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WINDOWS - Jon Lord

Eine bunte Mischung

Klassische Werke werden allgemein als unumstößlich angesehen. Wenn ein solches Stück Musik wiedergegeben wird, so achten alle Beteiligten auf die peinlichste genaue Wiedergabe der Noten, der Spielweise und darauf wie die Pausen und damit das Tempo ausgeführt wird. Mit großem Ernst und noch mehr Pathos winden sich dann Kritiker und bewerten eben die Originalität der Audioausgabe. Wenn man die Kommentare vieler Werke liest sind diese meist mit Schachtelsätzen verquickt. Auch die kleinste musikalische Dokumentation wird dramatisch überzeichnet. Alles ist ernst und wichtig.

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Dass der gute Jon sich auf dieses Unterfangen einließ ist erstaunlich. Dreimal schon hat er sich der Verschmelzung von Rock und Klassik gewidmet. 1969 wurde das CONCERTO FOR GROUP AND ORCHESTRA das erste Mal aufgeführt. Ein Jahr später musste Deep Purple nochmals in die Konzerthalle. Nun galt es die GEMINI SUITE live zu vertonen. Eine Studio-Version entstand danach. Bei dieser Aufnahme übernahmen teilweise andere Kollegen aus dem Genre den rockigen Part. Deep Purple war dafür nicht mehr in voller Zahl verfügbar. So veröffentlichte Jon unter seinem eigenen Namen.

Malcolm Arnold zog der Erstellung der GEMINI SUITE nach Schottland. 1971 lernte Jon Eberhard Schöner im Londoner Speakeasy Club kennen. Man tauschte sich aus und Eberhard bewunderte Jon wegen seiner Verbindung beider Musikstile. Jon fand zwischendurch immer wieder Zeit sich mit einem neuen Bekannten zu treffen und Pläne zu schmieden. So wandte er sich mit seinen privaten Projekten weitestgehend dem Festland Europas zu.

 

Zusammen organisierten sie eine zweite Aufführung der GEMINI SUITE. Hierbei wollte man auch ein neues Stück zusätzlich aufführen. Beide zusammen erschufen ein Fortführung der B-A-C-H Fuge. Das "Continuo ON B.A.C.H." Eröffnete den Abend im Münchner Circus Krone am 4. Oktober 1973 vor 3.000 Menschen. Die GEMINI SUITE sollte noch zusammen mit dem neuen Titel bei anderen Auftritten danach gespielt werden. Diese Unterfangen stellte sich jedoch als zu kompliziert dar. Dieses Projekt wurde schließlich fallen gelassen. 

 

Durch diesen Kontakt kam es zur Anfrage des Bayrischen Rundfunks. Diese wollten an einen Abend des  Prix Jeunesse International 1974 die Verschmelzung von Klassik mit Rock öffentlich darstellen. Hierzu hatte man Jon im Sinne. Er sollte dort auftreten. 

 

Zusammen mit Eberhard Schöner wurde nun in relativer Eile etwas Neues geschaffen. Man erschuf WINDOW aus dem Nichts. Ist der erste Satz des klassisch strukturierten Werkes eine Neukomposition der beiden Herren, so wurde als zweiter Satz einfach der von GEMINI SUITE leicht verändert. Der dritte Satz besteht nun dann doch wieder aus einer Eigenkomposition. 

 

So wagte sich Jon Lord 1974 nochmals mit großem Orchester an die Öffentlichkeit. Deep Purple befand sich auf der BURN-TOUR. Unter der uneingeschränkten Herrschaft von Blackmore waren sie noch härter geworden. Aufnahmen fürs zweite Album dieser Besetzung STORMBRINGER warfen ihre Schatten voraus.

 

Wie auch immer kam es am 1. Juni 1974 im Herkulessaal in München zur Erst-Aufführung. Zusammen mit dem Münchener Kammerorchester und zahlreichen Solisten unter der Leitung von Eberhard Schöner wurde diese Aufführung als Eurovision-Übertragung aufgenommen und gesendet. Das Video hierzu kann man heute noch ansehen. Es blieb erhalten. Es ist gute 10 Minuten länger als das hinterher  erschienene Album. Es fehlen die von Klaus Löwitsch vorgetragenen Gedicht-Zitate (in den drei Sätzen von "Window") und die Einleitung. 

 

Diese erklingt als erstes im Video. Das kurze "Also sprach Zarathustra" von Richard Strauss führt bombastisch in den Abend. Jon Lord drückt hier seine Finger in eine Pfeifenorgel. Erst nach dessen Ende werden die Regler auf dem Album hochgezogen. Die Musiker werden angekündigt. Neben dem Meister kamen David Coverdale, Glenn Hughes, Ray Fenwick, Pete York, Tony Ashton, Erminia Santi,

Sigune von Osten und Gunter Salber. 

 

Sind die Namen erst verklungen beginnt "Continuo ON B.A.C.H.". Das Stück basiert auf jenen Notensatz des Nachnamens des wohl größten Komponisten der klassischen Musik. Er selbst bezeichnete diese Folge als göttliches Motiv. Bach glaubte daran weil die beiden mittleren Notenpaare den normalen Musikverlauf kreuzten wenn man diese miteinander verband. Für ihn ein oft verwandtes Motiv. Er war ein zutiefst religiöser Mensch. 

