PERFECT STRANGERS AT THE ALPIN '85 - Deep Purple
Trotz langer Tour nicht müde
Deep Purple waren am Ende ihrer Réunion- Tour. Mitte Juli verließen sie Europe und seit Mitte August bereisten sie die USA. Der viertletzte Auftritt blieb der Nachwelt erhalten. Als TV-Konserve kann man sich noch heute davon überzeugen, dass die Band nicht müde war.

Der Auftritt im Alpine Valley Music Theatre in East Troy beginnt gewohnt mit "Highway Star". Ist das Orgelspiel des Intros erst erloschen erlebt der Zuseher einen dynamische Abend. Ritchie ist schon beim ersten Song voll dabei. Er grummelt ab und zu im Hintergrund und bricht auch mal aus. Jon gibt auch schon gewaltig Gas. Auch der gute Ian hat seine Stimme wieder gefunden.
Auch "Nobody‘s Home" klingt frisch und ungezwungen. Jon‘s Orgel vergleicht das Hintergrundgrummel des Gitarristen ein bedrohlichen Unterton. Wieder gibt Ritchie Druck und verpasst dem Song eine schöne Note.
Eine Messlatte jedes Auftritts damals war wie schon in den Siebzigern "Strange Kind Of Woman". Gerade hier hängt die Performance schon sehr Sänger ab. Ian wirkt manchmal ein wenig gestresst. Ritchie hingegen hat auch hier so manches Mal eine außergewöhnliche Pause. Deutlich ist ihm der Spaß jedoch anzumerken. Gerade zum Ende des Songs zeigt sich die doch gute stimmliche Verfassung.
Ein leider wieder fast vergessener Song ist "A Gypsy‘s Kiss". Ritchie steigt mit dem Blues hart ein. Jon drückt gewaltig mit Nachdruck. Dann bricht der Song in die kurze Lücke. Alle Musiker sind präsent und liefern die Nummer mit viel Speed ab. Hier brennt die Bühne. Glashart und brutal werden die Töne aus den Boxen in Auditorium geworfen. Ein starker Song.
"Perfect Stranger" ist der Titelsong und das Volk unterhalb des Bühnenrandes kennt den Song. Schwer und gewichtig wird das Teil auf der Bühne ausgebreitet. Professionell wird der Song zum Ende geführt.
Dann folgt mit "Under The Gun" wieder einer meiner Lieblinge. Als aktueller Song passt er gut zu den alten Sachen. Mit viel Energie geht es in die nächste Runde. Wieder macht der Hexer an der Gitarre seinem Ruf alle Ehre. Es donnert und dröhnt an jeder Ecke. Das erwartet man, wenn man Geld für den Eintritt löhnt.
Wer "Lazy" nicht kennt, der weiß nichts von der Musik dieser Band. Ein ständiger Begleiter an so vielen Abenden. Jede Aufführung ein Höhepunkt und wirklich nie langweilig. Hier allerdings geht er nach gut der Hälfte der Zeit ins Drum-Solo über. Mit der Kürzung des Titels konnte ich nie meinen Frieden machen. Der Bluesbrecher war mir einfach zu schade dafür. Der Herr Paice trommelt jedoch wieder toll. Sein Grundtempo zu Beginn ist beachtlich. Er schafft es diese Geschwindigkeit im Grunde zu halten. Auch die leiseren Momente sind druckvoll durchgezogen. Hier hören wir auch wieder die schreiende Präsentation des Drummers am Ende der Darbietung.
Wenn die ersten Takte von "Child In Time" die Boxen verlassen erfüllt es jeden Fan mit Ehrfurcht. Ein Meisterwerk aus der guten alten Zeit. Leider liegt wieder ein zu starkes Echo auf der Stimme des Sängers. Das hatte er an diesem Abend nicht nötig. In Paris vor gut einem Monat vielleicht, hier klang er wirklich gut. Der Einstieg war vertan. Das ist sehr schade, da er später zeigt wie gut es seinen Stimmbändern wirklich geht. Doch wer kümmert sich darum, wenn sich der Saitenbeauftragte mit der Wahrnehmung seiner Befugnisse befasst? Augen zu und einfach lauschen. Auch am Ende nervt das Echo gewaltig.
