WEMBLEY 1987 - Deep Purple
Kein gelungener Auftritt
Gerade aus Schweden gekommen bereiste die Band seit März 1987 die britische Insel. Der erste Auftritt ging am 03. März in der Wembley Arena in London über die Bühne. Deep Purple waren eingespielt. Seit Ende Januar waren sie unterwegs. Der Gig wurde mit gutem Sound mitgeschnitten. Ein zweiter Auftritt war am nächsten Tage angesetzt.

"Highway Star" eröffnet das Geschehen. Wie immer wird der Song gekonnt durch die Boxen gejagt. Routine für alle Beteiligten. Auch Ritchie zündet ein kleines Feuer. Zusammen mit Jon ein toller Auftakt.
Ohne lange Ansprache folgt wie gewohnt "Strange Kind Of Woman". Ian ist gut bei Stimme. Die Höhen hingingen gelingen ihm nur schwer. Ritchie spielt seinen Part anders als sonst. Irgendwie scheint es als ob er nicht so recht will. Das merkt man auch ein wenig beim Übergang zu "Jesus Christ Superstar". Auch im Schlussteil wirkt sein Spiel anders. Ians Schreie jedoch am Ende sind wieder wie gewohnt.
"The Unwritten Law" startet druckvoll und direkt. Wieder mangelt es dem Gitarristen an der sonst üblichen Präzision und Klarheit. Er lässt sich auf die Melodie nicht ein, sondern lässt seine Gitarre knarren. Es wirkt lustlos und gezwungen. Das Schlagzeug-Solo vom Herrn Paice beginnt einfach nachdem die restliche Band leiser wird. Ian trommelt wirklich nicht schlecht und hält sich gut im Grundrhythmus des Titels.
Nach einer Überleitung vom Herrn Gillan geht es mit "Blues/Dead Or Alive" weiter. Ritchie spielt hier eine gefühlvolle Einleitung. Allerdings hält er sich auch hier zurück. Noch bevor der Hauptsong steigt hört man die Handtrommel vom Sänger. Der vom aktuellen Album stammende Song wird auch cool auf der Bühne ausgebreitet. Wieder wirkt das Spiel vom Schwarzgekleideten nicht präzise. Was ist los mit Ritchie? Fehlt ihm die Lust?
Die nächsten sieben Minuten vertreibt man sich mit der Purple-Hymne "Perfect Strangers". Jon liefert kompromisslos ab. Er trägt den ganzen Song. Ritchie grollt und grummelt im Hintergrund mit seiner Gitarre.
"Hard Lovin‘ Woman" beginnt auch ohne Einleitung. Schmucklos und ohne viel Geplänkel plätschert der Titel dahin. Die Struktur vom Song lässt sich in den Passagen des Gitarristen nur erahnen. Jon rettet immer wieder und sorgt mit der Orgel für ein hörbares Grundgerüst.
Auch der Überbrenner "Child In Time" wird einfach mit der Orgel eingeleitet. Unterstützt durch das grölende Publikum singt sich Ian in den Song. Erst zum Beginn des schnellen Teils hört man den Gitarrenspieler in die Saiten greifen. Das tut er richtig hart. Auch hier scheint er kaum auf die Struktur des Titels zu achten. Einzig Jon und Ian bringen Gefühl in das Teil. In dieser Fassung ganz sicher kein Welthit.
Das Trauerspiel weitet sich aus als "Difficult To Cure" eingeleitet wird. Ritchie fingert hier ein wenig auf seinem Instrument herum. Lustlos klimpert er ein wenig. Nach dieser sehr kurzen Einleitung springt Beethoven auf die Bühne. Ritchie zerreißt die ersten Töne und springt dann in das Stück. Kann man Unmut besser in Töne umsetzen? Doch dann erwacht der Prinz und für kurze Zeit brennt die Bühne. Viel zu früh wird dann an den Herrn Lord übergeben. Der bringt nun Spielfreude mit. Immer wieder freut man sich dem Meister beim Solo zuzuhören. Aber auch hier lässt sich eine gewisse Aggression nicht verleugnen. Kunstvoll betätigt er die Tasten und sorgt so für schöne Momente.