 

Jon beginnt verhalten unterstützt von leichten Schlaginstrumenten. Brachial steigt man danach ein. Es swingt ein wenig. Eine sehr schöne Passage beginnt. Die Band und das Orchester ergänzen sich. Pete darf gleich zu Beginn zeigen was er kann. Ein toller Drummer fügt sich gut ein. Kein Ego-Rausch sondern fein dosiert holt ihn das Orchester wieder ein. Mit einem Violinen-Solo geht das drastisch untermalte Klangerlebnis weiter. Mit Jazz geht es weiter. Hier beweist sich Gunter an der Trompete. Man hört deutlich die typische Melodie heraus. Jon und Gunter geben behutsam acht und spielen wunderschön mit dem Orchester zusammen. 

Die hier zum Moto genommene Notenfolge erkennt man schließlich wenn man sich das reine Produkt des B-A-C-H Themas mit einem einzelnen Instrument anhört. Im Internet kann man es auf der Flöte gespielt anhören und vergleichen.

 

Das 1974 veröffentlichte Album selbst wird mit "WINDOWS" (Mehrzahl) betitelt. Der eigentliche Hauptakt wird mit "Window" (Einzahl) bezeichnet. Diese Musikstück besteht aus drei Teilen. 

 

Mit einem Schlag unter Zuhilfenahme der Sopranisten (Erminia Santi und Sigune von Ostenk) startet "Ranga". Schnell erhebt sich ein beschwingter Reigen. Die Band schwebt vor sich hin bis Jon die Orgel auspackt. Es gibt Zunder auf die Ohren. So geht es jedoch nicht so weiter. Mit Koloratur-Gesang beginnt man die nächste Fase. Auch David beteiligt sich. Er war Anfang skeptisch, konnte jedoch gefallen am Stück finden. Seine Stimme bringt einen schönen bluesigen Kontrast zum für Ungeübte belastenden Hochstimmen-Gesang. Es erfordert für den Rock-Konsumenten eine gehörige Portion von Aufopferung um diesen Abschnitt zu überstehen. Klassik-Fans bringen für diese Art der musikalischen Organverbiegung mehr Verständnis auf. Schafft man es sich von Hörgewohnheiten zu lösen kann man auch diese Art der Musik als schön empfinden. Die Sänger werden sogar auf  Sektflaschen begleitet. Am Ende der ersten längeren Koloratur kommt dann erstmals Herr Löwitsch zur Gelegenheit ein Gedicht zu Besten zu geben. Alle Äußerungen dieser Art - auch an weiteren Stellen des Werkes - fehlen auf dem Album. Warum das ist nicht geklärt. Wahrscheinlich stand der deutsche Text einer internationalen Vermarktung im Wege. Die Musik stört es nicht. Schließt man die Augen so entspannt man kurz vor dem großen filmreichen Finale. 

 

Ruhig geht es in den zweiten Akt. Mit der Unterstützung von elektronischen Klängen durch Eberhard persönlich startet man in "Gemini". Dieses Stück wurde leicht verändert und erfährt mit den anderen Vokalisten eine schicke neue Note. Gute sieben Minuten darf der Konsument entspannen. Spielerisch driftet man durch das mit Pathos überstreute Stück. Es fühlt sich gerade mit dem Gesang von Tony wie ein Ausflug ins Musical an. Das schadet jedoch nicht. Im Gesangs-Finale erhebt sich der Sound und es geht in den dritten und letzten Teil.

 

"Alla Marcia: Allegro" bricht mit tollem Schlagwerk an. Mächtig schiebt sich der Marsch nach vorn. Kurz unterbrochen von feinen Intermezzos. Diese zerhacken den dringlichen Charakter. Wunderschön in Form gebracht mit allerhand Blues-Rock und starken Gesangsbeteiligungen unter andern auch von Glenn Hughes. Auch Pete York darf ein größeres Solo abgeben, bevor es wieder verspielt weiter geht. 

 

Das Werk kam nach der Veröffentlichung ganz nicht ganz so gut an. Es wurde natürlich in Deutschland und auch weltweit vermarktet. Am 1987 wurde erneut bearbeitet. 2017 digital erneut bearbeitet bietet sich dem Hörer ein glasklarer Klang. Ein Ereignis für die Ohren.

 

Viele Kritiken sahen dieses Werk als Jon’s schlechteste Veröffentlichungen an. Wenn man bedenkt, dass diese Version im Grunde nur auf das Drängen der Veranstalter entstand stimmt dieser Eindruck eher nicht. Jon und Eberhard streuten an jenem Abend eine bunte Mischung unters Volk. Dass die letzten drei Stücke als ein Werk betitelt wurden, erklärt sich vermutlich der thematischen Annäherung zur Klassik. Ich bin immer geneigt die einzelnen Bestandteile von "Window" als eher eigenständige Werke zu sehen. Betrachtet man das Gehörte unter diesem Aspekt fällt auch die eigentliche Wiederholung des Gemini-Aktes nicht so negativ auf. 

 

Jon und Eberhard fanden noch oft Zeit sich miteinander zu verbinden. Schon mal sollte mit SARABANDE eine weitere Kostbarkeit in den Theken der Plattenläden liegen. 

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