SAINTS AN’ SINNERS - Whitesnake
Klasse Musik, trotz der vielen Umstände
Whitesnake war am Ende. Die Band trat in den größten Hallen auf und war der Headliner bei großen Tourneen. Sie wurden gelobt und verkauften tonnenweise Platten. Es fehlte bisweilen jedoch die Kohle um die Mitglieder der Band anständig zu entlohnen. Einige Musiker hatten teilweise wohl erhebliche Schulden angehäuft.

Wieso kam das so? Das fragte sich die Musiker quasi ständig. Ende 1981 war dann erst mal das Licht aus. Anfang bis Mitte 1982 bestand die Band nur noch aus Jon Lord und David Coverdale. In die Band holte David Mitte 1982 Mel Galley (Gitarre), Collin Hodgkinson (Bass) und Cozy Powell (Drums).
Die Songs fürs neue Album jedoch wurden bereits 1981 eingespielt. Es gab sie fast fertig noch in der Besetzung Coverdale, Moody, Marsden, Murray, Lord, Paice. Feinarbeiten standen nur noch einige an. Da ja das Material schon vorhanden war und auf eine Veröffentlichung wartete überredete David Coverdale den ersten Abtrünnigen aus dem Jahre 81 - Micky Moody - zur Rückkehr. Die Audiospuren (Stimme und Instrumente) wurden größtenteils belassen. Lediglich den Hintergrundgesang übernahm Mel Galley.
Entgegen dieser doch sehr diffusen Geschichte des Album ist hier aber noch die alte Schlangen-DNA zu hören. Gleich beim ersten Song wackeln die Wände. In "Young Blood" schlummert Suchtpotenzial. Harter Blues knallig zu den Ohren weitergeleitet, so klang die Band einfach toll.
Weiter geht es mit "Rough an' Ready". Der Titel erlegt quasi den Musikkonsumenten und plättet ihn. Was für ein Ausruf im Refrain. Programm für die ganzen zweieinhalb Minuten. Viel zu kurz. Man fragt sich unweigerlich warum.
"Bloody Luxury" Haut genau in eben diese Kerbe. Der Rhythmus erschlägt einen förmlich. Ein toller Blues-Rock-Song. Druck gibt es im Überfluss während dieser viel zu kurzen Spielzeit.
Mit "Victim Of Love" wird es ruhiger. Gediegen wird hier zum absoluten Höhepunkt des Albums zugerockt. Auch hier wieder hören wir einen tollen Song voller Power.
Die erste Seite endet dann mit dem unvergessenen "Crying in the Rain". Dieser unweigerliche Überhit der Band ist in dieser Fassung ein druckvoller Blueshammer im Schmachtmodus.
Am Anfang der zweiten Seite wartet das nächste Hammerteil auf den Lauschdurchgang. "Here I Go Again" ist nicht nur eine Power-Ballade, es ist der ultimative Whitesnake-Titel. Mit diesem Song verbindet man die Gedanken an die Band. Der Song wird später tausendmal von David Coverdale auch live wieder gegeben. Hier hören wir jedoch die durch Jon geprägte Urfassung.
Erst später in neueren Versionen gehen die beiden erwähnten Titel am Ende ein wenig vor die Hunde. Der Blues verschwindet und der coole Orgelteppich verliert sich. Sie werden rockiger und der Zauber dieser Komposition verliert sich. Viel später erst in den Bands von Moody und Marsden kehren sie wieder - mit anderen Sängern zwar - zu alter Pracht zurück.
Leider kann man hier nicht weiter schwärmen. Sind die ersten Stücke der Scheibe wirklich super tolle Glücksgriffe, so kann das Album diesen hohen Durchschnitt bis zum Ende hin nicht durchhalten. Es wird nun merklich flacher. Vielleicht liegt es an dem eventuell nicht ausgereiften Status der Song bei den Aufnahmen im Vorjahr?
"Love An' Affection" ist im Grunde ein schnelle und flüssige Geschichte. Die melodiöse Nummer lädt fast zum Tanzen ein. Jon hingegen frischt alles noch mal ein wenig auf. Trotz der wippenden Füße verpufft der Eindruck schnell.
"Rock An' Roll Angels" gestaltet sich zäh wie Kaugummi. Es schleppt sich hin. Wieder fehlt ein wenig der Drive. Es ist nicht langweilig, lediglich fehlt eine Priese Pep. Unweigerlich fragt man sich, warum hier und da nicht genauer ausgearbeitet wurde.
Fast schon kommerziell wirkt "Dancing Girls". Das schadet jedoch nicht. Es pulsiert an jeder Ecke. Das Stück hat durchaus genug Schwung für eine tolle Rock Nummer. Im Rhythmus wirklich markant greift es toll und setzt sich unweigerlich im Kurzzeithirn fest. Ist der Titel vorbei singt man den Refrain im Gedanken immer noch mit.
Bis das Riff des Titelsong sich erhebt. Ein schwerer Whitesnake-Song löst sich aus den Rillen. Mit Backround satt versorgt geht es dem Rillenende entgegen. Buchstäblich mit dem letzten (nochmals wirklich tollen) "Saints an' Sinners" hört die reine Blues-Phase dann auf zu existieren. Die Band aus dem Aufnahmestudio gibt es nur noch teilweise. Das was einst mal war erfand sich neu. David machte mit den neuen Musikern weiter. Die alte Band hatte er weitgehend entkernt. Nur Jon und Micky blieben erhalten.
Gerade die Beteiligungen der alten Stammband jedoch machen dieses Album so empfehlenswert. In der LP-Fassung wurden die Titel nie wieder live gespielt. Einige wurden später in der US-Ausgabe der Band neu vertont.
Doch das war nicht mehr dasselbe. Die 2007 erschienene remasterte Ausgabe ist nur teilweise empfehlenswert. Abgesehen von der neuen und wirklich guten Abmischung der Songs gibt es nichts erwähnenswertes. Die drei Bonus-Titel sind bestenfalls Füllstücke für die Fans. Nun gut wer es braucht!


