LONG LIVE ROCK ’N’ ROLL - Rainbow
Rainbow rockt wie eh und je
Ronnie James Dio war der unangefochtene Mitbestimmer bei Rainbow. Doch die Zeiten ändern sich halt. Ab und zu gibt es Überraschungen. Hier jedoch verborgen unter dem Deckmantel des Verschwiegenen. Fein säuberlich wird hier ein Album veröffentlicht, das wohl das Letzte seiner Art war und gleichzeitig den Neustart in eine andere Zeit darstellte.

Tony Carey und Jimmy Bain waren Geschichte und als Ersatz war erst mal nicht in Sicht. Tony durfte noch auf Honorarbasis im Sommer 77 in den Strawberry Studios mitwirken. Auch Mark Clarke durfte für kurze Zeit mitspielen. Er stand sogar mit der Band auf der Bühne. Doch bald wurde auch er gefeuert und Ritchie zupfte wieder am Bass.
Mit neuem Tastenverantwortlichen (David Stone) und dem wirklich nicht unbekannten Bassmann Daisley ging es bald in die nächste Runde. Nach kurzer Tour fand man sich im Dezember wieder im Studio. Das Album wurde vollendet und schließlich fanden sich beide Neulinge auf dem Cover wieder, obwohl sie nicht auf jedem Titel zu hören waren.
Das im April 1978 erschienene Album jedoch war eine tolle Sache. Die Welt dürstete nach mehr Rainbow und die Band lieferte. Das dritte Bandalbum wurde ebenso wie das davor ein Erfolg. Die ganz überlangen Titel gab es nicht mehr im Überfluss.
Gleich mit dem Titelsong donnert die Urgewalt über den Hörer hinweg, "Long Live Rock’n'Roll" ist ein Bandklassiker ohne Frage. Ein Bestandteil jeder gut ausgestatteten Rock-Sammlung. Auch Live immer wieder ein Erlebnis mit jeder Menge Mit-Sing-Potential.
Mit "Lady Of The Lake" wird es ruhiger. der Titel lebt vom Gesang. Dio schwebt über dem Song. Nostalgisch bewegt man sich durch eine mystische Geschichte. Ronnie singt mit Hingabe. Zwischendurch zieht der Saitenhexer kurz an den Strippen.
Schon geht es mit "L.A. Connection" in die nächste Runde. Folgt man den Geschichten, so wird die überhaste Flucht von Tony Carry aus dem französischen Schloss während der ersten Aufnahmen zum Album thematisiert. Schwer schleppt sich der Song über die gut fünf Minuten. Ein wirklich stark ausgestattet Stück Musik mit tollem Gitarrenteil.
Mit einem Höhepunkt geht es weiter. Das opulente "Gates Of Babylon" ist noch heute ein auf Ronnie zugeschnittener Maßanzug. Schon die Einleitung besitzt einen speziellen Zauber. Sind die Keyboards erst beendet bricht das Stück durch. Hart und mit Power beladen geht es dem Ende der ersten Scheibe entgegen. Immer wieder wird durch die Tasten-Akkorde das Dargebotene dramatisch umgesetzt. Das Geigenspiel am Ende ist wirklich cool.
Voller Spannung dreht man die LP. Was erwarten einem wohl dort. Mit dem Oberhammer des Albums geht es weiter. Als Start ereignet sich "Kill The King". Der Song steht dem Opener in Nichts nach. Auch live wurde er immer in feinster Ausführung ins Publikum geworfen. Geschwindigkeit trifft Präzision. Neben Ritchie's Gitarre hört man hier ein wirklich tolles Schlagwerk.
"The Shed (Subtitle)" kehrt wieder Ruhe ein. Der Hörer kann sich ein wenig fangen. Der sich schwer dahin schleppende Titel hat einen starken Refrain. Wieder geht die Melodie ins Blut. Vor allem das interessante Mittelstück ist toll ausgestaltet.
Bei "Sensitive To Light" blitzt jedoch schon ein wenig der Kommerz durch. Doch das ist nur vage zu hören. Man hat hier schon ein ähnliches Gefühl wie später beim nächsten Album. Das Stück rinnt die Gehörgänge hinunter, es gleitet dahin, jedoch bleibt am Ende nicht viel hängen.
