LIVE IN LONDON 1991 - Deep Purple
Drei Konzerte, drei Spielweisen, ein Event
Die Tour lief gerade erst eineinhalb Monate. Von den ehemaligen Ostblock-Staaten bewegte man sich über Westeuropa und Skandinavien. Seit Anfang März besuchte die Band die britischen Inseln. Alle Mitglieder waren ganz sicher eingespielt.

Erste Titelumstellungen auf der Bühne fanden schon statt. So flog das glücklos gestartete "Wicked Ways" aus dem Programm. Zuweilen wurde so das alte "Hey Joe" wieder aus der verstaubten Schatztruhe gezaubert. Es erfuhr so eine erneute Wertschätzung im Portfolio der Band.
In der Zeit vom 14. zum 17. März war die Band im legendären Hammersmith Odeon in London gebucht. Eine Location mit historischem Wert. Eine Halle welche schon bei so manchen großen Auftritt der denkwürdige geschichtsträchtige Ort des Geschehens war. Auch hier in dieser Zeit legte die Band ein umfassendes Zeugnis ihres breiten und bisweilen auch unberechenbaren Gebärens ab. Von den vier Auftritten blieben drei relativ gut erhalten. Von ihnen erzählt diese Geschichte.
Der erste und der letzte Auftritt findet sich als Bootleg-Veröffentlichung beim japanischen Label Darker Than Blue (Katalog-Nr. 137/138/139/140) wieder. Als Conquers London wurden diese Abende auf vier CD’s in ordentlicher Qualität dokumentiert. Der zweite Abend findet sich in Form eines mit der Nennung des Auftrittsortes benanntem Bootleg wieder. Von mir als Yesterday In London betitelt hört man hier die Band in einem schlechteren Klang und in unvollständiger Abfolge der Songs. Vom dritten Abend jedoch existiert wohl leider keine verfügbare Aufnahme. Dieser Auftritt wird im folgenden auch nicht erwähnt.
Bei allen Veranstaltungen stand das Programm fest, die Band jedoch veränderte den Verlauf und die Spielweise der Titel ständig. Der Übersichtlichkeit wegen hangeln wir uns am ersten Auftritt der Band am 14. März entlang.
Der Abend startet brutal. "Burn" bricht sich seinen Raum. Joe singt in seinem Musical-Stil das Teil auch ganz anständig. Er gibt sich deutlich Mühe. Ritchie ist bretthart und Jon’s Orgel ist voll bei der Sache. Die Eröffnungen ist immer mit reichlich Druck versehen. An diesem Abend klingt die Band hier wirklich stark. Sicher liegt das auch an dem doch guten Klang der Aufnahme. Ein Eindruck, welcher sich auch an den anderen zwei verfügbaren Abenden durchaus bestätigt.
Mit "Black Night" geht es gewohnt in die zweite Runde. Wieder ist der Auftritt bei der ersten Show der Bessere. Diese Einschätzung bezieht sich leider nur auf die Auftritte vom 14. und 17. März. Von diesem Song und dem Nachfolgendem fehlen leider an den beiden mittleren Terminen die Aufnahmen.
Doch zurück zu "Black Night“. Hier schafft es Joe wirklich eine gute Stimmung ins Publikum zu tragen. Schick übergeleitet begibt man sich auf die Reise zum Hammerhit "Child In Time". Joe schafft es hier ein wenig die Melodie mit seiner Stimme auszukleiden. Es bleibt jedoch nur ein kleiner Ausflug und "Long Live Rock’nRoll" begleitet den mitsingenden Fan schließlich zum Ende des Titels.
