PLASTC PEOPLE - Birth Control
Verkopft und Überladen
Die Band blieb seit 1974 stabil. Quasi das ganze Jahr verbrachte die Band auf Tour. Im Mai 1975 spielten die vier ein neues Album in Köln (Dierks Studio) ein. Im Juni des Jahres wurde es in London gemischt. Es erschien im Herbst. Vom 24.07.75 bis 12.09.75 tourten sie ausnahmslos in Spanien. Diese Konzertreise war ein großer Erfolg. Im Herbst präsentierten sie das Album dem deutschen Publikum.

Wer sich das Album damals kaufte war sicher erst überrascht. Standen die Herrn Frensel, Föller, Held und Noske für eine ungezügelte und einfache Mucke, so wurde hier etwas anderes durch die heimischen Verstärker gelotst. Erste Anzeichen fanden sich vielleicht schon auf REBIRTH.
Die Nadel fördert als erstes den Titelsong hervor. "Plastic People" ist eine Satire auf den neuen Menschen. Langsam und allmählich arbeitet sich das Teil nach vorn. Peter singt echt stark. Er hört sich wirklich toll an. Das Stück jedoch quält sich ein wenig. Die vielen Unterbrechungen zerhacken das Teil. Die Orgelarbeit jedoch ist wirklich gut und breitet ein attraktives Fundament für den Song. Es wirkt als ob das Teil künstlich in Länge gezogen wird. Immer wieder elektrische Effekte, welche eher stören.
Es klingelt und über die Freisprechanlage singt ein Fremder. Die Band nimmt das Motiv auf. Ein cooler Rocker beginnt - "Tiny Flashlights" startet. Locker und leicht singen Nossi und Peter. Ein wenig Jazz-Piano hört man auch. Zeus bedient das Saxophon. Leider zündet es nur teilweise.
Wieder hören wir zum Beginn des nächsten Songs Spielereien. "My Mind" hat fast klassische Züge. Joachim von Grumbkow spielt ein Cello und Christoph Noppeney darf Viola spielen. Auch ein Vibraphon hört man am Anfang. Nossi singt. Zeus legt ein Zeugnis seiner Kunst ab. Kein Hardrock sondern etwas experimentelles erreicht des Ohr. Das Stück ist aufwendig und kompliziert. Die Töne sind nicht sonderlich mitreißend und erfordern eine gewisse Hingabe. Wer die nicht aufbringen kann, für den werden die sechs Minuten eventuell schnell zu lang.
Beim Drehen der Scheibe fragt sich der Hörer wie es wohl weiter geht. Wieder dringen als erstes seltsame Töne aus den Boxen. Aus Koloratur-Gesang entwickelt sich hier das Riff. Die Band startet "Rockin' Rollin' Roller" und Bruno gibt erst mal den Ton an. Doch der Titel täuscht.
Zu aller erst hören wir eine coole Jazz-Nummer mit Rockeinschlag. Leider wirkt auch das Teil überladen. Der mittlere Teil passt eigentlich nicht wirklich. Erst die Überführung durch die Orgel leitet uns wieder ins bekannte Motiv. Die Blasinstrumente von Zeus machen das Unterfangen noch komplizierter.
"Trial Trip" beginnt ebenfalls mit Effekten. Bis schließlich der Gesang das eigenartige Intro ablöst. Hier hören wir die Band wie wir sie gewohnt sind. Hart in der Gangart und mit beiden tollen Gesangs-Akteuren. Ein wirklich starker Song mit tollen Momenten. Die dezente Piano-Erwähnung wirk echt toll. Wirklich ein richtiger Höhepunkt. Der Song verkörpert genau das was die Band auch Live darstellt. Eine irre geile Band im Feuer der Begeisterung.
Mit "This Song Is Just For You" driftet die Nadel in die Endrunden. Wieder sind Gäste anwesend. Friedemann M. Leinert spielt Flöte. Joachim von Grumbkow und Christoph Noppeney sind für die Streich-Instrumente verantwortlich. Auch Bläser sind zu hören. Keine Ahnung warum das Stück hier seinen Weg auf die Bänder fand. Das mit Chören unterwanderte Teil passt überhaupt nicht zur Band. Es wirkt wie der Versuch tausende aktuelle Einflüsse in einen Song zu verpacken. Alles ist stark gespielt keine Frage, doch wo bleibt die Identifikation mit der Band.
Das Album wirkt wie ein verkrampfter Versuch sich zu verbiegen, sich neu zu finden. Es ist gewissermaßen eine Aneinanderreihung von seltsamen Tönen. Seltsam deswegen, weil diese Art der Musik nicht zu dem passt was die Band bisher in die Plattenläden stellte.
Was wir auf dem Vinyl hören gleicht nicht mehr dieser harten Band, welche ihre Fans live mit Druck von der Bühne versorgte. Stattdessen hört man Funk, Jazz, Klassik und auch ein wenig Pop aus den schwarzen Rillen purzeln. Der Inhalt der Albums bleibt eine wilde Mixtur aus allem was die Welt zu bieten hat. Ein Wirrwarr aus verkopfter Musik. Das flüssige und unbelastete Drauflosspielen ist Geschichte. Komplizierte Strukturen füllen die Songs und strengen den Hörer an.
Leider entwickelte daraus ein Trend. Die Band versuchte sich neu zu erfinden und ihrem musikalischen Schaffen eine neue und seriösere Zukunft zu geben. Schon mit dem nächsten Album geht die Band dann endgültig ihrem eigenen Fiasko entgegen.


