LIVE IN LONDON 2002 - Deep Purple
Jon Lord for ever
Schon ab August während der Europa-Tour 2001 musste sich Jon Lord vertreten lassen. Probleme mit seinem Knie zwangen ihn in eine Auszeit. Am 04. Februar begann die Band die neue Tour durchs Vereinte Königreich. 14 Auftritte später traf man sich in London. Am 22.02.2002 trat die Band im Carling Apollo Hammersmith auf. Der Abend war auf eine bewegende Art einzigartig. Er wurde aufgezeichnet.

Wie damals üblich begann die Show mit "Woman From Tokyo". Fast schon müde schleppt sich die Band in die Präsenz. Ian hat deutliche Probleme beim intonieren des Song. Er wirkt angestrengt. Seine Stimme wirkt gepresst und nicht so frei und grenzenlos wie sonst. Die sonst so hohen Töne wollen ihm nicht gelingen. Sieht man vom wirklich starken Herrn Glover mal ab wirkt die Band ungewohnt flach.
Gleich beim Anmoderieren des nächsten Titels drängt sich dem Hörer der Gedanke auf Herr Gillan sei krank oder zumindest heiser. Das bessert sich jedoch mit fortschreitendem Abend ein wenig.
Bei "Ted The Mechanic" kommt dann leicht verspätet Freunde auf. Der Song ist natürlich wie immer ein tolles Stück Musik. Jetzt hört man den Sänger kurz ein wenig Druck in die Verstärker hauchen. Steve hingegen lässt sich die Butter nicht vom Brot nehmen. Schön wie sich Jon‘s Orgel immer wieder in den Song drückt.
Mit "Mary Long" sind wir dann wieder in den Siebzigern. Wieder lebt der Song und Ian scheint auch hier nicht die richtigen Worte zu finden. Zumindest braucht er sich hier wegen der kurzen Höhen nicht zu so doll zu quälen. Er bleibt auch deutlich im Stimmkeller. Wie Steve seinen Part hier im Song spielt ist toll. Der Titel lebt durch ihn.
"Lazy" ist einer der coolsten und wirklich stärksten Live-Mucken. Mit dieser Orgel-Einleitung kennen wir das Teil schon von früher. Jon gibt den Song schon nach gut einer Minute frei. Er variiert noch eine kurze Weile, dann bricht sich das Blues-Motto seine Bahn über die Lautsprecher in die Halle. Auch an jenem Abend ist das Ding nicht einen Tag gealtert. Herr Gillan entspannt nun ein wenig. Mit Steve und Roger gelingt ein schickes und professionell gestaltetes Stück Musik.
Mit "No One Came" hören wir wieder einen Song, welcher es mit dem Mann in Schwarz so nicht live gegeben hätte. Man fragt sich unweigerlich warum das einst so war. Hier hört man eindeutig eine Purple-DNA.
Vom wirklich tollen PURPENDICULAR stammt "The Aviator". Lyrisch und gediegen beginnt der Song. Auch hier schwächelt der gute Ian. Seine Bandkollegen mit den Gitarren um den Hals stützen ihn. Wieder hören wir Profis zu. Im übrigens eine der wenigen Live-Aufführung des Titels.
"The Well Dress Guitar" war und ist Steve auf dem Laib geschneidert. Er schiebt den Song druckvoll vom Anfang bis zum Ende. Stilvoll und halbwegs energisch von der Band unterstützt.
Beim nächsten Stück hören wir einen Vorgeschmack auf das neue Album. BANANAS erscheint 2003 und hier gibt es die erste Version eines Songs daraus. Später wird der Titel geändert. Hier wird noch "Up The Wall" angekündigt. Auf dem Album hört man eine ähnliche Version als "I Got Your Number". Mir gefällt diese Version, da man hier noch den Meister persönlich hört.
Wer "Black Night" nicht am Riff erkennt; tja der sollte sich eine andere Zielgruppe als Fan suchen. Hier klingt der Sänger auch wieder ein wenig besser. Allerdings fehlt der Biss ein wenig. Steve‘s Gitarre improvisiert ein wenig und holt scheinbar Schwung. Dann kracht es doch noch ein wenig. Mit dem altbekannten Riff wird kurz das Publikum angezüchtet, dann ist irgendwie Schluss.
"Fools" auf die Bühne zu bringen erfordert Mut. Jeder Liebhaber kennt dieses Meisterstück von FIREBALL und hat dabei Ritchie‘s verzehrte Gitarre im Hinterkopf. Gerade die leisen und langsamen Passagen machen das Teil zu dem Denkmal welches es für mich darstellt. Nicht dass diese Interpretation nicht auch gefällt. Steve macht halt aus dem langsamen Teil eine Power-Einlage. Aber genau das war es nicht was diesen Song so cool machte. Leider versumpft das Teil in dieser Version, es wird vom Gitarristen zur starken, jedoch schon zu oft gehörten Gitarrenkaskade.
Jon‘s Solo allerdings stimmt traurig. Einst erhielt Jon über fünf Minuten Hof. Viele klassische Stücke verschmolzen mit Rock und Blues. Allein auf der Bühne spielte er sein ganzes Spektrum voll aus. Er begeisterte die Fans mit seiner umfassenden Spannbreite. Während der Touren in der letzten Zeit wurden die einstigen bestimmenden Solos immer kürzer. So ist auch hier in London. Am Ende des Parts stellt man fest; hier nimmt ein ganz Großer in Ruhe und in Wehmut Abschied von der Band.
