CLEAR AIR TURBULENCE - Ian Gillan Band
Für mich das beste Album der Formation
Leider war die Welt nicht auf ein Album wie Child In Time vorbereitet. Es verkaufte sich schleppend. Der Keyboarder Mike Moran musste noch im Februar 76 gehen und wurde durch den ehemaligen Elf-Mann Mickey Lee Soule ersetzt.

Ein neuer Versuch sollte die Wende bringen. Die Band wechselte auch das Label und ging zu Island Records. Für das neue Album jedoch tauschte Ian erneut den Tastenmann aus. Nun begann eine lange Zusammenarbeit zwischen Gillan und Colin Towns. Bis zum Ende dieser Band und auch der nächsten Formation sollten beide aneinander festhalten.
Vom Juli bis zum September 1976 zogen sich die Sessions hin. Aufgenommen wurden die Titel in den Kingsway Studios im Zeitraum vom Juli bis zum September 1976 in London. Der erste Mix entstand in den Rockfield Studios in Wales. Ian war sich jedoch nicht sicher was die Abstimmung des Albums anging. Er zauderte deswegen und schließlich mischte man das Material nochmals in den Kingsway Studios ab. In dieser Fassung erschien das Album letzen Endes im April des Jahres 1977.
Die originale Fassung aus dem Jahre davor wurde unter dem Titel The Rockfield Mixes 1997 veröffentlicht. Hierauf befinden sich die Titel von Clear Air Turbulence nur in anderer Reihenfolge und auch in anderen Längen. In einer späteren Version 2004 [The Rockfield Mixes Plus] finden sich auch noch zusätzliche zwei Stücke der in Rockfield aufgenommenen Session und zwei Live-Mitschnitte. Auch kann man einen Interview mit Ray Fenwick lauschen. Tolle Zugaben - jedoch nur für wirklich große Fans.
Durch Ian‘s Zaudern nun erschien das Album schließlich verspätet erst Mitte April 1977. Schon drei Monate später bastelte man am Nachfolger Scarabus herum. Dieses Album erschien dann im Oktober.
Was nun auf dem Album zu hören war, war längst nicht mehr so eine Überraschung wie auf dem Album Child In Time. Die Band ging den dort betretenen Pfad konsequent weiter.
Gleich beim Start des Albums begrüßt einem eine Mischung aus Funk und Rock. Es gibt beim Titelsong jede Menge Tempowechsel. Ein sehr vertrackter Song in einer dafür echt tollen Form vorgetragen. Vor allem fällt die gute Gitarrenarbeit von Ray Fenwick auf. Es wird nicht langweilig. Auf den Rockfield Aufnahmen wirkt dieser Song deutlich rockiger.
“Five Moons“ beginnt auch in der ursprünglichen Abmischungen deutlich schwermütiger. Auch hier ist der Song wieder etwas länger. In der Album-Mischung hört er sich mehr offnerer und mit deutlich mehr Höhen an. So wirkt der Song sehr verspielt. Hier klingt die Stimme von Ian einfach cool. Man glaubt kaum dass er das ist. Ansonsten enttäuscht das Stück. Hier wirkt die Langsamkeit eher negativ. Bei mir zündet nicht viel. Einzig der coole und verträumte Bläsereinsatz im Mittelteil setzt hier ein kleines Achtungszeichen. Ich bevorzuge eindeutig längere Stücke, jedoch glaube ich hier wäre weniger Mehr gewesen.
Diese Zeit hätte man besser in das zweitkürzeste Stück des Albums packen können. “Money Lender“ ist richtig cool gespielt und auch gesungen. Ian schreit sich hier die Lunge aus dem Laib. Es groovt in jeder Ecke. Ein wirklich gutes Stück vom Anfang bis zum Ende. Die Fassung auf den Rockfield Mixes hingegen gefällt mir dann nicht besser. Durch die eher düstere Abmischung ist es mehr eine funkige Rocknummer und geht im Verbund der anderen Musik schon fast unter.
Auch bei “Over the Hill“ ist die düstere Abmischung der ersten Variante eher gewöhnlich. Die deutlich höheren Höhen auf dem Album-Mix passen viel besser zum jazzigen Stil des Albums. Das Spiel der Band klingt freier und offener. Und wieder gibt Ian seinem Organ freien Lauf. Auch dieser Song ist ein wirklich gut gelungen Stück Musik. Gerade der sehr frei verlaufende Rhythmus im mittleren Teil bestärkt diese Auffassung noch. Bis zum Ende scheint man zu improvisieren und es lauern tolle Überraschungen. Ich denke der beste Song des Albums.
“Goodhand Liza“ hört sich definitiv besser auf dem Original-Album an. Gerade die offene und klare Abmischung überzeugt mich. Das Stück selbst klingt wirklich klasse in mit den unterstützenden Handtrommeler im Hintergrund (Vielleicht der Herr Gillan?). Ansonsten bleibt es guter Lückenfüller.
Die spanische Gitarre am Anfang von “Angel Manchenio“ kommt echt gut. Wieder wird das Tempo und der Rhythmus mehrmals gebrochen. Alles wirkt unerwartet und man denkt ständig an andere Verläufe. Das gibt auch diesem Song einen gewissen positiven Drive. Hier hört man sehr deutliche Jazz-Einflüsse. Es wird gejammt was das Zeug hält; Colin Towns lässt grüßen. Wieder einmal finde ich die Erstabmischung nicht so beeindruckend wie das Original auf dem ´77 erschienen Album.
Mir gefällt das Ende des Albums. Es war eine stete Weiterentwicklung erkennbar. Nur gab es Fans, welche sich mit dieser Art der Musik nicht einverstanden erklärten. Mir gefiel es erst auch nicht so gut, jedoch besser als das Album davor. Später jedoch muss ich mir eingestehen, dass diese Art von Musik ganz gewiss seinen Reiz hatte und immer noch besitzt.
Mit der heutigen Sicht auf das Album finde ich die endgültige Abmischung des Albums um Welten besser als jene in den Rockfield Studios. Sie wirkt wie eine gute Jazz-Rock-Scheibe mit genug Drive für einen Ohrwurm. Für mich ist dieses Album schlicht das beste Studioalbum der Ian Gillan Band.
Der gute Ian hat ein gutes Gespür für seine Musik. Das beweist er mit dieser Aufnahme hier. Er empfand zu Recht den ersten Mix als zu unvollkommenen. Hier klang die Band noch zu rockig, zu düster, zu allgemein. Nur in der letztlich veröffentlichten Fassung konnte er mit seinen Mitstreitern den Hörer beeindrucken.
Klar und druckvoll lässt er hier der Band freien Lauf. Die Bläser passen hervorragend zum offenen und freien Klang der Titel. Wie auch beim Album davor muss ich eingestehen, dass ich Jahre brauchte um diese Schönheit zu fassen um diese für mich dann gelten zu lassen. Ein wirklich gutes Album mit zwei wirklich kleinen Hängern, welche eigentlich einen halben Stern Abzug verdient hätten. Ich jedoch genieße das Album immer wieder und das wiederum macht die kleinen Schwachstellen wieder weg.
Im September des Jahres, also schon nach der Studio-Arbeit zur Nachfolger-Album - wurde dann ein Konzert in Japan aufgenommen. Hier wurden einige Titel des ersten, des zweiten Albums und der nächsten Scheibe zu einer Konservierung mitgeschnitten. Auf einer Doppel-Live-LP kann man diese Songs dann live erleben. Doch das kommt später.


