JAPAN TOUR 1993 -Deep Purple
Ein Neustart ohne Ritchie
Am 30.10.1993 in Prag ließ Ritchie der Band einen Brief verlesen, in welchem er verkündet, dass er die Band nach dem Ende der Europa-Tour am 17. November verlassen werde. Es stand für Dezember jedoch eine kurze Tour durch Japan an. Die Veranstalter drohten mit Vertragsstrafen. Ritchie nahm bis kurz vor dem Ende der Frist noch an, dass dieser Umstand genug Druck erzeugte. So hoffte er die anderen Mitglieder zu bewegen, ihn in der Band zu halten.

Die Band jedoch sah das anders. Roger ergriff die Initiative und nach einer kurzen Auswahl wurde beim Management von Joe Satriani angefragt, ob dieser für die sechs Konzerte verfügbar wäre. Dieser war gerade von seiner Tour zum Album TIME MACHINE zurückgekehrt und hatte Zeit. Einige Zweifel später sagte er zu.
Die Mitglieder übersandten ihm ein Tonband vom Auftritt in Stuttgart und er hatte zwei Wochen Zeit sich das Zeug anzueignen. Vor dem Start der Tour traf man sich am 29. November zu Proben in Japan. Alles lief prächtig und man erkannt welches Glück die restlichen Bandmitglieder mit der Auswahl der neuen Aushilfe doch hatten. Die veranschlagten drei Tage benötigte die Band nun nicht mehr. Das Ergebnis überzeugte nicht nur die aus dem Kleinkrieg des ex-Gitarristen seelisch verwunden Restmusiker, sondern auch das Volk am Rande der Bühne (euphorische Blackmore-Verehrer mal ausgenommen).
Die Tour durch Japan ist gut dokumentiert. Von den sechs Auftritten im Land der aufgehenden Sonne wurden vier mitgeschnitten. Ist der erste Abend auch klanglich der Schlechteste so beweist er doch wie gut sich Joe zu diesem Zeitpunkt in die Band einfügte. Vom zweiten und vom dritten Abend sind Bootlegs verfügbar, welche in wirklich gutem Ton die Atmosphäre wiedergeben. Auch der letze Auftritt am 08.12.1993 wurde in guter Qualität festgehalten. Die inoffiziellen Mitschnitte sind übers Internet verfügbar. Sie sind Bestandteil der folgenden Abhandlung.
Die Band hat das Bühnenprogramm in den vergangenen drei Tagen etwas umgestellt. Ian Gillan beschwerte sich oft über immer die selben Songs. Die Band war nach den ganzen Eskapden am Boden und benötigte einen kompletten Neuanfanges. Mit dem neuen Gitarrenbediener gelang dieses hörbar.
Dieser Neustart beginnt zunächst mit dem gewohnten "Highway Star". Warum sollte man dieses brachiale Altmaterial auch im Platz ändern. Sind die ersten sphärischen Orgel-Klänge vorüber erhebt sich eine neue Band aus den Trümmern der jüngeren Vergangenheit. Joe hat anfangs einige Probleme. Er scheint Nervös zu sein. Doch mit jedem weiteren Auftritt verschwindet es. Schon am dritten Abend spielt er wunderschön mit. Nicht nur dort hört man wieder eine intakte Band.
Gleich als nächsten Song präsentierte die Band dann "Ramshackle Man". Einen Titel vom aktuellen Album THE BATTLE RAGE ON. Vormals wurde der Song immer stiefmütterlich behandelt. Nun wird es fest mit "Black Night" verknüpft. Wie gut das Teil zu Joe passt hört man ganz gut. Er spiet flüssig und gibt dem Ding einen coolen Drive. Durch die Anwesenden auf der Bühne gelingt der Übergang zum deutlich älteren Song flüssig. Beide Stücke passen vom Rhythmus gut zusammen. Richie fehlt auch hier dem Hörer nicht im Geringsten. Joe fügt sich toll ein. Mir gefällt die Version vom 05. Dezember am Besten. "Talk About Love" flog aus dem Live-Programm.
"Maybe I'm A Leo" stammt von MACHINE HEAD. In dieser Form eine unbedingte Neuveröffentlichung. 1972 wurde es auch live erwähnt. Seit dem nie wieder. Nun kommt es hier zu den verdienten Ehren. Erinnerungen werden wach. Satriani gibt hier ebenfalls ein gutes Bild ab. Beim dritten Konzert hören wir die beste Version.