Die Überleitung zu "Perfect Strangers" ist wie gewohnt im Bombast-Format. Der Titel ist immer noch gefragt und mittlerweile ebenso ein Klassiker wie die vielen Songs aus den Siebzigern. Vielleicht beschränkt sich die Band zu sehr auf die originale Wiedergabe. Man hat den Eindruck, dass ein wenig die Begeisterung verschwunden ist.
Über Steve als Gitarrenhalsverwinder zu lästern wäre echter Frefel. Ganz sicher kommt man dafür wohl auch in die Hölle. Wir kennen diese Art der Interpretation schon aus anderen Live-Auftritten. Fast sieben Minuten hört man sich an, wie sich der mehrfach preisgekrönte Gitarrist durch die Rockgeschichte spielt. Es ist sicher kein hirnloses Drauflosgeschruppe wie bei manchen Speed-Instrumentalisten. Nein fein dosiert gibt es hier Erinnerung an längst vergessene Zeiten. Allerdings schleppt es sich dann doch ein wenig.
Es läuft dann aus und ein letztes Mal sucht der Zauberer auf dem Griffbrett. Als die ersten unverwechselbaren Takte jedoch die Verstärker verlassen wissen die Massen Bescheid. "Smoke On The Water" ist schon lange nicht mehr das was er einst mal war. Über die Jahre hinweg hat man diesen Song schon übel mitgespielt. Mal hat man ihn zerhackt, dann wieder zertrennt zum Bedanken. So ein und das andere Mal wurde er auch weg gelassen. Hier jedoch ist es noch ein Stück Musik. Man kann sich noch erinnern, dass das Teil mal ohne den ganzen Klamauk zusammen gehörte. Ist der Rauch zwar verzogen, so verbirgt sich dahinter aber immer noch etwas Tolles.
"Speed King" hingegen ist nun das Schlachtross der Band. Früher trug "Space Truckin‘" diese Bürde. Und das Teil passt gut an diese Stelle. Die Band spielt wirklich stark und unterhält sich und das Auditorium ganz sicher. Dias Schlachtgewitter zwischen Tastenmann und Saitenhexer ist nicht ungestüm, jedoch ergänzen sich beide Protagonisten hervorragend. Wild und schön eilen wir leider viel zu schnell durch das Teil. Über ein starkes Bass-Solo geht es in die Drum-Runde. Unterhaltsam ist das lustige Gebasse allemal. Roger zeigt was er kann und er kann es richtig gut. Schade, dass der Herrscher des Drumkits so entspannt daher kommt. Ian Paice kann das besser und auch schneller.
Aber dieser Abend scheint keinem der Beteiligten eine Freude zu sein. Die Band ist im Grunde nicht wieder zu erkennen. Mutlos und ein wenig ziellos geht mit diesem Stück der offizielle Abend zu Ende. Beim Abschied hebt Ian den nach dem Konzert scheidenden Jon noch mal in den Mittelpunkt.
Die Anhänger in der Halle ertrotzten sich die Zugabe. Mit "Hush" kehrt die Band zurück. Der Sänger hat längst seinen Frieden mit dem Endsechziger gemacht. Einst hasste Ian das Teil. So oft musste er diesen Song einst singen. Vor vielen Jahren wiederentdeckt taucht er nun wieder mal aus der Versenkung. Im Grunde ordentlich durch die Boxen gedrückt; fehlt trotzdem das Ausufernde. Es folgt auch kein weiterer Song während des Extra-Teils. Es ist einfach Schluss. Noch ein paar kurze Abschiedsworte vom Shooter, dann müssen die Versammelten das Weite suchen.
Diese Aufzeichnung ist etwas besonderes. Jon Lords letzte offizielle Show wurde hier mitgeschnitten. Die Band und er trennten sich friedlich. Der Rest der UK-Tour wurde krankheitsbedingt abgesagt. Acht Termine fielen weg. Sie wurden jedoch im September des Jahres nachgeholt. Dann saß dort an den Tasten sein Nachfolger. Don Airey vertrat Jon schon während der Europa-Tour ein Jahr zuvor, jetzt hatte er eine Festanstellung.
Schon am 17.03.2002 stand der neue Tastenmann in Sankt Petersburg auf der Bühne. Dort blieb er dann bis heute als Festes und anerkanntes Mitglied der Band. Man zog mit Don durch Russland und den Rest der Welt. Bis zum September des Jahres.
Jon‘s Solo-Kariere nahm in der Zwischenzeit Fahrt auf. Schon kurze Zeit nach dem Ausstieg von Deep Purple verbesserten sich die Knieschmerzen. So sah er bei dem einen oder anderen Anlass bei seiner alten Live-Formation vorbei. Jon und die Band waren auch durch diese Trennung nicht zerstritten. Ein Abschied, welcher für ihn große Auswirkungen hatte.
An diesem Abend ist er also ein letztes Mal komplett zu hören. Auch wenn seine Solo-Beiträge nicht die Besten sind von ihm, so bleibt der leidige Gedanke immer im Hinterkopf; Jon war eine Stütze für die Band und für das Publikum. Er fehlt sicher nicht nur mir. Schon allein deswegen ist der Besitzt dieser Aufnahme ein zwingender Grund für jeden Sammler. Das erklärt gewiss auch den hörbaren Unmut bei den Beteiligten. Dass Ian Gillan immer mal wieder stimmliche Probleme hatte und noch hat ist längst gut bekannt.


