LIVE IN STUTTGART 1993 - Deep Purple
Totgesagte leben länger
The Battle Rage On war im Grunde für Ritchie ein aufgezwungenes Album. Gillan durfte zur Band zurückkehren. Ein Umstand, welcher dem Herrn in Black nicht passen wollte.

Der Dauerzwist war wieder auf dem Programm. Abseits der Bühne verkroch sich der Großmeister der Rockgitarre in seiner Garderobe. Zusammen mit seiner Frau kam er nur für die Arbeit auf der Bühne. Die Band sah ihn nur dort. Man unterhielt sich über Manager oder ließ Briefe verlesen; von Ritchie zum Rest der Band. Später in Prag (am 30.10.93) ließ er Candice Night ungefragt backround den Herrn Gillan begleiten. Dieser sang nach seiner Meinung nicht gut genug. Auch seine ständigen Textänderungen in den Song’s und die ewig währenden Ansagen nervten Ritchie. Nach diesen Event verlaß Roger den Austrittswunsch des Gitarristen. Bis zum Ende der Europa Tour im November stand er noch zur Verfügung. Die Band auf der Bühne gab es danach quasi nicht mehr. Doch gerade bei dieser Band gilt der Leitsatz; Totgesagte leben länger.
Die zum Album gehörige Tournee verlief also wieder im besten Purple-Tritt. Die Schlacht war eröffnet die Waffen waren geschärft. In Deutschland waren sie auch unterwegs. Am Ende der Tour durchs Land der Teutonen traten sie in Stuttgart auf. Die Hanns-Martin-Schleyer-Halle war am 16. Oktober gut gefüllt. Vom Untergang dieser Besetzung war an jenem Abend nichts zu spüren. Wie so oft in der History der Band gab es in solchen Phasen auch unglaubliche Konzerte.
Gleich bei "Highway Star" gab es Druck. Roger Glover gibt mit seinem Bass gewissermaßen die Linie vor. Ian ist gesanglich richtig gut unterwegs. Auch Ritchie hat die Saiten des Instruments voll im Griff.
Ohne Pause geht es gleich in die dunkle Nacht. Auch hier hört man eine in sich geschlossene Band. Der doch eher nebenbei eingespielte Single-Hit ist immer wieder auch Ritchie‘s kleine Spielwiese. "Black Night" ist spannend intoniert und mit viel Routine gespielt. Die Massen werden tüchtig angeheizt.
Die nächsten beiden Songs gehören zum aktuellen Album. Sind "Talk About Love" und "A Twist in the Tale" sicher keine Glanzlichter der Band, doch sind sie live - man muss es so sagen - echte Purpler. Sie sind in sich rund mit einer dem Abend entsprechenden Härte vorgetragen. Druck an jeder Ecke.
Mit "Perfect Strangers" sind wir wieder im Réunionsjahr. Waren das noch Zeiten. Eine glückliche Band und tatsächlich Einigkeit. Beobachter wollten damals sogar Freunde gesehen haben. Damals war das bestimmt auch so, im Jahre 1993 waren diese Emotionen nur noch innerhalb von Fraktionen erkennbar. Die Grenze verlief mitten durch die Bühne.
So gab der Einzelkämpfer jenseits des unsichtbaren Bollwerkes gleich den furiosen Einstieg zum nächsten Titel. Ritchie improvisiert hier wunderbar und wird vor allem durch Jon Lord genial unterstützt. Vom eigentlichen "The Mule" blieb fast nichts übrig. Aber wen interessiert das bei so toller Mucke?
Gleich danach folgt Ritchie’s Adaption von Beethoven‘s Neunter Sinfonie. Freude schöner Götterfunken .... hier einfach nur "Difficult to Cure". Wahnsinn wie das Teil abgeht. Ritchie ist gut gelaunt. Was für ein Song und was für eine Lehrstunde in der Verquickung von Klassik und Rock. Mit Jon Lord wird dieser in der selben Verpflichtung übernommen. Der ewig ruhig bleibende und immer auf das Gesamtbild der Band achtende Tastenmann zeigt hier was in ihm und seinen Instrumenten steckt. Immer wieder vermischt er synthetische Klänge mit harten Orgelpassagen. Auch hier wieder klassische Anklänge. Mit der "Ballade pour Adeline" wird ein neuer Abschnitt eingeläutet.
Das Publikum rast und "Knocking at Your Back Door" gibt es den nächsten Knaller aus der Zeit der Glückseligkeit. Wieder wirkt die Band nicht zerstritten.
Mit "Anyone's Daughter" findet der zu lange gemiedene Titel von Fireball wieder eine Live-Erwähnung. Schön mit kleinem Instrumentarium eingespielt. Alle Musiker auf engstem Raum in der Bühnenmitte. Bei anderen Auftritten pries Ian Gillan gern den mit Tamburin bewaffneten Drummer kurz als Elton. Hier ist das nicht zu hören. Die Band spielt einfach klasse entspannt und vollkommen dem Song verpflichtet. Fast könnte man meinen das experimentelle Zusammenrücken der Musiker könnte alles bisher Geschehene rückgängig machen.