Professionell wird "A Twist In The Tale" an allen Abenden wiedergegeben. Die Band war gut in Schuss und so wirkt das Teil immer lebendig.
Mit "Perfect Strangers" hören wir einen alten Bekannten. Auch mit Herrn Satriani eine tolle Nummer. Der fehlende Herr Blackmore fällt hier überhaupt nicht ins Gewicht. Ansonsten wird das Teil in gewohnter Form ans Publikum weitergereicht.
Auch "Picture Of Home" ist neu im Programm. Ein wirklich toller Purple-Song. Zusammen mit dem Keyboard-Solo ein cooler Höhepunkt. Nicht nur Jon Lord ist vom neuen Feeling innerhalb der Band inspiriert. Man kann seinen euphorische Stimmung jedoch spüren. Er hört sich wirklich dynamisch an. Seine Solos sind immer toll und lief es im Team auch mal beschissen, so war auf ihn Verlass. Ab dem Dezember war mit der ständigen Aufbesserung Schluss.
Nach der Einleitung durch Jon ertönt das unvergängliche Intro zu "Knocking At Your Back Door". Joe hat fleißig geübt. Er hört sich nicht so an wie Ritchie. Das ist auch gut so. Er spielt es ein wenig mit seiner speziellen Art. Das belebt das Geschehen auf der Bühne. Die Band jammt ein wenig. Erfrischend das alles und irgendwie schön.
"Anyone's Daughter" kommt unter Ritchie's Regentschaft liebevoller daher, wenn der Maistro gut drauf ist! Zumindest muss man Joe hier zusprechen, dass er bei diesem Song auch nicht viel Raum besitzt um seinen Stil zur Geltung zu bringen. Einzig Roger's Bass-Spiel ist hier immer wieder ein Gestaltungs-Modul. Zusammen mit Jon setzt er hier kleine Ausführungszeichen.
Am deutlichsten bemerkt man den Unterschied zum Vorgänger bei Ritchie's Lieblingen. "Child In Time" bekommt mit Joe Satriani einen gänzlich anderes Gesicht. Im schnellen Abschnitt bemerkt man deutlich die Handschrift vom Speed-Meister der Sonderklasse. Die Neuinterpretation gefällt, wenn man die Größe hat sich vom Original zu lösen. Nur manchmal merkt man bei den ersten Konzerten, dass Joe nicht immer den Ton trifft. Manchmal sind auch Ungenauigkeiten bei den Übergängen der einzelnen Liedbestandteile zu hören. Ian Gillan ist total entspannt und stimmlich voll bei der Sache.
Auch "Anya" ist in dieser Phase eine Spur anders. Folgt die Einleitung im Grunde noch dem Vorgänger, so merkt man in der Mitte des Titels deutlich den neuen Stil an der Gitarre. Sicher liegt es auch daran, dass Joe nicht so mit dem Teil verwachsen ist wie sein Vorgänger. Betrachtet man wie der Herr Satriani zur Bandbeteiligung kam und wie wenig Übung ihm blieb, dann ist das Geleistete an jedem der sechs Abende eine klasse Leistung. Niemand kann dem neuen Mitmusiker vorwerfen, dass er seine eigenen Klangstrukturen in den Song einfügt. Es klingt ganz sicher anders, jedoch ist es immer noch sehr eindrucksvoll. Der Mitschnitt vom 05.12. gefällt mir am besten. Diese Einschätzung ist sicher sehr subjektiv, doch es ist interessant zuzuhören wie sich die Band befreit neu findet.
"The Battle Rage On" kann hier auch nicht mehr als Zeichen der bandinternen Verhältnisse fehlinterpretiert werden. Es wird wieder zum tollen Anti-Kriegs-Song, welcher in seiner Offenheit für die Band schon außergewöhnlich ist. Joe spielt hier wieder toll in der Formation mit.
Definitiv neu im Programm ist hingegen "When A Blind Man Cries". Die Single-Veröffentlichung von 1971 zum Album MACHINE HEAT lässt Ian Gillan noch viele Jahre nicht los. Ian betont immer wieder wie sehr dieser Song ihm am Herzen liegt. Auch bei zahlreichen Solo-Ausflügen des Sängers wird dieses Teil nie fehlen. Hier hören wir die erste Live-Variante von Joe liebevoll eingeleitet. Er spielt das Teil einfach mit einem tollen Gefühl.
