MALICE IN WONDERLAND - Paice Ashton Lord
Großmeister zaubern
Im Frühjahr 1976 war Schluss mit dem Bolin/Hughes/Coverdale-Projekt. Was sich damals noch Deep Purple nannte fand ein jähes und vielleicht auch zu frühes Ende. Tommy Bolin war weg und alle Beteiligten suchten neue Wege. Jon Lord und Ian Paice wollten etwas anderes auf die Beine stellen. Nichts mit harten Tönen, nein neue Wege wollte man gehen. Besonders Jon erinnerte sich an seinen Freund Tony Ashton. Alte Bekannte also und aus der Vergangenheit schon miteinander musikalisch verbunden suchte man zu dritt nach anderen Mitstreitern.

Eine Anzeige lud im darauf folgenden Sommer zum Vorspielen ein. Bernie Mardsen an der Gitarre und Paul Martinez am Bass kamen so hinzu. Eine Bläsergruppe und Backround-Stimmen gab es ebenfalls. Mitte August des Jahres präsentierte sich die Neue Band der Öffentlichkeit. Sofort wurde sie zur Supergroup. In den Musicland Studios in München traf man sich zwischen dem 20. September und dem 30. Oktober 1976. Man vertonte die großen Erwartungen der Presse.
Das Album startet mit "Ghost Story". Mit einem breiten Tasten-Intro geht in den ansonsten schleppenden Rhythmus des Songs. Der Song reißt einem nach dem Ende des Intro sofort mit. Ein unerhört frecher Bass führt den Titel über die ganze Länge. Druckvoll halten die Keyboards den Song am Laufen. Immer wieder hört man Backround-Gesang mit Bläsern. Cool das alles und nicht eine Spur langweilig.
"Remember the Good Times" dagegen pulsiert und groovt vor sich hin. Was für eine Power. Die fordernde Gitarre am Anfang der Strophe baut Druck auf, welcher sich im Refrain mit Bläsern abbaut. Hübsch gemacht und im Aufbau echt gut. Bernie gibt ein echt schönes Solo im Mittelteil. Der Song geht druckvoll mit den Tastenmännern in den Reglern unter.
Sanfter geht es mit "Arabella (Oh Tell Me)" weiter. Fast schon melancholisch wälzt sich die Tonkonserve durch die Gehörgänge. Tony Ashton‘s Stimme hatte ganz gewiss ihre Grenzen. Der Backround-Gesang gibt ihm jedoch genau in den entscheidenden Momenten richtig dosiert Unterstützung. Mit dem Saxophon verschwindet das Teil in den Rillen.
"Silas & Jerome" ist eine volle Breitseite der Band. Der Song kommt nicht über die Vier-Minuten-Grenze, pulsiert aber wie das Leben. In diese kurze Zeit wurde ein Song hineingepresst, welcher gut für die doppelte Länge genügend Drive gehabt hätte. Plötzlich ist dann Schluss.
Eine gediegene Rock‘n‘ Roll-Nummer fügt sich an. "Dance with Me Baby" ist Programm. Vom Anfang bis zum Ende wippt der Fuß. Hat man Deep Purple aus dem Kopf ertappt man sich in Bewunderung für diesen Song. Ein starker Abschluss der ersten Seite.
Unverwechselbar startet Ian Paice in die zweite Seite. Wieder wird es schwer und schleppend. Songs übers Leben zwischen den Auftritten gibt es viele, hier jedoch spürt man die Belastung ganz gut. "On the Road Again, Again" reiht sich auch hier in das an sich hohe Niveau lückenhaft ein. Die kleine Jazz-Improvisation am Ende unterstreicht das Thema nochmals.
Wieder im Blues angekommen steigt man in "Sneaky Private Lee" ein. Es funkt - wenn man so will - und der Bass von Paul Martinez ist einfach und doch durchdringend. Hört man dann Bernie so denkt man unweigerlich an seine späteren Erfolge mit der weißen Schlange. Im Grunde tragen die tollen Bläsereinschübe den Song dem Ende entgegen.
Wohl für alle Zeiten denke ich bei diesem Song an Tony. "I'm Gonna Stop Drinking" ist eindringlich gesungen und in seiner schlichten Wahrheit geradezu greifbar. Seine Stimme passt hierzu wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Greifbares Elend in seiner reifsten und künstlerischsten Form. Schmerz drückt sich über die Ohren tief in die Magengrube, wird durchgewühlt und bleibt mit süßlichen Nachgeschmack hängen.
Der Titelsong kommt zum Schluss. Orgel und eine quirlige Band werkeln sich hier zu einem wirklichen Höhepunkt. Schön verschlungen wechseln die Grundrhythmen. Wie stark diese Band spielt hört man im Verlaufe des Songs gleich mehrfach. "Malice in Wonderland" ist zweifelsfrei Kind dieser außergewöhnlichen Band und unweigerlich ein wirklich großes Stück.
Das gilt nicht nur für den Song sondern auch für das ganze Album an sich. Schicke Musik abseits von eingetreten Wegen. Etwas besonderes und durch diesen Personenkreis nicht erwartetes kam auf die Käufer zu. Im März 1977 stand das Album in den Läden. Leider kam es nicht so gut an. Wahrscheinlich waren die Stilbrüche zu groß.
Für mich ist dieses Album ein Meisterwerk aller Beteiligten. Wieder und wieder kann man sich in den Tönen verlieren. Obwohl alles schon tausende Male das Mittelohr berührte hat man den Eindruck es nochmals hören zu wollen. Genau das zeichnet in meinen Augen tolle Musik aus. Es trennt sie von Alltagsgeleier und befreit den Geist. Lässt ihn schweben und die Zeit verstreicht und verstreicht und verstreicht .......