Langsam startet dann der Abend durch. "Child In Time" wurde zu jener Zeit noch gespielt. Wunderschön durch Jon klassisch eingeleitet hört man dann das Wunderwerk aus der früheren Zeit. Nicht gealtert und immer noch klasse in der Ausgestaltung und im instrumentalem Teil. Und Ian singt einfach fantastisch. Die Band lebt; immer neu schießt es einem durch den Kopf. Ritchie gibt vor der Speederhöhung noch ein kleinen Einschub und dann geht die Post ab. Mit Jon wechselt sich der in schwarz Gekleidete vom anderen Bühnenteil immer wieder ab. Mit dem bekannten Ende beginnt Ritchie’s Lieblingsstück.
Eine kurze Einleitung und dann intoniert er "Anya". Welche Zärtlichkeit, welche Zerbrechlichkeit, was für eine Anmut. Ritchie gibt alles und das Auditorium klatscht im Takt. Einfach nur cool - vor allem dann von der Mitte bis zum Ende des Titels. So hört sich ein sterbender Patient nicht an! Doch daran denkt an diesem Abend keiner.
"The Battle Rages On" ist jedoch nicht nur der Titelsong des zu promotenden Albums; er ist im gewissen Sinn - nicht wegen des Textes an sich - ein Symbol für das was geschah und für alles was noch in Zukunft geschehen wird. In der Live-Fassung kommt dieser “Anti-Gewalt-Song“ auch als solches rüber. Härter als auf dem Album.
"Lazy" ist immer und jeder Version ein Gewinn für alle. Ritchie spielt hier seine Passagen einfach super und das Stück hat jede Menge Drive und Power. Für mich einer der besten Live-Songs der Band. Leider wird es durch das Drum-Solo des Herrn Paice ein wenig zu früh beendet. Ian hineingehen trommelt auch wieder seinem Anspruch gemäß. Er spielt hier sehr abwechslungsreich und kommt immer wieder zurück zur gemäßigten Ruhe. Kein andauerndes Schlaggewitter ergibt sich, sondern einen gut durchgestaltete Nummer. Kurz kommt das bestimmende Riff zurück dann ist Schluss. Gillan stellt den Drummer dann gebührend vor.
Vor dem nächsten Titel kann man hören wie diese Band live funktioniert. Ritchie steigt ein und Jon zieht begleitend nach. Hier hört man Musik von Edvard Grieg. Ritchie stimmt "In the Hall Of The Mountain King" an und es entwickelt sich. Hier hört man schon die erste Version seiner später mit Rainbow veröffentlichten Song-Idee. Allemal jedenfalls toll ans Publikum weiter gegeben. Was für ein grandioses Stück Musik!
Mit "Space Truckin'", "Woman From Tokyo" und "Paint It Black" geht es in den letzten Teil des Konzertes. Wieder hört man gute zehn Minuten eine sich ergänzende Band. Sie tauschen sich auf der Bühne aus, geben sich Raum. Die Musiker tragen sich durch Raum und Zeit.
Die unweigerlichen Zugaben sind das Zuckerbrot des Musikers. Mit der deutschen Nationalhymne geht es also in die Verlängerung. "Speed King" ist ein alter und lieb gewordener Gast jeden Abends. Hier geben sich Ritchie und Jon gegenseitig Raum. Zerbrechlich und aufbrausend erlebt der Hörer wieder eine pulsierende Band. Das alles soll dem Untergang zurasen? Man glaubt es kaum und will es nicht wahrhaben. Kurz erklingen sogar das Riff von "Burn" und andere gute alte Live-Bestandteile.
Mit "Hush" nun geht es dem Ende entgegen. Wiederum improvisiert Ritchie wunderschön bevor nach guten 2:40 Minuten das einzig wahre Riff der Rockgeschichte die Halle durchschneidet. Nach dem durch die Dankesansprache des Sängers unterbrochenen "Smoke On The Water" ist dann Schluss. Ein sensationeller Abend wird hier mitgeschnitten. Es gab so viel tolle Momente, keiner davon deutet auf das hin, was wirklich in der Band geschah.
Nachdem die Band wieder von der Bühne ging war man sich zweier Fakten anscheinend mehr oder weniger gewiss. Erstens war sich jeder auf der Bühne klar darüber, dass das hier nicht mehr lange bestand. Zum Zweiten war wohl jeder der Personen im Saal Augen- und Ohrenzeuge von einem sehr schönen und künstlerisch wertvollen Konzertabend geworden. Ein Umstand welcher nicht immer so selbstverständlich erschien.
Neben diesem Konzert wurde jenes in Birmingham am 09. November ebenfalls aufgenommen. Dieses ist ein krasses Beispiel für die hohen Schwankungen, welche die Band hin und wieder unterlag. Das jedoch ist eine andere Geschichte.
In voller Länge veröffentlicht wurden dieses Konzert in Stuttgart und jenes von Birmingham als Bootleg und als offizielle Mitschnitte. In der Box Live In Europe 1993 findet man die besten Versionen. Ein Jahr später erschienen beide Konzerte nochmals separat als Doppelalben auf CD.
Vom Auftritt in Birmingham gab es dann noch die offizielle DVD zur Tour mit dem Namen Come Hell Or High Water. Einem Machwerk, welches dem stolzen Bandtitel so nicht verdiente.


