundert nicht, dass das Teil so fest im Herzen manches Fans verankert ist.
Die zweite Seite des Albums empfängt den Konsumenten mit dem Titel, welcher als Single-B-Seite der eben kurz erwähnten Single benannt war. "Flesh And Blood" ist der kürzeste Titel des Albums. Die Botschaft ist simpel. Das Teil bewegt ganz sicher, ist jedoch schnell wieder aus dem Gedächtnis gerutscht.
Schließlich folgen noch zwei Kracher. Sechseinhalb Minuten lauscht man "Pandemonium". Spektakulär startet man wieder in eine starke Nummer. Wieder hat man das Gefühl einen absoluten Hit zu hören. Das Teil gleitet gemächlich durchs Ohr. Durch den dynamischen Gesang wirkt das Stück kräftig. Schließlich werfen sich die Instrumentalisten noch ein wenig ins Zeug.
Mit dem über elf Minuten-Hammer "Let Us Do It Now" endet das Album. Egal wie sich die Töne ihren Weg zum Inneren bahnen, sie hinterlassen Spuren. Fast schon klassisch beginnt das Stück mit dem Piano. Nossi singt stark zum Piano - Poesie wie sie kaum schöner umzusetzen geht. Kaum zu glauben, dass man hier einer Hard-Rock-Formation lauscht. Mit jazzigen Bläsern und klassischen Geigen erfährt man hier eine echt starke und vor allem andere Band. Das Teil unterscheidet sich total und wirkt im ersten Anflug deplatziert. Aber genau das zeigt den Reitz dieser Formation. Sie waren immer mehr als das was die Welt von ihnen erwartete. Dieses Stück gehört ganz sicher zum musikalischen Erbe aller Beteiligten und trennt den Hörer des Albums auf eine besondere Weise vom Rand der LP.
Auf den neu bearbeiteten Ausführungen des Albums nach 1997 hört man noch diverse Single-Auskopplungen der Band aus dieser Zeit. "Hope" und "Rollin'" stammen von 1970. "What's Your Name" und "Believe In The Pill" wurden 1972 unter die Fans gestreut. Alle Songs erschienen nicht auf einer LP. Dieses Vorgehen macht schon Sinn, da so der geneigte Verehrer noch ein wenig mehr Kohle auf den Ladentisch legen musste, um einen lückenlosen Fundus vorweisen zu können.
Das Album ist für mich noch besser gelungen als das erste Werk. Die Songs sind einfach stark in Szene gesetzt. Alles wirkt druckvoll und man spürt eine Band-DNA. Die übermächtige Orgel überzeugt durch Druck und lässt den anderen Musikern genug Raum für die Gestaltung ihrer Passagen. Die Drums sind wie schon vorher einfach klasse in die Klänge integriert.
Der lyrische Farbtupfer am Ende der zweiten Seite bestätigt erneut die Klasse aller Beteiligten. Sie können über ihren Tellerrand hinweg sehen und beweisen ein tiefes Verständnis für freie Musik. Keine Frage wir werden beim Hören dieser Musik Zeugen einer fantastisch aufspielenden Formation, welche sich nicht im Geringsten an äußeren Erwartungen von Fremden orientiert.
Allerdings muss man eingestehen, dass ein solches Album natürlich nicht den heutigen gewöhnlichen Hörgeschmack entspricht. Verdammt wo gibt es heute noch Alben mit nur einem Song in radiotauglicher Länge (drei bis vier Minuten). Der Rest der Titel ist deutlich länger.
Wenn man so will ist diese Art der Musik fast schon ausgestorben. Diese Musikalität lässt sich nur mit Ruhe und viel Zeit erfahren. Nichts für übereilte Frisch-Dynamiker moderner Prägung, die ständig auf der Jagd nach Neuem hektisch am Regler drehen. Leider werden sie von allen möglichen Quellen dazu aufgefordert sich mit immer gleich klingenden Müll die Freizeit sinnlos vertonen zu lassen.
Ich hoffe inständig, dass es mehr Menschen gibt, welche sich die Zeit nehmen um Musik zu hören. Personen welche es fertig bringen sich vom täglichen Allerlei zu lösen, sich einzulassen auf das was sie hören und dabei Entspannung finden. Dieses Album eignet sich genau dafür. Unabhängig vom Alter unseres hier zitierten Losgelösten; er kann immer wieder zum Medium greifen und genießen.
Die Band verließ nach dem Album Ende 1971 die eingekesselte Stadt. Sie verschwanden in die Bundesrepublik. Von hier aus war das Tour-Leben leichter zu organisieren. In einer alten Dampfmolkerei in Burkhards nahe Frankfurt fanden sie eine neue Heimat.