Mit "Truth Hurts“ bewegen wir uns nun zum SLAVES AND MASTERS-Album. Ritchie leitet das Teil am 14. gut ein. Genau diese Einleitung ist man vom großen Meister gewohnt. Zielstrebig lässt er die Töne seiner Stratocraster leicht verzerrt durch die Boxen nach außen schleichen. Langsam, jedoch mit Nachdruck schiebt er sich und die Band in den Song. Immer fein unterlegt durch die anderen Musiker. Beginnt Joe zu singen wird es ein klein wenig flach. Aber er klingt hier echt toll und man merkt deutlich, dass er für solche Titel geschaffen ist. Wunderschön das Alles; getragen von einer tollen Gitarre und der Band im Hintergrund. Drei Nächte später hält sich unser Gitarrenkünstler deutlich mehr zurück und steigt direkt in den Song ein. Auch verhaspelt sich Ritchie zum Ende hin ein wenig. Man hat den Eindruck es flutsch beim letzten Auftritt in London nicht so richtig. Am 14. jedoch kann man gute 12 Minuten schmachten. In dieser Version einfach geil gespielt. Ein Ruhepunkt in diesem Mitschnitt, welcher nicht langweilt.
Mit "The Cut Runs Deep" geht es dann weiter. Wieder bemerkt man die zweifelsohne bestehende DNA der Band. Das Teil wird mit Nachdruck an Auditorium übereignet. Joe heizt die Massen gehörig an. Der Rhythmus der Drums ist wie geschaffen für diesen Zweck. Am ersten Abend klingt das Teil spektakulär. Von diesem Programmteil aus finden wir auch wieder den Anschluss in der Aufzeichnung des zweiten Auftrittes am 15. März. Hier jedoch wird das Teil mit ein wenig mehr Spielfreude von der Bühne aus abgedrückt. Ist der Klang hier auch ein wenig schlechter so merkt man doch, dass die Band eine Spur besser drauf ist. Allein Ritchie’s kurze Einlage wirkt scheinbar mit mehr Gefühl gespielt. Mit "Hush" verziert endet das Teil dann in der gewohnten Gründlichkeit beim Auftritt der Band. Orgel und Gitarre im Einklang; sowas braucht der geneigte Hörer am Fuße der Bühne.
"Perfect Stranges" startet am ersten Abend einfach und schnell. Einen Tag später wird das Teil mit einer deutlich verspielteren Einleitung versehen. Joe moderiert direkt. Auch am letzten Abend ist es ähnlich. Bei allen drei verfügbaren Tonaufnahmen hören wir eine professionelle Band. Vom Klang her ist der Mitschnitt vom ersten Abend zu bevorzugen.
Wieder beim aktuellen Album angekommen stimmt die Band nun "Fire In The Basement" an. Ich persönlich finde das Bass-Solo vom 14.03. am gelungensten. Der Song zündet jedoch in jeder Version hervorragend. Bezüglich der Gesamtleistung bevorzuge ich jedoch die Version vom 15.03. Sie besitzt ein wenig mehr Druck.
Am ersten und an zweiten Abend geht das Konzert mit "King Of Dreams" in die nächste Runde. Die Ballade passt Joe hervorragend. Hier wird sie mit viel Professionalität ans Publikum weiter gereicht. Beide Versionen sind im Grunde identisch. Beim Auftritt am 17.03. ist der Song nicht vorhanden.
Weiter geht es an jedem der Abende mit "Love Conquerse All". Hier darf Joe Lynn Turner selbst die Klampfe auspacken. Am 15.03. ertönt während der Einleitung für ein paar Sekunden noch "That'll Be The Day" (The Crickets). Dann erst startet der Song. Joe singt in allen Versionen echt stark. Man merkt, dass ihm der Titel auf dem Laib geschneidert zu sein scheint. Zerbrechlich driftet man auf einen immer währenden Höhepunkt vieler Konzerte zu.
"Difficult To Cure" wird durch die Herrn Blackmore und Lord immer wieder zu Ereignis. Die Klassik-Adaption ist ein Geniestreich von Ritchie. Je nach Geschmack und Laune toben sich hier alle Beteiligten aus. Mit einer kleinen ungarischen Impression startet Ritchie am ersten Abend. Dann geht das Teil buchstäblich ab. In dieser Version erfährt der Titel die höchsten Ehren. Auch die Versionen der anderen beiden Mitschnitte können hier durchaus mithalten. Ritchie und Beethoven sind quasi Blutsbrüder; wer hätte das je bestritten. Auch Jon Lord steht dem in nichts nach. Sein Solo beginnt nach der Übergabe vom schwarzbekleideten Hexengitarristen. Egal in welcher Version man sich auf die Tasten-Improvisationen einlässt, eine Enttäuschung erlebt man nie. Jon und die Klassik passen ebenso zusammen wie der erstgenannte Gitarrenbediener. Schick bis zum Ende und nie wirklich langweilig.