Der Herr Lord leitet nach diesem Höhepunkt "Knocking At Your Back Door" ein. Wie immer ein verlässlicher Partner, wenn es darum geht die Band ins gute Licht zu stellen. Wieder spielt Ritchie nicht die Melodie, sonder verleiert alles unnötig. Hat das so ein Künstler nötig? Ich glaube nicht. Beim Refrain jedoch ist er wieder da. Dort spielt er auch klar und deutlich - wenn auch nicht sonderlich gut. Zum Ende schreit der Herr Gillan wieder Tierrufe in den Raum.
"Lazy" gilt nicht nur bei mir als Klassiker der Band. Im Grunde soll der Super-Gitarrist den Einstieg in den Song gestalten. Doch das klappt kaum. Ritchie ist nicht wieder zu erkennen. Nach dem halbherzigen Versuch bricht der Song dann los. Plötzlich hört man auch Ritchie in gewohnter Brillanz. Angetrieben durch die Orgel treibt man tiefer in das Teil. Fast wie immer - mit Abstrichen natürlich - driftet man zum Ende.
Dann erheben sich die Becken des Herrn Paice. "Space Truckin‘" beginnt. Ian gibt im ersten Teil Gas. Wieder unterlässt Ritchie seinen kurzen Beitrag im ersten Part. Als Jon dann den zweiten Teil einleitet ist wieder alles cool. So sind wir die Band gewohnt. Druck an jeder Ecke. Nur der Mann in Schwarz scheint zu fehlen. Jon hingegen ersetzt auch dieses Manko. Solo kann er zeigen was er wert ist. Später übergibt Jon mit Orgelsalven an den Gitarristen. Gewöhnlich übernimmt der und improvisiert ein wenig. Dann mordet er die Gitarre und der Song geht zu Ende.
An jenem Abend jedoch überspringt Ritchie die Improvisation. Er lässt sein Instrument stöhnen, es aus allen Poren schreien und jammern. Quasi zerstört er seinen eigenen Solopart auf grausigste. Halbherzig macht er Krach und verbringt so die Zeit auf der Bühne. Spaß hört sich anders an. Die Aufzeichnung endet leider zu früh. Im Ausklang wird einfach der Saft rausgenommen, abgeblendet und aus.
Die beiden Zugaben des Abends gibt es jedoch noch. "Black Night" wird als erstes dem Auditorium zum Fraß vorgeworfen. Es braucht recht lange bis alle Beteiligten den Takt finden. Wieder schafft es der Gitarren-Hexer die Melodie zu versauen. Wenn er nicht will, dann hat der Rest der Welt ein Problem. Wieder ist Jon zur Stelle. Er rettet das Riff und gibt zusammen mit dem Sänger dem Titel ein Gerüst. Einzig die Massen gehen mit und unterstützen die Akteure als der Song zerfällt und neu zusammengesetzt wird.
Zum Finale ertönt dann "Smoke On The Water". Hart und brutal startet das letzte Stück. Wieder hört man eine unausgewogene Band. Ritchie sagte mal, dass er diesen Song nicht mehr mag. Zu oft gespielt, zu oft von Presse und Fans gefordert, Abend für Abend weitergereicht an die Fans auf der anderen Seite der Halle. In dieser Version glaubt man ihm das.
Der Auftritt fand mit den letzten Rufen vom Herrn Gillan ein Ende. Was auch immer in den Herrn Blackmore gefahren war; es vergrämte den Abend. Doch dieser traurige Mitschnitt war nicht der Tiefpunkt. Schon am nächsten Tage fand am selben Veranstaltungsort die einzige Zugabe ohne den Ausnahmegitarristen statt.
Mir ist nicht bekannt ob es davon auch ein Tondokument gibt. Jedoch ein zumindest ebenso schlechteres Konzert wurde am 23.05.1987 im Los Angeles konserviert. In den nicht ganz zwei Monaten eskalierte alles noch mehr.
Dieser Mitschnitt hier ist zumindest für die Bandgeschichte bedeutsam. Hier hört man in relativ guter Qualität eine Band am Rande des Abgrundes. Gemeinsam schaffen sie es noch den schwarzen Eigenbrötler auf der Bühne zu präsentieren. Eine tolle Leistung der anderen vier Bandmitglieder. Das Konzert hingegen kann getrost als misslungen bezeichnet werden. Es gab durchaus schlechtere Leistungen, jedoch bessere gab es in ungleich zahlreicherer Menge.

