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LOST MILAN TAPES 1993 - Deep Purple

Am Ende nach nur vier Konzerten

In Bregenz (Österreich) begann die Tour zum aktuellen Album THE BATTLE RAGES ON. Es entstand in einer Atmosphäre allgemeiner Ignoranz des Gitarristen gegenüber dem Sänger. Es wurde ohne die Präsenz aller Personen im Studioaufgenommen. Blackmore wollte nicht wahrhaben, dass Gillan wieder zurück war.

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Die Tour stand somit unter keinem guten Stern. Die Band begann Ende September eine weltumfassende Konzertreise. Nicht alle Mitglieder überstanden die Tour. Einige Monate später hatte sich alles geändert.

Nach nur einem Konzert in der Alpen-Republik bereiste die Band Italien. Der dritte Abend in diesem Land blieb als Aufnahme erhalten. Am 26.09.1993 traten sie im PalaTrussardi in Mailand auf. Noch frisch aufgestellt hört man hier diese in sich zerrissene Band in einem wirklich guten Klang.

 

Nach dem Abgang vom Herrn Turner beginnt der Abend wieder mit "Highway Star". Die Einleitung ist wie immer. Sphärisch beginnt es mit der Intonierung durch die Orgel. Ian ist ganz gut bei Stimme. Erst gediegen nimmt die Band langsam Fahrt auf. Ritchie spielt gelassen, bis ihm im mittleren Teil kurze Fehler unterlaufen. Man hört es ganz gut, da die Soundqualität recht gut ist. Er lässt auch Ian das eine oder andere Mal so recht nicht durchkommen. Alles wirkt verkrampft.

 

"Black Night" beginnt ohne Einleitung. Schon findet man sich wieder in der guten alten Stampf-Nummer. Ritchie spinnt in seinem Part nicht konsequent die Melodie weiter. John hingegen schon. Es ist sonderbar, doch bekommt es dadurch eine aggressive Note. Beginnt der Ausflug zu "Jesus Christ Superstar" wird es wieder seltsam. Es hakt zwischen Gitarristen und Sänger. Kenner der Materie wissen wovon ich schreibe. 

 

Mit "Talk About Love" geht es zum aktuellen Album. Diese Mischung aus Keyboard und Gitarre am Anfang wirkt frisch. Der Song hat durchaus Potential. Ganz anders als auf dem Studiowerk. 

 

Weiter geht es mit "A Twist In The Tale". Ebenfalls genauso aktuell wie der Song zuvor. Allerdings wirkt er nicht so stark. Liegt es am Song? An Ritchie, Jon und Ian jedenfalls lag es nicht. Im Grunde eine professionelle Life-Performance.

 

Die Über-Hymne und auch gleichzeitig der Titelsong des gefeierten Réunion-Albums ist fester Bestandteil eines jeden Konzertes bis heute. Ohne Schnörkel ziehen es die fünf Musiker durch die Boxenanlage. Ian singt "Perfect Stangers" um Welten besser als Turner. Niemand wird diese Erkenntnis infrage stellen. Vor allem lebt der Song auch von Jon‘s Hammond.

 

Wenn Ritchie von Beethoven inspiriert wird fliegt im Allgemeinen die Kuh von den Brettern, welche die Welt bedeuten. "Difficult To Cure" wird dieses Mal nicht selbstverliebt improvisiert eingeleitet. Der viel gefürchtete Gitarrenmann leitet den Ton seiner Strato durch allerlei Verstärker. Er verzieht sie absichtlich. Das Ergebnis ist für Erskonsumenten sicher neu. Dass Ritchie sein Werk aus Wut selbst versaut weiß der Informierte jedoch von früheren Events. Jon jedoch rettet das Unterfangen. Er hält die üblichen klassischen Überleitungen kurz und steigt direkt ins Geschehen ein. Seine Solos sind an fast jeden Abend immer wieder der krasse Gegenentwurf zum mürrischen Saitenzupfer. Er leitet die Aggressionen um und erschafft eine Zerbrechlichkeit, welche er dann gekonnt wieder in den Überschwang führt. Ein Melodienbogen - gespielt mit Orgel, dann mit dem Klavier und auch mit dem Synthesizer - führt zum Nächsten bis schließlich der neue Song beginnt. 

 

"Knocking At Your Back Door" ist der stärkste Song vom Album 1984. Das Riff zum Beginn ist sehr gut zu wieder zu erkennen. Ein Hit aus einer anderen Zeit. Neun Jahre ist er schon steter Begleiter bei den Auftritten. Liebgewonnen von den Fans und wohl auch der Band. Mühsam quält sich Ritchie. Begeisterung sieht anders aus. Nicht beim Herrn Gillan. Der trägt zusammen mit Jon den Song wirklich gut.

 

Das zerbrechliche "Annyone‘s Daughter" wird wunderschön zelebriert. Hier fällt die nur oberflächliche Schattengitarre kaum auf. Im Gegenteil ärgert er doch schließlich seinen Widersacher. Als Gillan denkt er könne mit dem Singen beginnen spielt Ritchie einfach weiter einige Takte. Ian ist kurz verblüfft und fängt sich wieder.

