BEFORE I FORGET - Jon Lord
Sein vorerst letztes Solo für lange Zeit
Seine damalige Stammband war 1981 fast am Ende. Jon und David blieben ihr zum Jahreswechsel noch erhalten. Zu jener Zeit hatte Jon schon Teile seines neuen Solo-Werkes fertig gestellt. Seit September arbeitete er mit vielen anderen Musikern an den einzelnen Werken.

Während sich Whitesnake neu fanden traf er sich von Februar bis März in London zur Vervollständigung seiner vierten Scheibe. Zusammen mit einigen seiner Kollegen der einstigen Stammband stellte er, unterstützt von erstklassigen Studiomusikern, am 28. Juni 1982 das neue Album in die Plattenläden.
Jon’s eigene Scheiben enthielten immer besondere Momente. Öfters traf man zwischen den Rillen klassische Spielweisen mit wunderschönen lyrischen Passagen. Hardrock fand man selten.
So startet BEFORE I FORGET erstaunlich rockig. Trift die Nadel die ersten Bögen in der Rille knallt es gleich heftig. Im Stile der Achtziger bricht sich "Chance On A Feeling" seinen Weg aus den heimischen Verstärkern. Ian Paice eröffnet und Bernie Marsden singt das Teil. Jon gibt dem nicht sonderlich schnellem Rocker mit einem Synthesizer gehörig Druck mit. Zusammen mit der Orgel und der Gitarre wird dem Hörer nicht langweilig. Im Hintergrund drücken sich gesanglich auch noch Vicky Brown und ihre Tochter Sam in das kurze Stück Musik. Schade ist, dass man kein ordentliches Ende fand.
Mit dem nächsten Stück ändert sich der Rhythmus deutlich. "Tender Babes" startet mit einem klassischen Motiv. Erst mit dem Synthesizer eingeleitet übernimmt es bald die ganze Band. Einfach schick hört man der Formation zu wie sie das Motiv des Anfangs aufnehmen und es später immer wieder aufgreifen. Neil Murray langt hier tüchtig in die Saiten seines Basses. Alles endet wie es begonnen hat. Einfach klasse in die Rillen gepresst und mit Sicherheit ein Höhepunkt des Albums.
Jon’s besonderer Freund darf auch hier seine Stimme im Gehörgang verankern. Tony Ashton ist für immer unvergessen. Zusammen mit dem Backround ein absoluter Bringer. Bis zum Ende schwingt "Hollywood Rock And Roll". Das Stück hätte auch gut auf ein Album der Formation PAL gepasst. Zum Schluss darf auch die Trompete einige Töne abschicken.
Jon Lord war ein Fan von Johann Sebastian Bach. Hatte er einst mit Eberhard Schöner das B.-A.-C.-H.-Motiv verarbeitet traute er sich beim nächsten Stück an ein Vorzeigestück der Kirchenmusik vom Großmeister. Das für eine Kirchenorgel komponiert "Toccata and Fuga D minor BWV 565" adaptiert Jon für die Rockwelt.
Er tituliert es treffend als "Bach Onto This". Der absolute Höhepunkt des Vinyl‘s. Kennt man die Original-Fassung so ist man äußerst überrascht vom Ergebnis. Es ist immer wieder erstaunlich wie sich klassische Werke mit Rockmusikinstrumenten intonieren lassen. Was hier auf den Konsumenten zurauscht ist ein wahres Feuerwerk. Hier braucht es keinen Gesang. Einfach die Lauscher aufsperren und sich von dem was ins Innere dringt beeindrucken lassen. Simon Phillips und Bernie machen neben unserem Keyboarder eine tolle Figur. Ein Stück für die Ewigkeit bezüglich Dramatik und Dynamik. Ein Erlebnis die ganzen acht Minuten. Voll geplättet liegt man im Sessel, die Nadel springt in die Auffangrille.
