EUROPA 1994 TEIL I - Deep Purple
Mit neuer Freiheit durch Europa
Die Auftritte in Japan am Ende 1993 beeindruckten die Band. Schon lange nicht mehr kostete man das Gefühl der Einheit und der Freude so aus. Die Abende waren ein Befreiungsschlag vom Joch der Launen des meist mürrisch dreinschauenden Blackmore.

Die alles überschattende Frage konnte positiv beantwortet werden. Ist die Band noch ohne das Gründungsmitglied an den sechs Saiten lebensfähig? Ein erster Versuch mit Tommy Bolin scheiterte Mitte der siebziger Jahre. Doch das waren andere Vorzeichen.
Joe bastelte nie ein Geheimnis aus seiner vorübergehenden Teilhabe am Bandgeschehen. Immer wieder betonte er die Absicht seine Solo-Kariere voran zu treiben. Die Überlebenden des noch nicht abgehakten Blackmore-Fiaskos glaubten wohl nicht so recht an eine Zukunft mit einem neuen Gitarristen. Das Gefühl des Glückes und der Kreativität auf der Bühne wollte man jedoch noch mal genießen. So buchte man für gut fünf Wochen erneut eine Tour durch Europa. Vom 02. Juni bis zum 06.Juli zog man von Land zu Land. England mied man. Schließlich gab es beim letzten Gitarristenwechsel dort von der anderen Seite der Bühne unschöne Rufgesänge.
Verschiedene Dates wurden mitgeschnitten. Hervorheben kann man zwei Abende. Der siebente Stopp der Band in Schweden am 10.06. wurde in sehr guter, jedoch schwankender Qualität mitgeschnitten. Der Auftritt beim Karlshamnfestivalen ist über das Label Darker Than Blue für alle Zeiten festgehalten. Sechs Tage später - am 16.06. - hielt die Band in der Saarlandhalle Hof. Beim Mitschnitt dieses Konzertes stimmte die Qualität der inoffiziellen Aufnahme so einigermaßen. Qualitativ fällt diese Aufnahme jedoch schlechter aus als der Auftritt in Schweden. Sie schwankt hingegen nicht.
Kraftvoll startet die neue Formation an jedem der Abende mit "Highway Star". Wie man am Spiel von Joe Satriani hört hat sich dieser voll integriert. Schon beim ersten Song hört man den anderen Klang seiner Gitarre. Alles klingt flüssig.
"Ramshackle Man" geht in dieser Phase nicht mehr in "Black Night" über. Als souveräner Titel darf er in dieser Fassung zeigen wie toll er sich für die Live-Präsentation eignet. Das Teil geht voll nach vorn. Die Bühne bebt. Der alte Gassenhauer von einst fehlt nicht.
"Maybe I‘m A Leo" wurde auch schon ein halbes Jahr vorher in Japan an dieser Stelle gespielt. Joe spielt hier schön flüssig und gibt dem Teil eine hübsche Note.
Seit 1972 wurde "Fireball" nicht mehr live ans Publikum weitergeleitet. Damit war bei dieser Tour Schluss. Nun konnte sich die Band wieder dem irren Tempo widmen. Hierzu passt eigentlich Joe wie die Faust aufs Auge. Vor allem aber bestimmt in dieser Version Jon das Geschen. Mir gefällt der Mitschnitt aus Schweden eine Spur besser. Vielleicht liegt es am besseren Klang.
"Perfect Strangers" drückt die Band professionell durch die Verstärker. Joe spielt seine Passagen nicht so wie sein Vorgänger. Man hört beim genaueren Hinhören kleinere Unterschiede. Er fügt sich jedoch toll ein und trägt seinen Part bei. In anderen früheren Aufnahmen gibt es jedoch mehr biss.
Das seit dem Weggang vom Herrn Blackmore eingefügte "Pictures Of Home" passt toll ins Konzertgeschehen. Jon‘s Orgel wechselt sich mit den anderen Beteiligten ab. Auch Roger darf sich kurz in den Vordergrund rücken. Joe greift zwischendurch gehörig in die Saiten. Bis der gute Herr Lord sein Solo beginnt. Die Mischung aus Spielkunst und guter Laune zündet. Von Klassik über Blues bis zum Rock, der Meister spielt und das Publikum geht mit. Leider kämpft die Aufzeichnung von Sweden immer mal wieder mit Schwankungen.
Über "Knocking At Your Back Door" habe ich schon viel geschrieben. Für mich bestimmt einer der besten Song des Réunion-Albums von 1984. Auch während dieser Auftritte hört man das Potential des Teils. Joe muss man auch hier eingestehen, dass er das Stück für seinem Stil zurecht biegt. Ist das schlimm? Ich denke nicht. Er imitiert hier nicht den Vorgänger, sondern bringt sich mit seinem Spiel toll ein.
Bei "Anyone‘s Daughter" hat der ausgeliehene Bandkollege kaum Chancen sich zu profitieren. Er spielt nicht ganz so liebevoll wie einst der oftmals Unverstandene. Zerbrechlich getragen von der Band verrinnt die Zeit wie im Fluge.
Ian hatte bisweilen immer mal wieder Probleme mit "Child In Time". Gerade das nutzte der mittlerweile gefeuerte Blackmore gern aus. Bei dieser Tour konnte der Herr Gillan auch mal auf das Stimmband mordende Stück verzichten. In Schweden spielte die Band den Dauerbrenner von IN Rock. Joe zieht auch wirklich stark an den sechs Saiten seines Instrumentes. Gerade im schnellem Teil brilliert der Vertretungs-Musiker. Schnell spielen kann er; das war bekannt und mit seinen Künsten brauchte er sich nicht zu verstecken. In Bezug auf die Aufnahmen von Japan ganz sicher um einiges besser. Leider fehlt dieser Song am Abend in Saarbrücken.