Auch "Knocking At Your Back Door" ist in jeder Variante ein Genuss. Allein das prägnante Orgelriff am Anfang bedingt eine unbedingte Wiedererkennung. Joe singt das Teil in dieser Periode deutlich besser. So gut wie es Ian hingegen einst wiedergab; das kann er nicht.
Das trifft auch auf einen weiteren Klassiker zu. "Lazy" ist nichts für ihn. Sein verspielter Gesang passt überhaupt nicht zu bluesigen Grundrhythmus. Somit hat er auch nur am Rande Kontakt mit der Band im Verlaufe des Songs. Leider fiel der Titel am 14.03. hinten runter. Nur auf der Aufzeichnung am 17.03. ist er zu vernehmen.
Im Allgemeinen ist der geneigte Fan schon froh wenn während der Einleitung zum Titel nur kurz mal "Hey Joe" angestimmt wird. Standard war das nicht. Zuweilen ist die Band zu mehr in der Lage. Ab und zu jedoch wird statt dessen fleißig gejammt. Die Musiker stimmen Fremdvorlagen an und interpretiert sie im eigenen Gewandt. Eine Darbietung welche in diesem Umfang eher selten geboten wird.
Am 15.03. jedoch spielen die Musiker auf der Bühne "Wooly Bully" (Sam the Sham & the Pharaohs), "A Whiter Shade of Pale" (Procol Harum), "Stone Free" (The Jimi Hendrix Experience) und "Yesterday" (The Beatles) kurz an. Bevor dann der altbekannte Blueskracher durch die Boxen gejagt wird hat man sich so überzeugt, dass es der Band richtig gut geht. Leider ist der Song nicht auf der entsprechenden Tonkonserve vom 15.03. vorhanden.
Als letzter Titel des regulären Auftrittes wird "Highway Star" aufs Auditorium losgelassen. Auf allen Mitschnitten findet man das Stück in fast identischen Versionen. Am letzten Abend in London merkt man jedoch beim genaueren Hinhören, dass der Gitarrenzauberer die Lust verliert. Er ist nur noch rudimentär zu vernehmen, liefert nur ansatzweise Pflichtbeiträge. Die bisher gewohnte Brillanz im Spiel des Herrn Blackmore ist nicht mehr richtig zu hören.
Bei der Zugabe des Band-Klassikers ist er am 17.03. als Totalausfall zu werten. Vermutlich begibt sich der manchmal Eigensinnige in seine Garderobe und überlässt das lästige Fanbeglücken dem Rest der Band. Die Beteiligten kennen derartige Bosheiten schon von anderen Auftritten und ziehen "Smoke On The Water“ ohne ihn über die Bühne. Auch Woman "From Tokyo" wird ohne die Zaubergitarre über die Zeit gerettet. Für das in den Song eingearbeitete Schlagzeug-Solo ist der Gitarrist schließlich entbehrlich.
Dieses im Grunde kindlich alberne Gehabe des Herrn Blackmon besteht eigentlich keine Notwendigkeit. Schließlich schafft er es am ersten und am zweiten Abend bei diesem Song auf der Bühne zugegen zu sein. Er spielt hier den von ihm nicht sehr geschätzten Titel schließlich auch mit und trägt somit seinen Beitrag zum Bandgefüge auf der Bühne. Am 14.03. gibt er sich nach dem Ausklingen des letzten Songs noch mit Joe die Ehre und spielt ein kleines Intermezzo bevor der Abend endet.