Auch das dann wieder schwermütige "Rainbow Eyes" ist für immer ein Song, welchen nur der Herr Dio so interpretieren konnte. Was für ein Gefühl in der Stimme, welche Hingabe, was für ein Stück. Ein wahrhaft würdiger Abgesang der alten Band. Das war überhaupt nicht negativ gemeint.
Was für Stücke hier zu hören sind, das versteht man erst nachdem man sich dem Album hinreichend gewidmet hat. Hier passt noch alles, wird Hard-Rock zelebriert. Das waren Rainbow, so wie der Fan sie kannte.
Nach dem Album zerbrach das zarte Geschöpf Rainbow. Ronnie hatte keinen Bock auf Kommerz und wollte lieber von Drachen und ähnlichen trällern. Ritchie dagegen wollte sein Ding durchziehen. Er wollte mehr Erfolg, vor allem überm großen Teich in den USA. Dazu brauchte er leichtere Kost. Keine schweren Riffs und Songs über fiktive Traumwelten.
Hierzu benötigte er zwei weitere Anläufe. Wieder drehte sich das Kader-Karussell. Rainbow war halt die Band vom schwarzen Mann mit der Schleudergitarre. Ronnie war’s ab da egal. Er ging mit Sabbath für zwei Studio-Alben fremd, bevor er sich mit seiner eigenen Band einen Traum erfüllte. Hier auch wieder als eine Art Alleinherrscher; im Stil vom Herrn Blackmore halt. Ronnie lernte halt vom Besten und wurde nicht zuletzt deswegen zu einem der größten Sänger der Welt. Gott hab ihn selig.
Das Album an sich ist wohl nicht das Beste was Rainbow in der ersten Phase zu Wege brachte. Es ist vielleicht ein kleines wenig schlechter als der Überbrenner Rising. Auf alle Fälle ist es einer guten Bewertung ganz sicher würdig. Das Album besticht nicht nur wegen der Überhits zu Beginn der jeweiligen Albumseiten.
Die Band zeichnet ein filigranes Bild von sich und sorgt im Verlaufe der Titel für Abwechslung. Ein Werk ohne große Hänger, welches man sich ohne Probleme mehrmals anhören kann.
Bis heute ist nicht genau geklärt welcher Pianist dereinst bei der Aufnahmen der Titel zugegen war. Auch wurde die Beteiligung des Bassisten zur Geheimsache. Wo zog nun Ritchie an den dicken Saiten der Bassgitarre.
Der Aufenthalt im Château d’Hérouville (der Herrberge der Studiogäste und des Studios) in Frankreich wurde ganz sicher mit Fußball und dümmlichen Streichen vollends ausgefüllt. Kaum zu glauben, dass in dieser Zeit diese Stücke entstanden. Sie sind bis heute fest mit der Band verbunden.
2012 erschien die Deluxe Edition. Neben der neu überarbeiteten Fassung des Original-Albums im Mai 1978 (in New York) gibt es noch eine CD mit dem Rough Mix vom 04.07.1977. Hier findet man eine andere Titelreihenfolge. Mir gefällt die härtete Variante einfach besser. Die Musik ist wesentlich natürlicher und urwüchsiger als das später Original. Die hier zu hörenden Song-Varianten unterscheiden sich von Studio-Versionen. Das Hören der alternativen Mitschnitte macht somit richtig Spass. Für Fans und Kenner ein unbedingtes Muß. Auch die Extras auf dem zweiten Silberling sind den Erwerb ganz sicher wert.
Für andere reicht sicher auch eine einfachere Variante. Ich besitze die LP-Ausgabe und nun auch diese Versionen.
Am Ende hielt auch diese Formation nicht durch. Nach einer Tour zum Album blieben nur Ritchie und Cozy über. Neue Bekannte besetzten die vakante Posten. Rainbow erfanden sich neu. Das Ziel war der amerikanische Markt. Dort wollte der Gitarrenzauberer hin.