 

Bei "Child In Time" sind sich alle einig. Ein Meilenstein der Rockgeschichte, mit welchem Ian Gillan nur zu oft Probleme hatte. Immer wieder kam es vor, dass er stimmlich nicht gut drauf war. In jenen Momenten wollte er keine Live-Präsentation des Werkes. Der listige Supergitarrist hingegen bestand darauf. Sollte doch die Welt sehen, dass sein Erzfeind nicht wirklich singen konnte. Ritchie hingegen ist aufgewacht. Hier blitzt seine Spielfreude auf. Wir hören sicher keine 100 %, doch merkt man schon, dass sich Blackmore halbwegs beteiligt. Ian überspielt seine Stimmprobleme professionell. 

 

Das im Studio zusammengestellte "Anya" ist in der Live-Variante eine Offenbarung. Ritchie liebt den Song. Das merkt man. Verspielt und dann energischer hört man hier eine seltsame Version. Wieder schafft es der ewig Unzufriedene seine Gitarre so zu verzerren, dass der Mittelteil förmlich zerfleischt wird. Nur durch Jon wird die Melodie gehalten. 

 

Mit dem Titelstück des aktuellen Albums geht es weiter. "The Battle Rage On" wird gern als Zustandsbeschreibung der Band angesehen. Das stimmt im Grunde nicht; hier hingegen misslingt schon der Einstand. Vier Konzerte ist die Tour alt, die Band wirkt hier schon zerstört. Wieder rettet Jon das Teil. Wo bleibt die Gitarre. Die hört man erst als Gillan zu singen aufhört. Zum Ende hin grummelt es im Hintergrund. Ist das Absicht oder liegt es an der Abmischung? 

 

Mit "Lazy" höre ich meinen liebsten Song. Ohne die liebevolle und tolle Einleitung des Herrn Blackmore springen wir gleich zum Start. Hart und direkt sind wir sofort beim grandiosen Gitarristen angelangt. Hier hat er Spaß. Zusammen mit der Hammond ein tolles Gespann. Wenn Ians Part gesungen ist folgt das Drum-Solo. Der andere Ian trommelt es souverän mit einigen kleineren Unstimmigkeiten. Kein Grund zur Sorge; der Typ bewegt die Sticks noch immer gewaltig. Zusammen mit einem coolen Bass-Drums ein schickes Stück Einzelleistung. Nicht jeder Tag ist der Beste, jedoch immer noch gut genug um ungeübten die Tränen in die Augen zu treiben. 

 

Mit dem nun folgenden Medley aus "Space Truckin‘", "Woman From Tokyo" und "Paint It Black" geht es in die letzte Runde des regulären Auftrittes. Alle Beteiligten kennen die Songs längst und reichen sie professionell an das Publikum weiter. Hört man hier bandinterne Begeisterung oder vielleicht nur ein Art von interessierter Gelassenheit? Ich neige zur letzteren Ansicht. Alles wird mehr oder weniger im Standard-Look durch die Verstärker gedrückt. Der letzte Abschnitt ist wohl dabei noch der Beste. 

 

Wie auch immer der Abend endet die durch das Publikum geforderte Zugabe steht noch auf dem Programm. Auf dem Bootleg finden sich jedoch nur gut zweieinhalb Minuten von "Smoke On The Water". Danach findet der Mitschnitt ein jähes Ende. Damit das Konzert für mich gut endet habe ich den Abschluss des Konzertes in Stockholm vom 13.11.93 dran gehängt. Ich bearbeite beide Bootlegs zur selben Zeit. Im Nachhinein fiel mir erst der krasse Kontrast zum hier vorgestellten Abend auf. An jenem Abenden in Skandinavien spielte Ritchie die letzten Konzerte mit dieser Band. Er ist hier komplett anders drauf wie in Milan. Ein hübscher Kontrast.

 

Dieser Auftritt im September ist ein Zeichen für die Band. Die Tour war noch frisch, als man sich in Milan auf der Bühne in dieser Art präsentierte. Nur diese drei schon durchgeführten Shows führten am Ende zu dieser mittelmäßigen Live-Präsentation. Es verwundert schon, dass der Band während dieser Tournee immer wieder spektakuläre Abende gelangen. Ritchie isolierte sich und sorgte zukünftig für Zoff und abenteuerliche Eskapaden. Ungefragt und unangekündigt störte der  Einsame immer wieder Gillan und damit auch die Band. 

 

Die Qualität des Mitschnittes ist hingegen für ein Bootleg hervorragend. Mit nur  wenigen Korrekturen wird dieser Abend auch mit Kopfhörern zum Erlebnis. Für echte Fans ein unbedingtes Muss. Gelegenheitshörer hingegen finden von diesem Zeitabschnitt andere professionell bearbeitete Alben mit Höhen und Tiefen. 

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