REUNION IN NAGOYA - Deep Purple
Kein guter Abend
Das Réunion-Album startete Mitte 1984. Danach ging die Band auf Tour. Anfang Mai 1985 bereisten sie Japan. Nach zwei Auftritten in Osaka spielte die Band am 11.05.1985 in Nagoya.

"Highway Star" wird durch Lord eingeleitet. Es wird auch druckvoll vom Tastenmann intoniert. Blackmore ist fast fünf Minuten unsichtbar. Gillan wirkt schwach. Stimmliche Probleme hämmen ihn wohl.
"Nobody‘s Home" wird ähnlich dargeboten. Hier jedoch ist der Gesang besser. Auch hört man den Mann an der Gitarre besser. Hier blitzt eine Dosis Spielfreude auf. Professionell spult man das Stück auf der Bühne ab.
Gleich danach folgt "Strange Kind Of Woman" unvergessen bleibt die Version von 1972. Auch fast 12 Jahre später ist das Teil immer noch frisch. Auch in dieser Fassung toll verpackt. Ritchie gibt alles und Ian ergänzt ihn im Kehlkopfgesang. Allerdings fehlt die totale Vollendung. Wahrscheinlich um die Stimmbänder des Sängers zu schonen. Jesus Christ Superstar wird wie damals üblich eingestreut. Zum Ende jedoch gibt es stimmliche Feinkost, allerdings mit sehr viel Echo versehen.
Ritchie brilliert immer wenn er Blues spielt. Er kann das wirklich toll und auch als Einstimmung auf "A Gypsy‘s Kiss" ist das Intro toll. Der Song an sich stammt vom damals aktuellen Album. Ein wahres Power-Stück ohne viel Zauber und Spielerei. Die Bühne brennt und alles wirkt dynamisch.
Weiter geht es dann mit dem Titelsong des zu promotenden Albums. "Perfect Strangers" ist oftmals - auch bei späteren Auftritten - ein Höhepunkt. An diesem Abend wird es ebenfalls professionell und fast schon ein wenig zu gediegen an die Kundschaft gebracht. Auch Ian klingt hier richtig gut. Wenn man meckern möchte, dann hier vielleicht das starke Rauschen am Anfang der Moderation. Hier fällt das doch auf. Am Ende bedankt sich Gillan und er schließt nur Jon und Roger mit ein. Die anderen beiden Mitstreiter unterschlägt er.
Wesentlich ereignisreicher geht es bei "Under The Gun" weiter. Hier brennt wieder die Bühne. Ritchie gibt hier auf der Bühne einige Schaustücke seines Könnens. Er treibt das Stück vor sich hin und die Band begleitet ihn dabei.
Das Publikum wird in Schwung gebracht für den nun folgenden Oberhammer. "Lazy" war für mich immer einer der größten Songs der Band. In seiner Einfachheit nicht zu schlagen, wippt man immer wieder mit. Wieder hält sich Ritchie zurück. Ohne Einleitung geht es direkt in den Song. Die Gitarre und Orgel sind vorhanden, es fehlt das letzte entscheidende Moment. Schade, dass es während dieser Ära zum Einsteiger ins Drum-Solo degradiert wird. Das wiederum ist gelungen, wenn es auch manches Mal vielleicht auch etwas unrund läuft. Das jedoch kann auch an der Aufnahme liegen.
Braucht "Cild In Time" jemals eine Würdigung? Auch wenn es am Anfang wieder rauscht, so hört man hier wieder einmal einen Klassiker der Band. Allerdings scheint hier der Übergang in der Songmitte ein bisschen hakelig. Man merkt hier deutlich Unstimmigkeiten zwischen Blackmore und Lord. Keine Nebensache, sondern vielleicht der Grund für Ritchie’s zunehmendere Unwilligkeit sein Instrument zu bedienen? Der mit Echos vordergründig stark überladene Gesang wirkt im Finale einfach zu künstlich und erscheint unehrlich. Diese Echo-Spielereien sind nichts für mich.
