SKANDINAVIEN 1993 - Deep Purple
Ritchie’s letzten Konzerte mit der Band
Die Band stand vor ihrem Aus in dieser Besetzung. Allen Beteiligten war klar, dass Ritchie im Dezember nicht mehr zur Band gehörte. Sein Vertreter, Joe Satriani, bekam schon Material zum Einspielen übersandt. Der übte fleißig um der großen Ehre Rechnung tragen zu können.

Nur der sich absondernde Blackmore selbst sah sich noch nicht in der Situation. Niemals würde er es zugeben, jedoch hatte er vielleicht doch noch die Hoffnung all das Geschehene rückgängig machen zu können. Während der kurzen Tour durch Skandinavien riss er sich zusammen und konzentrierte sich auf das was er am besten konnte; irre gut an den Saiten ziehen.
Alle drei Konzerte blieben auf Bootlegs erhalten. Zwei davon in wirklich gutem Ton. In ihnen spiegelt sich das volle Spektrum der Leistungsfähigkeit der Band wieder.
Zu Beginn der Reise entlang der nördlichen Begrenzung von Europa hielt diese in sich nicht mehr geschlossene Band in Stockholm eine Show ab. Am 13.11.1993 begann also das Ende in der Hovet-Arena. Diese Show ist im Bootleg IN YOUR TROUSERS festgehalten. Zwei Tage später trat die Band im Oslo Spectrum auf. Auch dieser Auftritt blieb in sehr guter Qualität erhalten. Am 17.11.1993 gab Ritchie schließlich seinen Ausstand in der Jäähalli in Helsinki. Auch dieser Abend blieb als Mitschnitt erhalten. Allerdings bleibt hier die Klangqualität ein wenig auf der Strecke.
An allen Abenden startet der Auftritt energiegeladen mit "Highway Star." Ritchie spielt hier dynamisch und lässt jeden wissen, wie toll er im Grunde sein Instrument bedient. Ständig dröhnt seine Gitarre. Sie ist sehr potent und fordernd. So wollen die Fans ihn hören und sehen. Gerade der Auftritt am 13.11. ist hier eine Spur besser.
Auch bei "Black Night" lässt sich der Gitarrist nicht lumpen. Er spielt glasklar und gibt gehörig Gas, vor allem im Mittelteil des Stückes. So wie bei diesen drei Konzerten möchten wir ihn in Erinnerung behalten. Zu dieser Zeit ist er auch bereit das abzuliefern.
"Talk About Love" gestaltet sich äußerst kraftvoll. Wirkt Ian am 13.11. nicht immer konsequent am Mikro, so gelingt der Titel an allen Abenden durchaus. Professionell bietet die Band das Teil an und gibt es ans Publikum weiter.
Bei "A Twist In The Tale" singt der Herr Gillan einfach toll. Zusammen mit der Orgel und dem Gitarristen entsteht so an jedem Abend eine starke Version des Songs vor den Augen und Ohren der Anwesenden.
Auch "Perfect Strangers" wirkt in dieser Phase immer frisch und unverbraucht. Der Hörer meint die Band habe sich gerade erst gefunden hat. Von Frust ist weit und breit nichts zu merken.
Man achte nur auf Ritchie's Einleitung zu "Difficult To Cure". Der Song startet bei jedem der Auftritte voll durch. Die bester Version hört man in Oslo. Schick ausgeschmückt vom Saiten-Beauftragten ist diese Nummer immer wieder ein Höhepunkt. Sauber wird an Jon übergeben. Wieder hört man tolle Solos, ausgeschmückt mit allem was der Geneigte so live braucht. Schön und für immer aufgezeichnet bis das nächste Stück beginnt.
"Knocking At Your Back Door" ist und bleibt der Klassiker einer anderen Zeit. Als die Réunion begann war alles Rosarot. Das Riff prägt sich sofort ein und bleibt haften. Schon beim Start merkt man Ritchie an, dass er da ist. Das war nicht immer so. An jenen Abenden jedoch kommt das Schillernde ein wenig zurück. Die Version von Oslo gewinnt hier gleich vor jener aus Stockholm.
Eine hübsche Alternative zum vorher wiedergegebenen Hardrocker erscheint die verspielte Version von "Anyone's Daughter". Es wird an jedem Event liebevoll wiedergegeben. Hier spielt Richtie nicht mit um Gillan zu stören sondern spielt schön zu Ian's Gesang.
