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LIVE IN SAO PAULO 91 - Deep Purple

Der vielleicht beste Mitschnitt dieser Besatzung

Ein gutes viertel Jahr war man nun live unterwegs. Die Band hatte viele Konzerte um sich abzustimmen und sich neu aufzustellen. Der neue Sänger hatte genug Zeit sich in die Band auch live zu integrieren. Genau das merkt man hier deutlich. An zwei Abenden trat die Band in São Paulo auf. Vermutlich liefen bei beiden Auftritten die Bänder mit. Der letzte wurde später fürs Radio mitgeschnitten. Diese Aufnahme blieb erhalten. Sie wurde als Bootleg (mit weiteren Titeln) veröffentlicht.

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Wie in der Phase mit Joe Lynn Turner üblich startet der Mittschnitt des zweiten Abends mit "Burn". Der neue Sänger startet sehr Druckvoll. Er ist gut bei Stimme und man merkt ihm an, dass er sich wohl fühlt. Auch Ritchie hat Bock. Das spürt man schon am Auftakt.

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"Black Night" folgt dem ersten Stück ohne Verzögerung. Singt Joe auch nicht wie Ian, so muss man ihm jedoch eingestehen, dass er es ganz gut hinbekommt. Wenn der Mann mit den Zauberhänden an den Saiten reißt bleibt kein Auge trocken. Brutal und hart geht es durch das Teil. Einfach schick die Nummer und nicht eine Minute langweilig. Die Einstreuung von "Long Live Rock‘n‘Roll" passt wie die berühmte Faust ins Auge. Alles stimmt und die Passage wirkt flüssig. Joe glänzt hier wirklich. Natürlich werden Puristen den fehlenden Kehlkopf-Gesang vom Herrn Gillan vermissen. Mit "Child In Time" ist der Neue jedoch wirklich überfordert. Hier hat die Band dann ein Einsehen und bricht das kurze Fragment wieder ab. 

 

Mit dem aktuellen Stoff kommt Joe natürlich besser klar. Hier kann er zeigen was in ihm steckt. "Truth Hurts" beginnt mit Ritchie’s Power-Einleitung. Kraftvoll drückt er in den Song. Schon die ersten Töne vom Sänger sind ein Beispiel dafür, dass dieser Titel für ihm geschrieben scheint. Balladen sind sein Ding, das konnte er bei Rainbow schon richtig gut. Die Band als Ganzes hört sich echt toll an. Eine tolle Fassung. 

 

Zu einem unbedingten Höhepunkt wird in dieser Zeit "The Cut Runs Deep". So locker und leicht bewegt sich das Teil auf der Bühne; der schwere Rhythmus zieht sich nicht. Hier stören Sound-Probleme das Hörvergnügen zeitweise. Wie sich dann "Hush" aus dem Drum-Teil entwickelt ist doch cool. Die Orgel fängt den ursprünglichen Song wieder stark ein. 

 

"Perfect Strangers" wird wohl nie zu den Lieblingen von Joe gehören. Im Gegensatz zum ersten Auftritt im Februar jedoch singt er wesentlich besser und fügt sich gut ein. Routiniert schiebt die Band das Teil über die Bühne. Ich habe durchaus Achtung vor dem Gehörten. 

 

Mit "São Paulo Tune (Jam)" hab ich die doch kurze Strecke nach dem Ende des Dauerbrenners bezeichnet. Auf dem Cover steht es anders. Deutlich hört man hier wie sich die Band an einem guten Abend anfühlt. Diese Art der Zuwendung dem Publikum gegenüber erwartet der geneigte Fan abseits der Bühne. 

 

"Fire In The Basement" ist ein Vollblut. Es wirkt gewaltig und hart. Ritchie’s Gitarre ist omnipräsent, wird von der Orgel dezent unterstützt. Er spielt richtig gut bis Jon den Staub von der Hammond aufstöbern lässt. Schließlich gibt Roger Glover wieder einmal eine tolle Solo-Einlage ab. Ein echtes Bass-Solo ist bei dieser Tour im Programm. Er kann sich das leisten. Begleitet vom Schlagzeug und der Orgel ein starke Leistung. 

 

Eine Überraschung folgt bei der Einleitung vom nächsten Song. Hier hört man kurz  "Hey Joe". Junge ist das lange her. 1968 das erste Mal ins Band-Korsett gepresst findet es hier eine Neuveröffentlichung. 

 

Joe mit einer Gitarre vor Ritchie, das kannten wir nur von Rainbow. Bei "Love Conquers All" erleben wir es wieder. Hier brilliert der Sänger und trägt das zerbrechliche Stück Musik. Jon und Ritchie unterstützen ihn dabei aus dem Hintergrund. 

 

Auch "Difficult To Cure" war einst ein Rainbow-Klassiker. Seit Jahren jedoch wird es von Deep Purple zur Solo-Ausgestaltung benutzt. Ritchie geht brutal in der Einleitung zu Werke. Als Solo hingegen erwartet man das auch. Die Überleitung jedenfalls gelingt. Was für ein Stück wir da hören ist im Grunde nicht mit Worten greifbar. Der zwingende Beweis für die Ähnlichkeit von Klassik und Rock. Ritchie spielt auch hier härter, jedoch wieder toll. Nach der Übergabe an den Tastenbeauftragten geht es genauso weiter. Auch Jon versteht es klassische Bestandteile mit anderen zu verknüpfen. Solos sind eben nicht, wie oftmals von anderen Musikern vermerkt, nutzloses Beiwerk. Sie sind ganz im Gegenteil belebende Elemente im Schaffen der Band. 

