LIVE USA 1979 - Rainbow
Besser als der Hauptakt?
DOWN TO EARTH war Ende Juli 1979 in den Plattenläden zu finden. Ritchie’s Band hatte sich neu erfunden und war angetreten genau das zu beweisen. Herr Blackmore wollte in den amerikanischen Markt. Dort sah er den großen Erfolg.

Mit einer ausgedehnten USA-Tour streckte er nun seine Fühler in jene Gefilde. Am 02. September begann die Monster-Konzert-Reise. Rainbow spielte während dieser Zeit im Vorprogramm. Der Standard-Auftritt wurde so auf eine gute Stunde eingedampft.
Es begann mit einem Auftritt im Lakeland Civic Center in Florida. Hier war die Band Blue Oyster Culture der eigentliche Haupt-Akt. Die Hauptakteure der Abende veränderten sich während der Tour. So heizte Rainbow für John Mellencamp (damals noch ohne seinen zweiten Vornamen „Couger“) ein. Weitere Haupt-Akts auf der Tour waren die amerikanische Band Mistress, die Scorpions und andere Bands. Die Reise endete gute 60 Konzerte später am 09. Dezember im Palace Theatre Albany (NY).
Innerhalb dieser Zeit wurde die Band auch mehrfach mitgeschnitten. Einige dieser Mitschnitte sind erhalten geblieben. Vornehmlich über Bootleg-Labels kann man sie heute noch nachvollziehen. Der Verfasser ist im Besitz von vier Bootlegs und einem Video. Diese sind Gegenstand der Abhandlung. Bei denen handelt es sich um die folgenden Auftritte:
1. Live In Chicago [12.10.1979, International Amphitheatre Chicago] (USA I)
2. Live In Fresno [13.11.1979, Selland Arena, Fresno] (USA II)
3. Live In Denver [16.11.1979, Music Hall Denver] (USA III)
4. Roger Glover`s Birthday Party [30.11.1979, Calderone Concert Hall Hempstead] (USA IV)
5. Recorded Live At Capitol [01.12.1979, Capitol Theatre, Passaic] (USA V)
Die Konzerte waren wie schon angeklungen sehr kurz. Nach ca. 70 bis 80 Minuten waren die Instrumente verstummt. Was die Begeisterten am anderen Rand der Bühnenerhebung jedoch zu sehen und zu hören bekamen war feinste Kost. Der dunkel Gekleidete hinter der weißen Stratocaster ließ sich nie wirklich lange Bitten. Fast bei jedem Mitschnitt brachte er sein Können durch die Boxen.
Einzig am Geburtstag seines langjährigen Begleiters bei Deep Purple hatte er wohl doch eher nicht so recht Lust. Roger Glover war‘s eh schon gewohnt. Er bedient seinen Bass immer potent und ist treibendes Mitglied der neu zusammengestellten Band. Auch Don Airey zeigt hier wirklich starke Ansätze und präsentiert sich als toller Begleiter des Gitarristen. Cozy Powell ist in neben Ritchie das dienstälteste Mitglied der Band. Wir sind von ihm nur gutes gewohnt. Der neue Sänger im Team zeigt sich als guter Shooter. Der im Umgang nicht immer einfache Graham erfüllte nicht immer die Erwartungen des Bandleaders. Ich hingegen fand ihn gut.
Was die fünf Musiker in jener Zeit auf die Bühne brachten war Hard-Rock allererster Sorte. Vielleicht bemerkt man eine fast schon erdrückende Überlegenheit des Gitarristen.
Wie üblich beginnt jedes Konzert mit dem Ausspruch von Judy Garland (Zauberer von Oz, 1939). Die zuvor übliche kurze Einspielung der britischen Hymne "Land of Hope and Glory" ist bei keiner der Aufzeichnungen zu hören. Im Grunde hört man als ersten Bandton die Einstimmung der Instrumente aller Beteiligten. Das unterscheidet sich jedoch von Aufnahme zu Aufnahme. Drei Aufnahmen sind deutlich kürzer und setzten etwas später ein. Der Einstieg in den ersten Song erscheint so kürzer.
Ich orientiere mich am Abend in Fresno. Hier hören wir die längste Konserve und ich hoffe es handelt sich um umgeschnittenes Material.
Der Melodienbogen beginnt bei jedem Auftritt mit "Eyes Of The World". Nur auf dem Video vom 01.12.1979 fehlen größere Teile. Hier gab es vermutlich Probleme mit dem Filmmaterial. Ritchie gibt sich hier gleich dynamisch. Die Band drückt gewaltig nach. So präsentiert die Band gleich zu Beginn das neue Album. Ritchie schießt schon hier Salben ins Publikum ab.
"Love's No Friend" kommt echt schick. Schwer schleppt sich das Teil über die Bühne. In Hempstead erscheint es als ob Ritchie einen kurzen Moment patzt. Gut drei Wochen früher in Fresno gelingt ihm der Einstand besser. Der Gitarrist ist hier jedoch auch dominant und allgegenwärtig. Wunderschön hält er mit, als sich das Stück beschleunigt. Graham klingt wirklich gut.
Die nun folgende Improvisation wirkt am Start in Fresno laienhaft zusammengeschnitten. Wunderschön experimentiert Don mit Ritchie klassisch. Dann lässt der Meistro kurz den Regenbogen aufblitzen. Ist "Over The Rainbow" verklungen startet der Song, welcher unter anderem am Weggang von Cozy Schuld tragt. Zu poppig und einer Rockband unwürdig empfindet er "Since You Been Gone". Den Rus Ballard-Song finden jedoch die Amis ganz gut. Er darf aus diesem Grunde nicht fehlen.