Im Allgemein ist "Child In Time" nicht immer der Lieblingssong des Sängers. Zu oft schon bereitete ihm der Song stimmliche Probleme. Nicht so in dieser Phase. Liegt es vielleicht auch an der baldigen in Aussicht stehenden Abwesenheit des Intimfeindes? Der jedoch lässt sich nicht lumpen. Er brilliert bei jedem Auftritt und zeigt allen Widersachern, wo der Hammer hängt. Augen zu und die Lauscher möglichst weit aufgesperrt.
Wenn Ritchie zu "Anya" einleitet wird es verspielt. Schon an schlechten Tagen lässt der Meister hier seine Finger flitzen. An guten Tagen klingt das Teil so gut wie es auf diesen Mitschnitten zu hören ist. Rhythmisch und locker bedient sich unser begnadeter Musiker hier seines Instrumentes.
"The Battle Rage On" kann an diesem Abenden nicht als Zeichen des Streites innerhalb der Band angesehen werden. Zielsicher und geschlossen schickt die Band das Teil immer wieder von der Bühne ins Publikum.
Auch bei "Lazy" trödelt der Herr Blackmore nicht. Das Teil wird schnell und gründlich eingeleitet. Ritchie spielt das Stück immer gut bis schließlich das Drum-Solo beginnt. Ian's Anschlag kommt an allen Abenden druckvoll rüber.
Zum Abschluss des offiziellen Teils stimmt die Band an allen Veranstaltungsorten das bekannte Medley an. Begonnen wird mit Teilen von "Space Truckin'", dann geht es mit "Woman From Tokyo" weiter. Es endet mit dem Rolling Stone-Cover "Paint It Black". Alles wird professionell über die Bühne gebracht. Allein der zeitlich enge Rahmen erlaubt keine größeren Heldentaten. Die Band verträgt sich hier prima und die Zeit verfliegt.
Der Zugabenteil beginnt gewöhnlich mit einer Intonierung eines alten Hit’s. Seit der Neuveröffentlichung 1987 ist "Hush" wieder Live in einer längeren Version zu hören. Auch hier hören wir immer wieder dieser einen tollen Gitarristen. Zusammen mit Jon lebt das Teil auf.
Das danach folgende "Speed King" fehlt leider auf IN YOUR TROUSERS (Helsinki am 13.11.91). Das ist echt schade, denn an diesem Abend ist die Band echt wieder der Super-Act als welcher er auch immer angekündigt wird. Bei den anderen beiden Live-Mitschnitten kann man sich jedoch von der hohen Qualität der Band überzeugen. Hier brilliert diese Besetzung wieder.
Mit "Smoke On The Water" endet gewöhnlich jeder Abend. Ian Gillan verabschiedet sich und spielt mit den anwesenden Fans. In Oslo hingegen ermordet Ritchie eine Gitarre. Eine zweite Klampfe schmeißt er nach dem Ende des Songs auf das Gesicht. Die Verstärker dröhnen noch, die Band hat sich längst von der Bühne geschlichen.
Man merkt Ritchie nicht nur in Oslo an, dass er sich der Anspannung entzieht. Er ist ausgelaugt und im Grunde über seine anstehende Tourpause erfreut. Zu lange schon ärgerte er sich mit seinem Widersacher herum, kämpfte verbissen gegen den Sänger. Er isolierte sich vom Rest der Band, fügte mit seinem Verhalten allen Beteiligten großen Schaden zu.
Es ist unter diesen Umständen ein Wunder, dass er immer wieder zu Höchstleistungen in der Lage war. Gerade während dieser Tour gelangen ihm immer tolle Momente auf der Bühne. Wenn sein Ego es zuließ schuf er solche Abende wie jene der drei letzten Konzerte. Sie gehören ganz sicher zu jenen Augenblicken an welchen Ritchie seine Brillanz auf der Bühne ausbreitete. Die Mittschnitte sind eine immer währende Konserve dieser Spielfreude des gefürchteten Supergitarristen.
Die Bootlegs von Stockholm und Oslo besitzen außergewöhnliche Klangqualitäten Sie sind in ihrer Klarheit, im Ausdruck und im Ton beeindruckend. Nur sehr wenige Eingriffe sind nötig. Der Mitschnitt vom letzen Konzert in Helsinki ist klanglich wesentlich schlechter. Alle Mitschnitte verdienen jedoch eine Erwähnung in dieser Form schon wegen der außergewöhnlichen Umstände.

