=1 - Deep Purple
Was für ein Album - unweigerlich =1
Als Simon McBride als Vertreter für Steve Morse einstieg, dachte er bestimmt nicht an eine Mitgliedschaft in der Band. Vielleicht sah er es als Herausforderung, als Basis um für sich Werbung zu machen. Don Airey kannte die Vorteile des nun neuen Gitarrenhexers bereits. Er spielte in seiner eigenen Band eine tragende Rolle. Auch Ian kannte ihn von dieser Band.

Als Deep Purple von der Endgültigkeit des Abschiedes des alten Gitarrenbedieners erfuhr hatte der neue längst die Herzen der Band erobert. Alle erkannten seine Fähigkeiten und begrüßten den frischen Wind in der Band. Viele Konzerte später wusste alle Beteiligten; ein neues Album musste her.
Im Frühjahr 2024 war es nun so weit. Wieder wurde den längst wartenden Fans ein Werk in Aussicht gestellt, welches frischen Wind durch die Köpfe der Hörer jagen sollte. Eingespielt wurde es in den 80A Studios in in Toronto (Kanada). Ende Juli konnten es die glücklichen Musikvernarrten in den Händen halten.
Mit Simon steigt man in das neue Album ein. "Show Me" ist ein schicker Rocker im gepflegten Mid-Tempo. Schwer schiebt es sich durch die Boxen. Als Opener echt gelungen. Die Solos von Orgel und Gitarre drücken den druckgeladenen Text wunderschön nach vorn. Der Bass hämmert total mit.
Wie das Stück davor endet so startet man in "A Bit On The Side". Der Song ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Leben an sich. Der Rhythmus passt und Simon spielt traumhaft vor der treibenden Gruppe. Ian Gillan sing einfach klasse.
Wie aktuell die Texte sind erweist sich in der Nachfolge. Scharfschützen finden sich in unseren aufgeheizten Welt genug. Attentate sind nichts neues mehr und kommen immer öfter vor. In "Sharp Shooter" wird diesen Gesellen genau das erklärt was wichtig ist. Man darf nicht zulassen, dass die Angst Raum gewinnt. Wunderschön umgesetzt in Musik und Text.
"Portable Door" hält den tausenden Dummschwätzern einen Spiegel vor‘s Gesicht. Ian‘s Sinn für Humor prägt das Teil. Hinzu kommt die tolle instrumentale Begleitung. So stelle ich mir diese Band vor. Orgel und Gitarre geben sich die Kante. Freunde hier hören wir einfach eine starke Mucke.
Weiter geht es im ähnlichen Tempo. "Old-Fangled Thing" ist beschwingt und beschäftigt sich mit den alltäglichen Problemen eines Musikers. Ian wird verfolgt. Eine altmodische Melodie geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Sie hat sich festgesetzt, lässt ihn nicht mehr los. Ganz sicher einer der vielen Höhepunkte des Albums. Allein die Improvisation zum Ende hin ist eine bedeutende Erwähnung wert. Ein Meisterwerk ganz sicher.
Eine Ballade gehört in jedes Album. Tief verletzt erleben wir hier die Aufarbeitung einer Krise. Gibt es Hoffnung auf ein versöhnliches Ende? Ian singt den Blues inbrünstig. Das Teil schiebt sich gewaltig ins Innenohr. Simon beherrscht auch die langsamen Töne. Hören wir mit "If I Were You" einen Nachfolger von Gillan‘s Lieblingssong "When A Blind Man Cries"? Das Potential ist vorhanden.
Es gibt einfach zu viele, die sich ihr ganzes Leben aufnehmen um sich Fremden zu präsentieren. Der Schein ist alles, man jagt nach Klicks. "Pictures Of You" erinnert uns daran. Prickelnd gestaltet die Band das Soundbett für den Sänger. Der Ratschlag ist simple; ich benutze meine Augen, diese Kameras lügen nie.
Ohne Unterbrechung geraten wir dann in den nächsten Song. "I’m Saying Nothin'" ist die Hymne an die Verschwiegenheit. Der Song beschreibt genau das andere Problem. Übertriebene Offenheit trifft hier eine totale Verschlossenheit. Widersprüchlich endet das Unterfangen in einem druckgeladenen Ende.
"Lazy Sod" ist ganz klar einer meiner Lieblinge. Ein fauler Kerl ist gewiss nicht das Heißeste auf der Erde. Der Text und die Musik sind humorvoll und in bester Bandtradition. Vergleiche zum guten alten "Lazy" drängen sich nicht nur wegen der Ähnlichkeiten bezüglich des Titels auf. Ein irre gutes Stück Musik.
Mit viel Druck geht es in die nächste Runde. Überall quillt die pure Kraft aus den Boxen. Die Botschaft ist klar und deutlich. Lebe und lass die Kuh fliegen. Nur wenn du dich am Leben beteiligst hast du etwas zu erzählen. "Now You're Talkin'" ist schon wieder frisch und fantastisch geraten. Unbedingter Stoff zum Mehrfachhören. Unerhört schick und nicht eine Sekunde ein Langweiler. Man höre sich nur den famosen Herrn Gillan an! Der klingt grandios. Was für ein Hammer-Song.
Geld zu verbrennen ist der größte Blödsinn der Welt. Vielen Menschen ist es nicht bewusst. Sie leben im Hier und Jetzt. Was kostet die Welt. Sich ohne Gegenwehr ins Geschehen zu fügen und aufs Beste zu hoffen ist ganz gewiss kein erstrebenswertes Lebensmodell. Ist man erst ruiniert, so lebt es sich ungeniert. "No Money To Burn" stellt sich dieser Annahme eindrucksvoll.
Nachdenklich geht es weiter. Eine unerfüllte Liebe wird in den nächsten drei Minuten zum Thema. "I'll Catch You" ist eine tolle Ballade mit einen starken Sänger und einem noch tolleren Gitarristen. Auch hier steckt gewaltig Live-Potential.
Zum Ende des Werkes zeigen uns alle Beteiligten zu welchen Leistungen sie fähig sind. Das Leben ist nicht so kompliziert. Wenn wir uns jedoch in allen Details verlieren, mangelt es an Übersicht. Die Geschichte selbst und auch die Pointe geht dann in der Flut der Worte unter. Besser kann man das nicht in Worte und Musik verpacken. Hören wir uns also das längste Stück auch mehrmals an. Die rhythmischen Wechsel beeindrucken. Sie sind sauber miteinander verbunden und helfen beim Verstehen des Textes. Ein echtes Stück Super-Mucke. Schade, dass es nicht länger geht. "Bleeding Obvious" ist ein brachialer Kracher. Er macht Appetit auf mehr.
=1 ist ein Album der Superlative. Ein wahres Stück Purple-Arbeit. In der Phase der Präsentation wird der Titel als die Vervollkommnung alles bisher gewesenen auf einen Nenner beschrieben. Neben all der Presseweisheit erscheint es mir jedoch durchaus so, als ob ein Funken Wahrheit in dem Marketing-Gewäsch steckt.
Das Werk ist gelungen und präsentiert die doch in die Jahre gekommene Truppe als putzmuntere Verbindung. Das Gehörte ist auf keinen Fall von Alterungsproblemen versetzt. Es Rockt wie die Hölle, ist voller Tatendrang und Power.
Betrachtet man die Leistung der beteiligten Musiker so muss man unweigerlich feststellen, dass diese immer besser werden. Vor Jahren dachten sie noch an die Rocker-Rente. Freunde mögen euch alle Götter der Welt Kraft und Mut geben, genau das weiter zu führen. Simon McBride ist ein Glücksgriff für die Band und auch für die Fans.