Hat man sich aufgerafft und das schwarze Ding gedreht empfängt einem der Titelsong. "Before I Forget" ist ein lyrisches Instrumental. Nur mit dem Backround der beiden Sängerinnen versehen kann man zum Piano wunderschön träumen. Mit dem Synthesizer verschönert Jon das Instrumental. Zärtlich und mit einer hübschen Melodie begibt man sich in die Zeitlosigkeit. Auch die später hinzukommenden anderen Instrumente zerstören dieses Bild nicht sie untermalen, drücken ein wenig Kraft hinein. Behutsam um das Konstrukt nich zu zerstören.
Vicki Brown singt danach zart "Say It's All Right". Das Teil passt wirklich an diese Stelle. Beide Stücke wirken wie aus einem Guss. Bewegt und ergriffen lauscht man. Es geht um tiefe Gefühle, Verlust und die unerfüllbare Hoffnung auf einen Neustart. Liebe kann weh tun ist jedoch um Welten schöner. Was für ein Song.
Instrumental geht es in die nächst Runde. Bei "Burntwood" zeichnet Jon unterstützt von Neil ein Porträt von sich. Jon ist ein Künstler und er fühlt. Diese Gefühle kann man zwischen den Tönen hören.
Mit Elmer Gantry geht das Album in den finalen Teil. Jon gibt seiner Stimme ein schönes Soundbett. "Where Are You?" ist die Suche nach einem Vertrauten umgeben von der quälenden Einsamkeit. Ein wunderschönes Ende.
Die LP wurde weltweit verkauft. Es gab über 20 Versionen davon. Jon’s einzigartige Musikauffassung macht dieses Album unbedingt attraktiv. Ganz sicher ist es weit entfernt von dem täglich Allerlei. Es ist wahre Kunst. Man benötigt viel Ruhe und die entsprechende Muße um sich das Teil reinzuziehen. Der Vorgänger SARABANDE (1976) war auf eine andere Art eine Spur besser. Das schadet jedoch nicht. Hier war das Thema der Platte halt ein anderes.
1994 erschien das Werk dann neu überarbeitet. Vier neue Stücke fand der Käufer. Gemäß der Liner-Notes handelt es sich um Titel welche im engen Zusammenhang mit den Aufnahme-Sessions stehen.
Diese Zugaben beginnen mit "Going Home". Dieser beschwingte Rocker ist sicher eine tolle Ergänzung des Materials. Einst war dieser auf der B-Seite der Single zu "Bach Onto This". Es erscheint jedoch nicht so gehaltvoll wie die Songs der LP.
"Pavane" stammt aus der Feder von Maurice Ravel. Dieser lebte von 1875 bis 1937. Jon arrangierte das klassische Stück neu. Er drückt dem Teil gehörig seinen Namen auf. Was wir dort hören ist der Her Lord, tief verwurzelt in der Kunst vergangener Zeiten. Besinnlich und immer im Sinne der Harmonie unterwegs.
Weiter geht es mit dem kleinen Song "Lady". Vicky Brown versüßt hier mit ihrer Stimme das Teil echt schön. Dieser Song wurde wenig später eingespielt. Er sollte Verwendung in einem noch nicht betitelten Soloalbum benutzt werden. Dazu kam es jedoch nicht. Im Grunde entstand er während er Zusammenarbeit mit Alfred Ralston zur britischen TV-Serie "The Country Diary Of An Edwardian Lady", welche 1984 gesendet wurde. Der Soundtrack zur Serie basierte auf Jon’s und Alfred’s Kompositionen und wurde 1984 als LP veröffentlicht. Dort wurde er auch Produzent aufgeführt.
Ähnlich verhält es sich mit dem letzten Zusatz-Titel. Mit verschiedensten Instrumenten erinnert Jon an die zu früh verstorbene Vicky Brown. "For A Friend" ist ihr gewidmet. Sie hatte erheblichen Anteil am Zustandekommen des Albums.
Das Interview zuletzt schenke ich mir. Hört zu oder schaltet ab. Ich persönlich habe mir das Teil nicht in meine Mediathek geladen. Musik sagt mehr wie tausende Worte. Die Größe und die Schönheit seiner Werke sprechen mehr aus, als uns der Künstler je mit Worten veranschaulichen kann. Diese Musik hier ist für mich diese Person.