Joe Satriani ist zur Zeit dieser Aufnahmen längst kein Unbekannter. Er hat seit 1987 unter einen eigenen Namen schon vier Alben auf dem Markt und tourt fleißig mit diesem Material. Als Gitarren-Lehrer startete der mittlerweile als Multi-Instrumentalist bekannte Amerikaner schon vorher durch. In seinem Solo verweist er unter anderem auch auf seine schon veröffentlichten Alben. Augen zu und einfach lauschen. Am 05.12. hören wir die längste Variante. Am ersten Abend gab er sich selbst nur die Hälfte der Zeit. Wenn Ian Gillan ihn immer wieder als einen tollen Gitarristen bezeichnet, so erkennt man hier wie Recht er damit hatte.
Nach dem Alleingang spielt sich der neue Gitarren-Mann in "Lazy" hinein. Wie man unschwer hört ist der Blues für ihn auch kein Fremdwort. Locker und unglaublich leicht fliegt das Teil über die Bühne. Wird die Bühnenpräsenz an Herrn Paice abgegeben brennen wie immer die Felle. Auch er trommelt scheinbar locker. Man nimmt ihm den Spaß dabei an allen der Aufzeichnungen ab. Zum Schluss veralbert der singende Ian den trommelnden Ian. Alle Lachen und sind glücklich.
Nun startet schon der letzte Abschnitt des regulären Programms, das Medley. In schneller Folge wird erst "Space Truckin‘" angespielt. Weiter geht es mit "Woman From Tokyo". Mit dem Rolling Stones-Cover "Paint It Black" drückt sich die Band zum vorläufigen Ende. Das weitere Vorgehen der Musikanten hängt am Flehen des Publikums.
Am 05.12. fehlt leider ein großes Stück des letzten Songs. Dort hört man nicht die rollenden Purple-Stones. Das ist sehr schade, wäre es doch auch toll zu diesem Anlass reinzuhören.
Über zwei Stunden steht die Band mittlerweile auf den Brettern am wichtigsten Ende des Saales. Für unseren Freund Ritchie längst ein Grund mürrisch zu werden. Lange Konzert gab es auch mit dem Gründungsmitglied. Allerdings waren diese dann auch nach dieser Zeit Geschichte, inclusive der Zugabe.
Man darf es also auch als Zeichen der Freude werten, dass die Zugabe noch folgt.. Diese startet mit dem guten alten "Hush". Ian Gillan hat längst seinen Frieden mit dem Fremdtitel gemacht. Jon gibt den Anstoß zur Fan-Beglückung. Geradezu beflügelt wirkt diese Version. Joe ist vom Beginn voll dabei. Ian singt einfach stark. Die Bühne bebt. Beim letzten Japan-Auftritt wirkt der Titel noch eine Spur intensiver.
Mit "Speed King" nähert sich das unweigerliche Ende. Wieder startet alles durch. Die Bretter springen im Tackt, die Halle bebt. Joe wechselt sich toll mit Jon ab. Es wirkt kontrolliert und doch frei erfunden. Das ist die Band, welche der Fan für die Kohle sehen will. Geradezu ausgelassen geht es am 05.12. zu. Eine Freude nicht nur fürs Auditorium sondern auch für die gut einen Meter in die Höhe gehobenen Musikschaffenden.
Seit vielen Jahren beendet der Rock-Klassiker überhaupt das Konzert dann endgültig. Ritchie’s unvergessliche Riff brettert einfach so über die Bühne. Keine sinnlosen Verzerrungen stören den Eindruck. "Smoke On The Water" ist tatsächlich mehr als eine Beschreibung der Vorgänge damals in Montreux. Ian spielt wie immer mit den Massen schräg unter ihm. Es braust kurz nochmals auf und dann ist Feierabend.
Und was für einer. Vor dem inneren Auge sieht man alle Musiker tief verbeugt sich vom geneigten Zuseher zu verabschieden. Eine in sich geschlossene Band hat sich auf der Bühne amüsiert, hat tatsächlich Spaß und genießt das Ambiente. Kein flüchtender Super-Gitarrist verlässt die Bühne nach dem letzten Ton, keine Angst mehr vor Eskapaden. Endlich konnte man friedlich miteinander Musik machen!
Es waren nur wenige Konzerte in einer chaotischen Zeit. Sechs Auftritte, während dessen es der Band klar wurde, wie glücklich sie mit dem neuen Griffbrett-Zupfer war. Joe wurde im Grunde nur für diese Tour angeheuert. Er hinterließ einen blenden Eindruck. So kam er auch bei einer kleinen Europa-Tour für gut einen Monat im Folgejahr als Kandidat infrage.

