HOODOO MAN - Birth Control
Das Beste der Band in der frühen Fase
Das Jahr 1972 begann mit einem großen Gig in Cannes. Nach diesem Event verließ Sobotta aus gesundheitlichen Gründen die Band. Den Posten des Tastenbedieners übernahm kurzerhand Hartmut Schlögens. Er ging jedoch bald wieder. Es folgte Wolfgang “Wolle“ Neuser. Auch wechselte die Band das Label. CBS zeichnete sich nun für die gestalterischen und organisatorischen Belange der Band verantwortlich.

Im September und Oktober 1972 traf man sich in den Windrose-Studios in Hamburg. Es galt ein neues Album einzuspielen. Die Plattenfirma wollte neues Material und unterstützte die Beteiligten nach ihren Möglichkeiten. Sogar eine Einspielung auf einer echten Kirchenorgel für den Titelsong des neuen Albums im Ortsteil Blankenese wurde ermöglicht.
Legt man den schwarzen Informationsträger auf den runden Teller und senkt die Nadel startet es mit einem Knall. Buchstäblich gesehen driftet man danach in "Buy". Orgellastig drückt einem das Riff schwer in den Hörsessel. Die noch immer aktuelle Gesellschaftskritik zum Kaufverhalten erschlägt einen kurz nach der ersten Strophe. Auch der Neue in der Band findet konkret cool die Tasten. Bruno kontrolliert die Passagen zwischen den Tastenüberfällen, spielt sich stark darüber. Die Beine wippen und man kann sich dem dem letzten Übergang nicht mehr entziehen. Der Beat hat den Hörer längst übernommen bis das Teil schließlich in den Boxen untergeht.
Mit "Suicide" geht es weiter. Wieder überrollt den Hörer ein starkes Riff. Nicht sonderlich aggressiv, nein dynamisch wird man in den Song gerissen. Bernd‘s erste Schläge führen durch den Song immer wieder klingt das feine und ausgewogene Schlagzeug durch die Orgel-Passagen hindurch. Zum großen Teil hören wir hier einen großen Jam mit geilen Jazz-Einstreuungen. Schlau gemacht und einfach stark in den Rillen verpackt. Auch so kann klasse Hardrock klingen. Der leicht swingende Grundrhythmus peppt die Nummer schlicht auf. Mit einem stark gestalteten Ende begibt man sich weiter auf die Reise.
Fast schon diffus beginnt "Get Down To Your Fate". Das passt nach dem Song davor hervorragend. Der Start beginnt offen und frei. Sanft wird dieser Drift in eine schlichte Rock-Nummer überführt. Das Riff liegt schwer im Raum. Tempowechsel lockern das Teil immer wieder auf. Verspielt geht es in den Refrain. Freunde der geneigten Genießerschaft; hier hört man Könnern zu!
Vergleiche zu damals bekannten Bands sind durchaus berechtigt. Kein wirklich bestimmend durchs Leben gehender Kenner der Materie wird die Qualität dieser Aufnahme ins negative ziehen. Eine geile Mucke entwickelt sich im Raum zwischen den beiden Lauschern.
Egal wie man wo Musik hört, mit Kopfhörern oder über die großen und kleinen Membranen von Boxen. Diesen Einstieg kennt bald jeder in der bekannten Welt. Wenn der Synthesizer "Gamma Ray" ins Leben ruft lauscht man kurz der Einleitung von Nossi. Dann geht die Post unweigerlich ab. Wer bis zu diesem Teil nicht die Horchgeräte aufsperrt, dem ist nicht mehr zu helfen. Der Start der zweiten Scheibe wird zum Dauerbrenner. Live nicht mehr wegzudenken entwickelt sich hier die Legende dieser Band. Sie breitet sich aus wie ein Virus, welcher den Hörer für sich einnimmt.