Auch der nächste Titel stammt von aktuellen Werk. Er eröffnet das runde Ding, welches überall in den Laden liegt. Bei "All Night Long" erhalten die Massen eine Einladung sich zu beteiligen. Wir hören in allen Varianten eine tolle Band, welche beherzt auf die Kehlen der Fans zurückgreift.
Fast eine halbe Stunde wird als Nächstes gejamt bis die Boxen platzen. Als Gerüst dient "Lost In Hollywood". Don Airey führt mit einem kurzen klassischen Solo ins Stück. Dann startet die Band. Die erste Intonierung des Titels hat begonnen. Doch schon bald übernimmt der begnadete Hexer. Ritchie‘s Solo ist wie immer beeindruckend. Er steigt mit einem irren Drive ein. Jetzt wirbelt er mit den Fingern und malträtiert das Instrument. Nicht so sehr, dass er es zerstören wollte. Nein er erzeugt unglaubliche Töne, lässt die Saiten noch am Korpus.
Schon sind wir im zweiten Abschnitt des Songs. Wir hören Graham wieder. Die Band ist wieder eingestiegen. Es wird immer hitziger auf der Bühne. Schließlich meldet sich der Saitenbediener wieder. Wieder foltert der Meister seine Gitarre. Schließlich beendet er das angedrohte Desaster. Er spielt die ersten Töne von "Difficult To Cure" an. Ein Stück welches im Übrigen beim Bewerbungs-Event von Don entstand. Ritchie breitet es dezent auf der Bühne aus und gibt den Keyboarder einen starken Einstand.
Nun darf Don Airey zeigen zu was er fähig ist. Er wirkt in dieser Phase sehr technisch aufgeschlossen. Eine richtig schwere Hammond hören wir nur selten. Er bedient Synthesizer und trifft durchaus moderne Trends. Es wirkt erst einmal ungewohnt und eine Spur zu elektrisch. Locker und leicht geht es vorwärts. Sogar die amerikanische Nationalhymne findet hin und wieder kurz den Weg durch die Boxen.
Nachdem Don beendet hat startet Cozy. Ich behalte ihn als einen der besten Rockdrummer in Erinnerung. Er post nicht sondern verblüfft. Sein Solo ist von Beginn an druckvoll. Die "1812 Overture" ist bekannt und beendet das Solo mit einer dynamischen Sequenz.
Bis zum nahen Ende des Standard-Vortrages fallen wir noch mal in den eigentlichen Träger-Song zurück. Mit dem Rest von "Lost In Hollywood" sollen die Fans von der Vorband Abschied nehmen.
Das wollen die jedoch nicht. Also wird eine Zugabe eingefordert. Ritchie hat nicht immer Lust dazu. Wenn er der Meinung war es sei genug, dann wurde es zur in Stein gehauenen Wahrheit. Doch in den USA suchte er das Publikum. Ausfälle blieben die Ausnahme.
Der Zusatzteil startet in der Regel mit dem Hexer persönlich. Er lässt die Sechs-Saiter gehörig sprechen. Das gute alte "Lazy" darf kurz aus der Vergangenheit auftauchen. Dann setzt er zum Meilenstein der Dio-Ära an. Bei "Man On The Silver Mountain" kann Graham nur leidlich mithalten. Er gibt sich Mühe und gibt kurz den Shooter. Ritchie übernimmt das Ruder. Später fällt das Tempo.
Aus "Blues" entwickelt sich der nächste Klassiker. "Long Live Rock’n’Roll" donnert durch die Halle. Dann ist erneut Feierabend. Gute Tage sind zwar selten, jedoch tatsächlich erlebbar. Die Band kommt erneut zur Bühne.
Ritchie zertrümmert seine Instrumente am liebsten zu schnellen Songs. "Kill The King" war einst der Opener. Nun wird er zur Schlacht-Begleitung. Wenn der Man in Schwarz sein zerstörerisches Werk vollbringt ist Mitleid fehl am Platze. Heute ist es längst nicht mehr vorstellbar, dass ein eigens auf die Bühne geschobener Verstärker in Flammen aufgeht. Hier war das noch die Regel. Ritchie zerstört bisweilen schon mal zwei Griffgeräte. Die Töne sind erschreckend und haben durchaus was teuflisches. Wie das dann im Bild aussieht kann man im Video des 01. Dezembers erstaunt betrachten. Sind die letzten Töne dann verklungen bekommt das Publikum mit dem Abspann unweigerlich das Ende präsentiert.
Wenn man sich das Gehörte zu Gemüte führt fragt man sich ernsthaft, ob der eigentliche Hauptakteur noch eine Chance hat. Ich denke mir oft, dass sich das die nachfolgenden Musiker ganz sicher auch mal fragten.
Die Aufzeichnungen selbst haben klangliche eine große Streuung. Im Grunde kann man jedoch mit etwas Übung einiges aus den Aufnahmen noch herausholen. Sie sind klanglich nicht so schlecht, dass sich eine Aufarbeitung nicht lohnen würde. Denver, Long Island und Chicago erschienen als Dreier-Pack. Andere Auftritte muss man sich separat zulegen. Wegen den Bedingungen zu dieser Tour sind sie es wert gehört zu werden.