Wie es der geneigte Fan gewohnt ist steigt die Band danach in "Knocking At Your Back Door" ein. Wieder wirkt Gillan etwas schwach am Anfang, gib zum Ende jedoch Gas. Irgendwie verliert der Her Blackmore fast die Laune. Ein wenig halbherzig zieht er an den Saiten. Er wirkt mit einmal geradezu fahrig. Rang er mit sich oder dem Material?
Aber unwichtig wird das wenn Ludwig von Beethoven aus den Boxen aufersteht. Oftmals wird es später von Gillan als „ein klitzekleines Stück Musik“ verspottet. Hier jedoch scheint noch alles schick. Ritchie spielt sich in das klassische Meisterstück behutsam ein und zündet dann durch. Allerdings nicht total, sondern wohl mit angezogener Handbremse. Dann übergibt er an Jon.
Der setzt wie immer ein tolles Solo. Wieder schiebt er an seine Hammond, wackelt und zerrt daran herum. Das Teil gibt Töne von sich, dass man denken könnte, jetzt ist Schluss. Genau danach wird es auf dem Piano klassisch und verspielt. Alles unterstützt von leichten Drums. Mit einer gehörigen Klangmauer endet dann alles wieder.
Mit "Space Truckin‘" geht es zum letzten Programm-Titel. Mit dem bekannten Motiv geht es in die instrumentale Fase. Es erinnert ein wenig an den Säbeltanz von Aram Chatschaturjan. Jon versucht ein Gitarren-Echo auf seine Einlagen zu erhaschen. Ritchie jedoch gibt nur einzelne Töne zurück. Als sein Part beginnt wird es still. Ohne eine schön gestaltete Einleitung macht er einfach ein wenig Krach. Die Zauberkräfte haben ihn verlassen. Er hatte die Lust verloren. Schade, denn bei anderen Ereignissen zündete der schwarze Teufel die Bühne an.
Wie auch immer die offiziellen Beiträge sind Geschichte. Die Band verlässt die Bühne. Das Publikum jedoch will mehr. Sie wollen Ritchie ausflippen sehen! Zur Zugabe kommt die Band nochmals auf die Bühne. Sie spielt "Woman From Tokyo". Bezeichnenderweise stammte dieser Song vom letzten Album dieser Bandzusammensetzung von 1973. Auch hierzu hatte Der Gitarrenhexer nicht wirklich mehr Lust. Ian gibt sich Mühe, der Rest der Band ist noch verfügbar.
Die kurze Intonierung von "The Yellow Rose Of Texas" tröstet nicht und ist im Grunde auch nur eine halbherzige Überführung in den letzten Titel des Abend.
Mit "Black Night" werden die Zuseher aus der Halle gejagt. Das ansonsten zu jener Zeit noch folgende "Smoke On The Water" entfällt. Keine Ahnung warum das so ist. In Anbetracht der Situation auf der Bühne war es vielleicht auch besser so. Ganz sicher ist dieser Umstand dem Unmut des Herrn Blackmore zuzuschreiben. Oder gab es andere Gründe?
Der als Bootleg verfügbare komplette Mittschnitt wirkt vom Anfang bis zum Ende absolut schlüssig. Nicht nur wegen der Titelfolge, sondern vor allem wegen dem rüpelhaften Verhalten des Supergitarristen. Solche Nummern zog er schon öfters durch. Bandintern war das gut bekannt und man arrangierte sich damit.
Die Band allerdings klingt ganz gut und mit einiger Arbeit zur Tonverfeinerung am Rechner ist es durchaus tauglich für den Musikgenuss mit Kopfhörern. Die Instrumente sind klar verfügbar und gut abgebildet. Lediglich das teilweise vorhandene Rauschen bei leisen Tonabschnitten stört ein wenig. Ein tolles Stück Musikgeschichte.
Das Label Darker Than Blue veröffentlichte 2012 eine kurze Fassung des Abend als Nummer 148. Die hier vollständig bewertete Version ist ganz sicher historisch und musikalisch vorzuziehen.

