FUTURE SHOCK - Gillan
Richtig gut, doch nicht das Beste
Nur sechs Monate nach den Aufnahmen zu GLORY ROAD saß man schon wieder in den Kingsway Studios. Neues Material galt es festzuhalten. Die Band muss richtig gut funktioniert haben, bedenkt man wie schnell die nächste Scheibe in Angriff genommen wurde.

Die Besetzung der Band blieb vom letzten bis zu diesem Album stabil. Vom Dezember 1980 bis zum Januar 1981 brauchte man um die zehn Stücke fürs Vinyl auf ein Band zu bringen. Im März des Jahres stand die Scheibe in den Läden.
Mit dem Titelsong geht es gleich los. Es rockt schwerfällig, jedoch druckvoll nach vorn. Immer wieder schneidet Bernie’s Gitarre durch den Song und gibt ihm eine aggressive Richtung. Unterstützt von den Tasten ein echt toller Beginn.
Ist "Future Shock" dann zu Ende übernimmt "Night Ride Out Of Phoenix" die schwere Grundlinie und führt diese langsamer, jedoch energisch fort. Nicht eine Minute langweilig trotz der fehlenden Geschwindigkeit. Nun ist Colin Towns der bestimmende Mann.
"(The Ballad Of) The Lucitania Express" hingegen drückt voll und brutal durch. Es startet wie man es bei Gillan gewohnt ist. Schnell und stark wird der Gehörgang durchgespült. Die Gitarre vom Herrn Tormé ist bestimmendes Programm. Einfach cool bis zum viel zu frühen Ende.
Einer der wohl besten Stücke des Albums ist "No Laughing In Heaven". Ironisch wird Ian klar, dass es im Himmel stink langweilig ist. Er will dort wieder weg und das hört man. Ein starkes Stück Musik mit viel Text. Im Grunde ist es eher ein Sprechgesang; aber was für einer! So klingt die Band und dieses Stück vertritt diese wie kein Zweites.
Mit "Sacre Bleu" wird es noch eine Spur schneller. Hart und ohne Reue gibt es hier einen schnellen Rhythmus. Der Gitarrenlauf ist geladen und schießt eine kurze Breitseite. Dann ist auch schon fast wieder Schluss. Cool wie das Teil am Ende zerfällt.
Mit der Coverversion von "New Orleans" wiederum schoss die Band erneut einen Schuss ins Schwarze ab. Diese Nummer stammt von Frank Guida und Joseph Royster aus dem Jahre 1960. Sie passt sehr gut zum Schluss der ersten Seite. Sie Lebt und reißt vollends mit. Hier wird gerockt, geschwitzt und leider zu früh ausgeblendet.
Der erste Titel nach dem Wenden der Scheibe schafft im Gehörgang wieder Platz. "Bite The Bullet" ballert eine Kugel direkt in das Gehirn. Die Beine zappeln und der Kopf wippt hin und her. Druck ohne Ende und jede Menge Kraft.
Die ruhigste Passage des Albums schließt sich dann an. "If I Sing Softly" beginnt schön mit einfacher Gitarre. Ian singt einfach spitze und klingt fantastisch. Wenn man etwas auf dem Album als Power-Ballade bezeichnen will, dann das Teil. Es plätschert sacht dahin bis der Refrain sich erhebt. Schön gemacht das Teil und ganz sicher nicht langweilig.
Mit "Don't Want The Truth" ist dann Schluss mit der Beschaulichkeit. Es rockt wieder und der Hörer ist sich sicher Gillan zu hören. Getragen von einer schönen Bass-Line drückt der Titel sich bis zum Ende. Ein richtig starker Song mit einem fantastisch singenden Ian.
Als letzten Song erklingt "For Your Dreams". Stramm marschiert dieser Song nach vorn. Fast schon hat man das Gefühl es könnte noch einen kleinen Schub schneller gehen. Im Refrain ist er schon schnell, jedoch wird in der Strophe deutlich abgebremst. Trotzdem ein tolles Stück Musik, fast schon lyrisch in der Auflösung hin zum Schluss.
Was nach dem Hören des Albums im Hirn haften bleibt ist die Frage nach der vergangen Zeit. Gut unterhalten ist viel zu schnell das Ende der Rille erreicht und die Nadel landet in der Auffangrille.
Nach diesem Album ging dann Bernie Ende Juni 81. Bernie setzte seinen Weg fort und startete wieder Solo durch. Bis 2002 betrieb er seine Projekte und veröffentlichte mit anderen Formationen bis 2011. Einen Tag vor seinem 67. Geburtstag verstarb er 2019. Die Welt nahm kaum Notiz davon. Musikalisch hinterließ er einige wichtige Spuren. Vergleichbar ist er am ehesten - meiner Meinung nach - im Stiel mit Tracy G (einst bei DIO).
FUTURE SHOCK sollte das erfolgreichste der Band werden. Im Vereinigten Königreich stand es auf Platz 2 der Charts. Die Single-Auskopplungen "New Orleans" und "No Laughing in Heaven" stiegen in verschiedenen Chart weit nach oben.
Mir persönlich gefällt jedoch GLORY ROAD ein kleines Stück besser. Es ist für mich das bessere, weil ein wenig kompromissloser als dieses hier vorliegende Album. Auch wer die Abmischung der LP kennt bemerkt den etwas flachen Sound. Das trübt den Gesamteindruck deutlich. Auch erscheint mir diese Scheibe nicht ganz so flüssig wie das Album davor. Ohne die dann doch erfolgten Nachbearbeitungen der LP würde so mein Bewertung geringer ausfallen.
Erst bei diesen nachbearbeiten Neufassungen ändert sich der Klang zum Besseren. Allein für die vielen Bonus-Songs auf den Re-release kann man diesen Verlust vollständig wieder gutschreiben. Vieles davon ist noch roh und unbearbeitet. Hört man hier bis zum Ende wird man nur als Ersthörer erstaunt sein, was sich dem Lauscher bietet. Gillan-Fans kennen die wirklich tollen Zugaben und wissen diese zu schätzen.