Besonders gut gelingt ihm eine Form der Begeisterung am 15.03. Hier gestaltet er nicht nur den Song mit, sondern lässt im mittleren Teil nach dem Drum-Solo kurz "In The Hall Of The Mountain King" (Edvard Grieg) erklingen bevor die Band "Woman From Tokyo" abbiegt. Wir kennen die klassische Melodie vom späteren Rainbow Album Stranger In Us All von 1995.
Abschließend kann man vermerken, dass diese hier vorliegenden Klangkonserven einen wirklichen Schatz darstellen. Alle wurden an der gleichen Örtlichkeit dem englischen Publikum vorgetragen. Sie zeigen eindringlich welche großen Unterschiede sich bisweilen in der Live-Performance der Band offenbaren. Am ersten Abend spielen sie einen gut gelungenen Standard-Auftritt. Sie präsentieren sich geschlossen und sind in jeder Sekunde Herr der Lage.
Am zweiten Tag des Engagements sind sie eine gute Qualitätsstufe besser. Sie spielen und sind frei von persönlichen Querelen. Sie legen einen fantastisches Live-Ereignis den Fans auf zu Füßen. Sie musizieren frei und unbeschwert und tragen sich in nie für möglich gehaltene Höhen.
Am letzten Abend jedoch verstricken sie sich wieder im engmaschigen Netz von bandinternen und privaten Befindlichkeiten. Das Feuer der Auftritte davor war verflogen. Übrig blieb Frust und ein vielleicht enttäuschtes Publikum.
Deep Purple leben für die Musik auf der Bühne. Allerdings hatte die Bandbesetzung dieser Zeit auch immer wieder mit Problemen zu kämpfen. Diese drei Mitschnitte sind somit quasi die Gesamtbeschreibung der Band. Sie verdeutlichen das Spektrum der Darbietungen mit allen Höhen und Tiefen. Aus diesem Grunde ist es für einen Fan sicher interessant sich das Beschriebene anzuhören. Das wir uns hier über die Bandphase mit Joe Lynn Turner beschäftigen ist diesbezüglich egal. Auch in anderen Besetzungen war die Spannweite der Live-Darbietungen nicht sehr viel anders. Das änderte sich ein wenig als der gefürchtete Supergitarrist mit dem stechendem Blick die Band verließ. Doch bis dahin ist es noch eine Weile hin.
Was die Qualität der Aufnahmen angeht ist allen Bootlegs eine höhere Qualität zuzuschreiben. Es finden sich zahlreiche Übersteuerungen und Störsignale auf den Mitschnitten. Es muss gewaltig geschnitten werden. Auch der Ton weisst teilweise große Unterschiede auf. Die erste und die letzte Nacht des Event’s sind noch ganz gut auf Conquers London vorhanden. Hier sind nur kleinere Eingriffe nötig. Anders sieht es beim Mitschnitt vom zweiten Auftritt aus. Bei Yesterday In London sind doch erheblichere Eingriffe nötig. Hier ist der Sound wesentlich tiefer und nicht stabil. Das liegt vermutlich daran, dass die beiden anderen Aufnahmen sicher schon durch das Label Darker Than Blue bearbeitet wurden.
Bootlegs sind sicher nicht jedermanns Sache. Zu viele Unwägbarkeiten schwingen beim Hören mit. Im Allgemeinen hören nur eingefleischte Fans solche Mitschnitte. Es gibt auch nur wenige Bands bei denen sich ein breiter Fundus an solchen Tonformaten wirklich lohnt. Deep Purple sind immer eine Live-Band gewesen und sie bestehen in diesem Anspruch auch weiter, solange alle Beteiligten es noch können. Vor diesem Hintergrund ist das Hören einer inoffiziellen Aufnahme immer mal wieder eine Abwechslung. Mit gewohntem Ohr kann man so deutliche Unterschiede bei den Auftritten erkenne und sich an den dann hörbaren Auswirkungen erfreuen. In diesem Sinne sind diese Aufnahmen hier - auch und gerade wegen der örtlichen und zeitlichen Gegebenheiten von großem Wert.