Mit der Power-Ballade "Anya" geht es im Programm weiter. Ritchie’s Vorzeigestück hat sich weiter entwickelt. Joe spielt es anders. Auf seine Art wirkt es ein wenig kräftiger. Das fällt schon beim Start auf. Der neue Gitarrist ist wesentlich besser verwachsen mit dem Stück. Im Mittelteil schafft er es seinen Stil in das Zentrum zu stellen. Sein Spiel ist nicht mit dem des Vorgängers zu vergleichen. Auch hier muss ich die Version von Schweden, jener von Saarbrücken vorziehen. Mir gefällt sie einfach besser, auch wenn die Qualität leicht schwankt.
"The Battle Rage On" besitzt längst nicht mehr die Bedeutung der Besetzung zuvor. Wir hören hier einen gelungenen Anti-Kriegs-Song. Als Titelsong des aktuellen Albums wird er durch die Halle gezogen. Wieder lassen sich auch längere Klangfehler in Schweden nicht verleugnen. Dem Hörer wird erneut bewusst, dass er einem Bootleg lauscht.
Ian Gillan verbindet mit dem nächsten Song ungleich mehr Emotionen. "When A Blind Man Cries" ist ihm ein Bedürfnis. Das merkt man, hört man dem Sänger zu. Behutsam leitet Joe das Teil ein. Wunderschön gesungen von Ian driftet man behutsam durch den Song. Leider stört in Schweden wieder die schwankende Klangqualität.
"Lazy" hingegen ist in fast jeder Version ein Bringer. Auch Joe weiß wie sich der Blues anfühlt. Der Gitarrist und der Tasten-Mann kontrollieren das Geschehen auf der Bühne. Letzten Endes übernimmt der Herr Paice die Regie. Er trommelt sein Solo beherzt und druckvoll. So gibt es genug Gründe gut zuzuhören.
Für die Einleitung für Joe‘s Solo wird kurz gestoppt. Dann darf Herr Satriani sein "Satch Boogie" anstimmen. Er macht quasi so Werbung für seine eigenen Band. Im Februar und März war er mit dieser in den USA unterwegs um TIME MACHINE zu promoten.
Mit dem üblichen Medley geht ein jeder Abend dann zu Ende. "Space Truckin‘" eröffnet. Das mutiert bald zu "Woman From Tokyo". Bis es schließlich im Stones-Cover "Paint It Black" endet. Mit Lord und Satriani endet der offizielle Teil. Jetzt hängt es von der Gunst der Zuschauer ab. Wollen die gehen oder mehr von der Band hören?
Wie nicht anders zu erwarten gibt die Band schließlich dem Flehen nach. Gewöhnlich steigt die Band mit einer Cover-Version ein. "Hush" ist eine Nummer, welche Ian hassen lernte. Erst 1987 machte er seinen Frieden damit. Es wurde zu seiner Version. Nicht immer wird das Stück jedoch zum Besten gegeben. An den beiden hier besprochenen Auftritten ist es jedoch mit im Programm. Hauptsächlich getragen vom Sänger und dem Herrn Lord. Joe hält sich eher zurück.
"Speed King" ist ein Klassiker der Band. 1970 startete DEEP PURLE IN ROCK mit diesem Song. Seit dieser Zeit ist viel passiert. Äußerst dynamisch gestaltet sich das Spiel des Gitarristen mit dem Keyboarder. Es gibt sicher bessere Mitschnitte des Stückes, jedoch auch viele schlechtere.
Wie gewohnt enden die Zugaben schließlich mit dem trocken eingeleiteten "Smoke On The Water". Während der gut acht Minuten bleibt der mit dem Publikum spielende Ian haften.
Im Grunde wurden zu beiden Terminen gute Auftritte festgehalten. Gespielt von einer sich neu findenden Band. Sie probten während dieser Tour ob ein Weiterbestand ohne Richtie möglich wäre. Sie testeten sich und das Interesse des Publikums. Gleichfalls genossen die wieder neu gewonnene Lust am Musik machen. Sie waren gewiss glücklich und das hört man.
Allein der Klang der inoffiziellen Aufzeichnungen stört bisweilen ein wenig. Die Aufnahme von Karlshamn ist noch als die deutlich bessere Aufzeichnung zu verstehen. Ganz sicher gibt es dort erhebliche Defizite. Die meisten davon sind jedoch streckenweise mit einfachen Mitteln (auch als Laie) händelbar. Andere kürzere Passagen bedürften einer gründlichen Überarbeitung. Im Grunde jedoch ist das so nicht nötig, da sich diese Bereich zeitlich begrenzen. Auch bekommt man so trotzt des besseren Klanges immer noch das Gefühl eines Bootleg's. In diesem Falle könnte man sogar über Kopfhörern ohne Probleme den Abend genießen.
Bei der Aufzeichnung aus Saarbrücken sieht es ein wenig anders aus. Hier schwankt der Ton nicht so stark, ist jedoch nicht so gut wie beim Event vor sechs Tagen. Ich brauchte eine Weile um den Ton mit einfachen Mitteln gehörfähig zu gestalten. Nun kann man den Abend genießen, wenn man nicht gerade mit dem Kopfhörer nach Fehlern sucht.
Auf einer Tour, welche im Grunde auch hätte die Letzte sein können, stellte man fest, dass ein Weiterbetrieb noch Sinn machte. Die Dynamik innerhalb der Band ist einfach klasse. Alles wirkt frisch und wird getragen von Zuversicht und Freude. Nicht nur das Publikum fanden den Abend gut. Auch mit deutlichen Einbußen bezüglich des Klanges an manchen Stellen, kann aus dem Hören dieser Aufnahmen ein lohnender Zeitvertreib werden.