Als letzter Bezug zum aktuellen Album wird nun "Knocking At Your Back Door" ans Publikum weitergereicht. Das Intro ist mittlerweile fast genauso bekannt wie das vom Titel davor. Dieser Song zeigt auf worauf sich Verehrer seit vielen Jahren freuen. Schwere Rhythmen mit einer Wiedererkennung der Meisterklasse.
Ritchie‘s Feuer brannte schon immer für Burgen und alte Sachen. Die Klassik lag ihm immer am Herzen. Als er mit Rainbow das Album DIFFICULT TO CURE veröffentlichte kannte jeder Ludwig van Beethoven. Wie immer meistert er hier die Ode an die Freude und schenkt dem Hörer eine Lehrstunde über die Gemeinsamkeiten von Rock und Klassik. Auch hierauf liegt ein Echo. Der Zauber fliegt ein wenig davon.
Nicht so schlimm weil ja Jon an seiner Orgel noch mal die Heizung anwirft. Hört man von ihm zuvor eigentlich zu wenig, so änder sich das für die nächsten fünf Minuten. Wie immer drückt er die Tasten meisterlich nach unten. Er schiebt Regler Kippt das Teil und sucht auch Abwechslung beim Klavier. Nicht zu vergessen die "Ballade pour Adeline". Funkig und im Blues verfangen geht es in die Endrunde.
Aus der Orgel-Klang-Mauer erwächst dann "Space Truckin‘". Mit gut 13 Minuten gibt es länger Varianten. Die Zeiten hatten sich verändert. Man wollte den Zuschauern nicht endlose Solos bieten. Seinen Druck hat der Titel jedoch nie verloren. In dieser Fassung gibt Jon verlässlich wie immer den Einsteiger für Ritchie der richtig Lust hatte Krach zu machen. Spielt er gewöhnlich noch ein zwei Takte macht er gleich Schluss mit Lustig.
Gitarren sind Arbeitsgeräte und die kann man auch mal quälen. Keine Angst vor Gitarren-Aktivisten, die ein solche Behandlung auf Grund der unveräußerlichen Lebensrechte der Instrumente zu Tiefs verachten. Gitarren leben nicht selbst sondern nur durch jene welche sie bedienen.
Sind die Töne verklungen geht die Band. Aber den Musikschaffenden erfreut es, wenn das Gegröle und Geschrei nicht versiegt. Die Zugabe gibt dem Abend den Rest. "Woman From Tokyo" wird durch die Verstärker gescheucht. Ian zeigt hier wie toll er ohne Echos klingt. Manchmal vergisst er seinen Einstieg ... was soll’s das ist eine Live-Mucke.
"Black Night" oder auch "Speed King" fehlen an diesem Abend. Warum sie nur bei den beiden letzten beiden Konzerten auftauchen weiß ich nicht.
Mit "Smoke On The Water" geht der Abend zu Ende. Die Band spielt und das Publikum wird mit einer Ansprache verabschiedet. Ritchie gibt dem Song kurz vor der Mitsingfase noch etwas Farbe. Dann grölt das Volk von unten. Alles singt und hört auf Ian. Das kann er wirklich toll. Er heizt dem Publikum ein. Noch die übliche Ansprache und dann ertönen die letzten Töne der Band.
Ende August geht die fast ein Jahr dauernde Tour zu Ende. Nur ein paar Mal kann man die Band sehen. Eine Tour welche großartig begann und mit diesem Konzert hier ein weitere Zeugnis ablegt. Es ist nicht das Beste aller Konzerte. Den Auftritt in Australien kann man hiermit nicht vergleichen. Diese Band auf der Bühne war gemeinsam durch die Zeit und um die Welt gereist. Sie gaben gute Konzerte und weniger gute. Sie zürnten jedoch nicht miteinander und halfen sich. Genau das hier verdeutlicht diese Aufnahme.
Leider kenne ich den Auftritt nur von nicht offizieller Seite als Bootleg oder über Video-Portale. Ich halte ihn für wirklich gut und ganz sicher nicht gewöhnlich. Jedem Musikliebhaber, der mehr über die Band wissen will, sollte sich das Teil mal reingezogen haben. Allein der Umstand wie lieb sich Ian für die Band bedankt ist bedeutsam. Sein immer wieder live voran geführtes Personalpronomen [(ich) danke euch] war hier kaum zu hören. Ein Ärgernis welches später für viel Aufruhr sorgte.