Dabei ist es völlig egal wie das Teil einst seinen Weg ins Mischpult fand. Ob es eine Zusammenstellung von einzelnen Passagen, verbunden mit Solos, oder es aber eine durchgehende Jam-Nummer war. Freunde der guten Unterhaltung lauschen hier einem Meilenstein! Berns Noskes Solo passt für alle Zeiten und gehört zum Stück, ist mit diesem fest verbunden. Bruno ergänzt den Gesang von Nossi und sorgt so kurz vor dem Ende erneut für einen Spannungsbogen. Nichts wirkt überstürzt. Ruhig und gelassen wird der Zuhörer in das Teil integriert. Nicht schlecht für eine Nummer, welche im Grunde nüchtern als Lückenfüller dienen sollte. Schließlich waren fünf Songs schon fertig und für eine Nummer war noch Platz. Mit "Smoke On The Water" gestaltete sich das einst bei Deep Purple ähnlich.
"Hoodoo Man" ist ein beachtlicher Nachfolger. Progressive Rockmusik klang zu dieser Zeit genau so. Der Song reißt nicht von Beginn an vom Hocker. Die im Mittelteil des Songs ohne Überleitung eingefügte Kirchenorgel verstört beim ersten Hören sogar ein wenig. Jedoch ist genau dieser Ansatz ein wichtiges Merkmal einer neuen Musikauffassung. Spannend und auch ein wenig verwundert traut man den Gehörten nicht. Ganz plötzlich meint man in einer Orgelkantate von Bach gefangen zu sein. Ist die Nadel gesprungen? Haben geheimnisvolle unsichtbare Wesen die Platte auf abenteuerliche Weise gewechselt? Ganz sicher gehört das Teil nicht zu Hit-Aspiranten des Jahres; jedoch als Titelsong erscheint das Stück goldrichtig.
Das Album endet mit dem kurzen "Kaulstoss". Die einfache Melodie kommt einen vom ersten Takt an bekannt vor. Jeder hat das Gefühl diese Mischung aus amerikanischer Folklore irgendwo gehört zu haben. Kein belangloses Instrumental sondern ein schickes Ende des Albums.
Ab 2005 erschienen Neuveröffentlichungen des Werkes. Hier hört man als Extra die später erschienene Single "Nostalgia". Hier singt 1973 Peter Föller. Der ersetzte den Herrn Koschmidder am Bass.
Zusätzlich findet man auf diesen Sonderausgaben noch die Single-Version des Überhits "Gamma Ray". Diesen schicken Protest-Song in zwei Teile zu durchtrennen ist ganz gewiss eine Sünde. Zu jener Zeit jedoch war das Geschäft mit den kleinen Schwestern der LP ein unverzichtbarer Bestandteil des Marketings.
1970 erschien "Hope" als Single. Als letzte Scheibe beim Label Ohr wurde es 1972 zur Best Of LP Believe In The Pill hinzugefügt. Als Zugabe zur CD hören wir eine lebendige Version von 2004. "She's Got Nothing On You" war einst als erster Song auf REBIRTH zu hören. 2004 ist der Titel immer noch aktuell und kraftvoll. Peter Föller darf das Teil 30 Jahre später zusammen mit den anderen Beteiligten einem tollen Publikum wieder in Erinnerung bringen. Beide Zugaben sind bekennende Zeitzeugen einer funktionierenden Band heute wie damals.
Das Album von 1972 ist jedoch ein fester Bestandteil des Bandgeschehens und darf in keiner gut sortierten Plattensammlung fehlen. Es stellt einen Meilenstein in der deutschen Rockmusik dar und beweist für alle Zeiten, dass Krautrock nicht nur eine Hard-Rock-Stilrichtung ist. Hier wird zur Freude der begeisterten Anhängerschaft eine breite Mischung von Musik an den Hörer weitergegeben. Dieses breite Spektrum braucht sich hinter Klassikern dieser Zeit nicht zu verstecken. Nicht nur an die Herren Blackmore, Lord und Co erinnert das Festgehaltene. Nein wer sich Mühe gibt entdeckt in den analogen Rillen auch Einflüsse von Santana und großen anderen Bands dieser Zeit.
Manche mögen vorhalten, dass das Album den falschen Titel trägt. Es sollte doch eher nach "Gamma Ray" benannt werden; das wäre eher aussagekräftig. Meine Meinung ist jedoch anders. Der Titelsong des Albums ist im Grunde mehr als der berühmte Vorgänger. Er erklärt durch die Art der Erzählung die Intensionen der Musiker wirklich gut. Die Klangfülle dieser Formation war weit größer als die Solos der Mitglieder.


