LIVE AT NEC 1993 - Deep Purple
Ein Dokument seiner Zeit
Ein Konzert der Tour sollte für ein Video mitgeschnitten werden. Ritchie wollte diese Aufnahme zum Beginn der Tournee mit frischer Band einspielen. Die Band und das Management sahen es anders. In Birmingham nun war es soweit. Kameras standen an der Bühne, das Haus war voll und der Auftritt begann.

Laut Augenzeugen soll die Band angefangen haben, jedoch der Mann in Black kam nicht zur Bühne. Verdutzt brach man den ersten Beginn nach einiger Zeit ab und suchte nach ihm. Ritchie war noch im "Dachsbau" (seiner Garderobe) und bockte wegen dieser Aufnahmegeräte. Klärende Worte folgten vom Management und das Konzert begann zum zweiten Mal.
Nach dem Intro startete ‚"Highway Star". Nach nach gut 6 Minuten ist noch immer keine Gitarre im Klangbild zu hören. Ritchie kommt schließlich auf die Bühne, geht hinter Jon und bewirft einen dort stehenden Kameramann mit einem Becher Flüssigkeit. Immer wieder deutet er in dessen Richtung und nickt bestimmend.
Beständig verschwindet Blackmore hinter seinen Verstärkern. Auch bei "Black Night" sieht man ihn selten. Hinter der Bühne übergießt er den armen Kameramann mit einem großen Schwall Wasser. Vornehmlich für das Publikum unsichtbar schrammelt er vor sich hin. Zwischendurch erscheint er, beginnt sein Solo unmotiviert bzw. bricht es ab. Kein Vergleich zum Auftritt in Stuttgart.
Kommt er hinter seinen Boxen hervor positioniert er sich und verweilt neben dem Schlagzeug. Ein gruseliger Start und das genaue Gegenteil von professionellen Umgang mit den Fans und den Musikern auf der Bühne.
Bei "Talk About Love" spielt Ritchie nur seine Pflichtanteile. Auch die nur sehr uninspiriert. Bei "A Twist In The Tail" fehlt der Hexer streckenweise wieder fast.
"Perfect Strangers" wird auch nur aufs nötigste begleitet. Lustlos zupft er die Saiten und versaut fast den Song dabei. Gillan begleiten im Refrain, das geht gar nicht! John trägt die Struktur des Songs und rettet - wie schon so oft - den Titel. Blackmore schrammelt nur. Kein Soloteil ist zu hören.
Erst bei "Difficult to Cure" hört man Herrn Blackmore richtig spielen. Es gibt keine startende Improvisation mit "The Mule". Das Stück beginnt einfach ohne Einleitung. Auch hier jedoch spielt er nur seinen Pflichtanteil. Ganz leicht erscheint es einem, als ob er plötzlich Lust hat zu spielen. Halbwegs vernünftig führt sein Vortrag zum Keyboard-Solo.
Jon Lord hingegen spielt sein Solo wieder cool durch. Auch ihm merkt man die Störungen jedoch an. Es wirkt nicht so leicht wie das Solo in Stuttgart. Die "Ballade pour Adeline" klingt nur an und wird dann abgebrochen. Wie immer ist Jon ein verlässlicher Faktor für die Bühnenpräsens der Band. Er tut was er kann und rettet den zerstörten Beginn des Abends.
Fließend wird dann sofort mit "Knockin' At Your Back Door" begonnen. Jetzt ist der Mann im schwarzen Gewandt auf der Bühne verfügbar. Er steht am Rand der selbstbestimmten Grenze rechts des Schlagzeuges und spielt sein Instrument. Aber Ansätze von Improvisation sucht der geneigte Hörer und Zuseher selten. Im zweiten Teil des Songs wird es besser.
Beim Vortrag zu "Anyone's Daughter" bleibt Ritchie auf der Bühne. Hier ist wieder der freundschaftliche Vergleich mit Elton John (Gemeint ist Ian Paice mit dem Tamburin). Alles gut und der Song wird gut dargeboten.
Mit "Child In Time" kehrt dann wieder Routine ein. Ritchie und der Rest der Band funktionieren Der Song wirkt cool und jung. Da hört man und sieht man einen Blackmore mit Lust zum spielen. Ist er wie sonst auch außergewöhnlich? Eher nicht; er spielt eher, dem Song dienlich, seine Linie durch. Allerdings mit viel Druck. Zum Schlussakkord kommt er wieder hinter den Boxen hervor.
Denn nun beginnt sein Liebling. "Anya" liegt ihm am Herzen. Diesen Song würde er nie mit Verachtung strafen. Hier zeigt er zu was er fähig ist und wie gefühlvoll er spielt. Nicht so gut wie in Stuttgart, jedoch immer noch klasse.
"The Battle Rages On" und "Lazy" werden gekonnt über die Zeit gebracht. Ritchie hält sich auch hier vornehm zurück. Allerdings wirkt es nicht so lustlos wie zu Beginn. Bei "Lazy" könnte man sogar Spaß bei ihm vermuten. Ian Paice sein Solo wirkt schneller und nicht so entspannt wie das von Stuttgart.
"Space Truckin’" beginnt nicht mit einer Improvisation. "Woman From Tokyo" und "Paint It Black" wirken ebenfalls blass. Schließlich geht der Abend zu ende. Alle Beteiligten waren wohl nicht traurig darüber.
Mit "Hush" geht es in die Verlängerung. Diese Aufnahme fehlt auf dem Video. "Speed King" - wie einst in Stuttgart - gibt es nicht. Nach guten drei Minuten dann endet der Song und mit "Smoke On The Water" ist das Finale erreicht. Nach kurzer Dankesformel ist die Veranstaltung beendet.
Ritchie geht nach rechts von der Bühne. Ian Gillan und der Rest der Band bleiben noch ein wenig auf der Bühne. Ian schreit noch einige Male und muss dann von Jon förmlich von der Bühne nach links gezogen werden. Was für ein Bild!
Der enteilte Ritchie jubelte nicht mit, der Rest der Band ließ sich noch feiern. Der Herr Blackmore erschien eh nur immer sporadisch auf der Bühne. An der rechten Seite des Schlagzeug-Podestes spielte er seine Parts. Fast hatte man den Eindruck er versteckt sich hinter dem Rücken des Sängers um den Kameraleuten das Leben schwer zu machen.
Die Videoaufnahme zu Come Hell Or High Water wurde nachträglich verändert um das Unterfangen noch zu beschönigen. Auf der Audio-CD wurden gar Titel von Stuttgart hinzugefügt und andere von Birmingham gelöscht. Ihren Ärger über das Verhalten des Gitarristen machten die anderen Mitglieder in Interviews auf der DVD Luft.
Im Grunde wollte man mit diesem Video ein bleibendes Statement zu einer ansonsten sehr guten Tour setzen. Dieses gelang leider nicht im Sinne der Live-Mucke, sondern leider nur in Bezug auf ein zerrissenes Bandgefüge. Eine Zusammensetzung deren Ende bereits beschlossen war. Im November des Jahres gab die Band auch noch gute Konzerte.