 

Wenn Jon sich genug veräußert hat beginnt quasi automatisch das bekannte Orgelmotiv von "Knocking At Your Back Door". Ein Stück welches mir immer schon besser gefiel als der Titelsong des Albums von 1984. Es ist spannend und aufgeladen vom Beginn an. Wieder scheint Joe das Teil besser zu liegen als der andere Song vom selben Werk. Lebendig und frisch hört er sich an. Auch Ritchie schiebt das Teil gehörig mit seiner Gitarre. In dieser Version auch ein Höhepunkt. 

 

Das gute alte "Lazy" beginnt wieder wie einst. Ritchie hat den Blues. Wunderschön und irre gut. Sowas ist doch einfach toll. Augen zu und genießen. Ist das erledigt startet die Band. Frisch und Hart geht die Post ab. Die alte Nummer hat keinen Staub angesetzt. Leider habe ich immer Ian Gillan‘s süffisant ausgeschmückte Gesangsleistung im Hinterkopf. Diese Level kann Joe nicht halten. Ritchie hingegen hört sich spektakulär an. Dafür lebt er, das kann er und dazu ist er in dieser Bandphase auch bereit.

 

"Highway Star" beendet den offiziellen Auftritt. Wieder kommt das Teil brutal aus den Verstärkern. Joe schafft es hier fast aggressiv zu klingen. Erstaunlich ist das, weil ihm langsame Stücke eher entgegen kommen. Wieder hören wir eine tolle Band mit starken Einzelbeiträgen. Der Abend neigt sich seinem Ende. 

 

Als Zugabe ist dann "Smoke On The Water" geplant. Jedoch findet sich auf dem Bootleg nicht der Beginn des Songs. Warum das so ist kann ich nicht erklären. Mitten im Song setzt die Wiedergabe verspätete ein. Ich behalf mir, indem ich das fehlende Teil durch das vom als Zugabe beigelegten Exemplar aus London kopierte und dann zu Beginn einfügte. Mit ein wenig Übung gelang es mir so das Gefühl von Vollständigkeit zu erhalten. Ein Stilbruch ohne Widerspruch! Für Puristen ein Graus. Mir allerdings gelang es so das Konzert sauber zu beenden. In dieser Version ist das Drum-Solo im hinteren Teil des Songs fast nicht zu hören. Man hört seltsame Schnitte und "Woman From Tokyo" wird kurz angestimmt, dann ist Schluss.

 

Auf dem Bootleg zur SLAVES AND MASTERS-TOUR sind noch dreieinhalb Stücke vom Vorabend zu hören. "Burn" ist nur bruchstückhaft vorhanden. Von "Black Night", "Truth Hurts" und "The Cut Runs Deep" findet man fast komplette Versionen. Die Qualität der Aufnahmen ist ebenfalls (mit Ausnahmen) ganz gut. Es ist also denkbar, dass beide Abende mitgeschnitten wurden. Warum beide Abende nicht separat erhalten sind bleibt rätselhaft. 

 

Als letzten Bonus hört man dann "Smoke On The Water". Der Mitschnitt stammt  vom 15.03.1991 aus London. Diesmal jedoch wurde das Teil nicht vom Drum-Solo getrennt. Ian‘s Werkschau ist gediegen und nicht besonders bemerkenswert. Bessere Leistungen von ihm sind bekannt. 

 

Als inoffizielle Veröffentlichung wurde schließlich der Auftritt vom 21.08.1991 mit viel Tamtam am 06.11.2020 erneut veröffentlicht. THE BOYS FROM BRAZIL ist neben diesem Bootleg ein schwacher Abklatsch. Die gute Klangqualität des Bootleg (vermutlich durch direktes Stereo-Soundboard-Recording) muss in der Version von 2020 einem äußerst dumpfen Klang weichen. 

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Auch fehlen dieselben Stellen von "Smoke On The Water" wie im von mir beschriebenen Bootleg. Die Bonus-Titel fanden keine erneute Veröffentlichung. Eine schwache Leistung und wieder einmal der Beweis für einen schludrigen Umgang mit dem Erbe der Band.

 

Die mit Slaves And Masters Tape beschriebenen zwei CDs sind der zu erbringende Beweis für eine sehr gut harmonierende Band. Der Eindruck, dass die Band sich neu gefunden hatte bestätigt sich so. Schließlich war ein zweites Album mit Joe geplant. Das Management sah es anders und holte Ian Gillan zurück. Bei den Fans fand der neue Sänger nicht die erhoffte Unterstützung.

 

Sind auch zahlreiche Tonpannen zu hören, so ist hier ein außergewöhnlicher Mitschnitt erhalten geblieben. In dieser Zusammensetzung bestimmt eines der besten Konzerte der Band zu dieser Zeit. Das Konzept schien tatsächlich für alle Musiker stimmig. Vielleicht auch ein Anzeichen des neuen Selbstverständnisses war die nun beschränkte Länge der Auftritte von gut eineinhalb Stunden. 

 

Wie auch immer man zu dieser Bandperiode steht, so sollte man sich die Mühe machen auch Aufnahmen aus dieser Zeit angestrengt zuzuhören. Sie sind sicher nicht so schlecht, wie viele Fans sie im Nachhinein beschrieben haben. 

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