BBC RADIO 1 LIVE IN CONCERT - Paice Ashton Lord
Das Dokument einer zu kurzen Tournee
Im März 1977 erschien MALICE IN WONDERLAND. Nun ging es an die Vermarktung des Albums. Live-Auftritte waren geplant. Die Band war gut drauf und steckte voller Elan.

Am 10.03.1977 liefen beim Konzert im Golders Green Hippodrome in London die Kameras und die Bandmaschinen der BBC mit. Geplant waren die Aufnahmen für die Sendung BBC Radio 1 Live In Concert.
Der Auftritt beginnt mit Opener des Studio-Albums. "Ghost Story" wird druckvoll dargeboten. Ein wenig kürzer als die Studioversion, jedoch trotzdem Eindrucksvoll. Als Einstieg ging das Teil voll in Ordnung.
Weiter ging es mit "On The Road Again, Again". Auch hier wird mächtig Gas gegeben. Die starke Bassline treibt den Song an, nur kurz unterbrochen von Ian. Bernie spielt hier eine echt schöne Gitarre. Unweigerlich gerät man in den Bann der Band. Und zum Ende diese wunderschönen Bläsereinsätze!
Tony leitet "Silas And Jerome" kurz ein. Schwer poltert das Stück vor sich hin. Herr Ashton singt nicht wirklich eher ist es eine Art Sprechgesang. Die Band jedoch spielt famos. Die Bläser sitzen und passen genau.
Tony Ashton hingegen moderierte den Abend ganz gut. Er erzählt die eine oder andere Episode über die Entstehung der jeweiligen Songs. Auch "Arrabella" bringt er so an den Start. Der Song wird annähernd so gut wie auf dem Album.
"The Ballad Of Mr. Giver" ist ein Überbleibsel der unvergessenen Bigband von Ashton/Lord. Ein wirklich cooles Teil mit jede Menge Drive und Druck. Über sieben Minuten wird hier in großartiger Form gejammt. Die Band ist immer potent im Hintergrund. Augen zu und die Lauscher aufgesperrt. Einfach toll und fast schon zu kurz. Ein unbedingter Höhepunkt.
Leider sprach Tony wohl dem Alkohol zu. Nach Aussagen der Beteiligten wurde er jedoch nie ausfallend. Den Teufel im Feuerwasser kannte er zu genüge. Aus diesem Grunde wirkt dieser kleine Anti-Song wahrscheinlich so stark. Tony singt hier mit soviel Schmerz, dass man das spüren kann. "I'm Gonna Stop Drinkin'" wirkt schon - wie auch auf dem Studio-Album - wahr und ehrlich. Vielleicht wirkt es auch ein wenig rauher; reine Betrachtungsweise.
Mit "Steamroller Blues" geht es sehr langsam in die nächste Runde. Bernie spielt hier schön die Einleitung. Mit ihm startet das Teil dann durch. Durch die Bläser kommt Tiefe. Verbunden mit dem tollen Backround der Geschwister McKinley entsteht so ein irre toll ausgeführter Blues-Klopper. Ich denke hier gibt es nicht mehr viel Dynamik hinzufügen. Mit einem kurzen Power-Outro findet der Song sein Ende.
Nun funkt es auf der Bühne. Tief in die Tasteninstrumente verpackt sorgt die Gitarre für den Grundrhythmus bis der Refrain das aufhebt. Tony gibt sein Bestes, unterstützt durch Bernie und die McKinley‘s - ein toller Song. "Remember The Good Times" lässt einem wirklich an alte Zeiten erinnern.
Auf den ersten Veröffentlichungen ist der eigentliche Titelsong des hier promoteten Albums garnicht enthalten. Erst 2012 konnte man "Malice In Wonderland" auch live genießen. Wunderschön startet er mit einem starken Orgelteppich. Zusammen mit der Gitarre und dem Piano von Tony entwickelt sich das Teil. Beachtlich ist hier das tolle Schlagwerk im Hintergrund. Fast schon losgelöst springt es mit schnellen Läufen nach vorn. Bis zum Refrain. Dann geht es von vorn los. Neun Minuten lang hört man diese von Langsamkeit und Schnelligkeit getragene Melodie. Hat man auch das Gefühl, dass Tony hier nicht auf der Höhe ist, so kann versichert sein, dass er schon immer wenig anders spielte als der Rest. Jon Lord hingegen ist in Perfektion und Spiellaune immer das Maß der Dinge auf der Bühne.
"Sneaky Private Lee" setzt den Endpunkt der Aufnahme. Gekonnt spielt sich die Band durch den eher ruhigen Blues. Fast könnte man meinen das Stück sei öde. Aber nein auch hier spielt eine Band mit viel Routine und gibt dem Song Raum. Er öffnet sich immer mehr und schließlich hört man überall nur noch tolle Musik.
Betrachtet man die Band mit dem Blick von heute kann man getrost sagen, hier werkelten echte Stars. Alle Musiker spielten miteinander. Keiner brach aus. Diese hier dank der BBC erhaltene Konserve ist ein wunderbares Stück Zeitgeschichte. Erst kürzlich habe ich mir das Video wieder angesehen.
Leider hielt dieser Zustand nicht sonderlich lang. Nur eine kürzere Tour durch England ist bekannt. Tony brach sich auf der großen Bühne ein Bein. Später schätzte er ein, dass diese riesigen Auftritte ihn überforderten. Die großen Auftritte gelangen ihm nur in kleinen Hallen.
Ian Paice berichtet später, Tony war nicht der Mann für die großen Bühnen. Er brauchte die Nähe zum Publikum. In einer schwitzigen Kneipe, in kleinem Kreise, da war er der Showman. Auf großer Bühne hingegen befielen ihn die Selbstzweifel. Aber genau auf diese großen Events wollten die anderen Beteiligten.
Es kam wie es kommen musste. Die Band produzierte noch einige Titel fürs zweite Album. Das PURPLE-Label packte diese 2001 als Extras zum Studioalbum. Später erschienen die Stücke noch bei Ear-Musik.
Die Band jedoch löste sich im Januar 1978 auf. Die Musiker verstreuten sich. Bernie ging im Februar zur Whitesnake. Lord, Paice und Martinez verdingten sich von Mai bis Juli 78 bei Maggie Bell. Dann sprangen auch Jon und Ian der weißen Schlange auf dem Rücken. Dort trafen sie neben David Coverdale ja auch Bernie Marsden wieder.
Tony Ashton hingegen stieg aus der Musik aus. Vereinzelt war von ihm noch was zu hören. Von 1982 bis 1983 zog er mit Rick Wakeman die britische Fernsehserie Gas Tank aus dem Ärmel. Hier spielten sie in drei Staffeln mit anderen berühmten Musikern so manchen schönen Song. Zwischendurch unterhielt man sich. Auch hieran kann man sich heute noch erinnern. Die Musik kam als CD-Mitschnitt heraus. Im Jahr 1984 erschien dann noch LIVE IN THE STUDIO.
1999 erkrankte er an Kehlkopfkrebs. Alle Beteiligten aus seinem musikalischen Schaffen trafen sich am 16.06.2000 um nur für Tony live vor kleinem Publikum aufzuspielen. Dort sah man ihn das letzte Mal. Hörte ihn schräg und schön spielen. Mit großem Vergnügen beteiligte sich der schon gezeichnete Altmeister am bunten Treiben.
Am 28.05.2001 verstummte sein feiner britischer Humor. Im Alter von 55 Jahren verlor er den Kampf gegen seine schwere Erkrankung.


