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FAREWELL TOUR JON LORD - Deep Purple

Jon Lord gibt seinen Ausstand

Mit viel Hingabe und auch Wehmut wollte sich die Band von Jon und er sich von seinen Freunden auf der Bühne verabschieden. Sein Ersatz, Don Airey, hatte der Tastenmann selbst mit der Band verbunden. Im Februar 2002 spielte Jon Lord das letzte Mal mit seiner Lieblingsband. Im Grunde war eine längere Tour durch Großbritannien geplant.

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Ian Gillan war am 22.02.2002 in London wieder mitten in einer Monster-Erkältung. Nur mit Mühe hielt er die Strapazen des Abends im Hammersmith Auditorium durch. Auch Jon war nicht auf der Höhe. Nach dem als gescheitert anzusehenden Auftritt brach man diese Tour ab. Acht Konzerte mussten abgesagt werden. Die Band zog vom März bis September mit Don einmal um den Globus.

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Das unschöne Ende von Jon‘s Abschied wollte die Band jedoch nicht für alle Zeiten stehen lassen. Im September des Jahres fand man Löcher im Terminkalender. Man holte die ausgefallenen Konzerte im Königreich mit Don nach. Allerdings gewährte man Jon sich unter seine Kollegen zu mischen um so nochmals in angemessener Weise seinem Publikum leb Wohl zu sagen. 

 

Am 08.09. trat er das erste mal zu Beginn von "Perfect Strangers" aus dem Dunkel der hinteren Bühne. Auch am 09.09. in der St George's Hall in Bradford war er anwesend. Gleichfalls gab ihm die Band am 12.09. im Clyde Auditorium, Glasgow die Gelegenheit sich zusammen mit den anderen zu verabschieden. Zwei Tage später betrat er mit Deep Purple in der NEC Arena in Birmingham die ruhmversprechenden Bretter. Die Band wiederholte das am nächsten Tag (15.09.) in der Guildhall in Portsmouth. Am 17. des Monats trat man nochmals gemeinsam in den Plymouth Pavilions auf. Das vorletzte Konzert gab Jon in der Colston Hall in Bristol am folgenden Tag. Das letzte Mal stand Jon am 19. September 2002 im Regent Theatre in Ipswich mit seinen Jungs auf der Bühne. 

 

Diese Auftritte sind Zeitzeugen von zutiefst emotionalen Momenten. Don wird später davon schwärmen wie toll es war Jon beim Spielen über die Schulter zu sehen. Er erbte nach dem Ausstieg von Jon seine Konzertorgel. Die ganze Band war angestachelt wegen der zu erwartenden Ereignisse. Wenn Jon sich vor der aktuellen Band und vor dem Publikum verneigt, ja das ist eine Erwähnung wert. 

 

Zwei dieser Auftritte kenne ich. Der in ausgezeichneter Qualität mitgeschnittene Abend im NEC ist ein emotionaler Höhepunkt und zeigt alle Beteiligten in einem hervorragenden Licht. Zusammen mit zwei älteren Mitschnitten (Bombay 08.04.95 und Melbourne am 20.04.99) können wir neben verschiedenen Bonustracks auch diesen Abend auf der Sammlung AROUND THE WORLD LIVE in BILD und Ton nachverfolgen. Jon‘s endgültig letzten Abend mit Deep Purple blieb als Bootleg erhalten. Auf Jon‘s Goodbye verfolgt man bei deutlich schlechterem Ton in Ipswich den letzten Auftritt des Großmeisters mit seiner ehemaligen Band. 

 

Bootlegs wird es sicher noch mehrere von den hier aufgeführten Terminen geben. Diese beiden Veröffentlichungen sollen als Einleitung und zur Beschreibung der Abende genügen. Alle Auftritte variieren kaum. Sie sind im Grunde fast identisch, abgesehen von kleineren Solos der Mitglieder. Mir persönlich gefällt der Abend im NEC wegen des tollen Klanges und der starken Bilder besser. Dieses Ereignis muss beschrieben werden und soll als Würdigung für die anderen Abende erachtet werden. 

 

Die DVD startet mit Intro‘s der Bandmitglieder und kleinen Interview-Schmippseln. Direkt am Abend greift Don zuerst in die Tasten. Sofort danach startet die Band mit einem furiosen "Fireball" durch. Gillan kommt barfuß auf die lichterloh brennende Bühne. Die Drums vom anderen Ian sind brutal. Brutal und sehr dynamisch greifen alle Beteiligten zu ihren Instrumenten. 

 

"Woman From Tokyo" startet mit einem starken Bass. Der Herr Gillan ist richtig gut drauf. Die Band steht ihm in nichts nach. Immer wieder lässt er seine Stimmbänder in hohen Tonlagen glänzen. Ein starkes Ende des Songs schafft Raum für Neues. 

 

1973 veröffentlichte die damals zerstrittene Band diesen Song auf ihrem Album WHO DO WE THINK WE ARE. "Mary Long" ist längst keine Altlast. In der Version mit Don und Steve hören wir hier einen Oberhammer. Zusammen mit der starken Bass-Line und den tollen Drums im Mittelteil echt cool gemacht. Gillan verzaubert das Teil auf seine Art. 

 

Einer meiner erklärten Lieblinge der neuen Formation ist "Ted The Mechanic". Das Teil kommt fett und unverbraucht aus den Membranen. Don donnert furchteinflössend bis Steve sich erhebt. Irre wie gut sich der Stoff anhört. Alle sind voll bei der Sache und drücken was die Halle zulässt. Kraft und Rhythmus im Überfluss. Dieser Band geht es gut. Zweifel werden hinweggefegt.

 

Don ist deutlich technischer wie sein Vorgänger. Breit und potent drückt er den nächsten Dauerbrenner auf die Bühne. Dieses Riff ist tatsächlich genauso bekannt wie das von der Geschichte von Rauch und Wasser. Wenn sich "Lazy in die Ohren brennt, hilft kein Schutz. Große Teile der Beherrschung verschwinden. Die Beine wippen und der Kopf wackelt. Freunde geht mit und inhaliert das Gebotene! Steve zieht an den Saiten und die Orgel donnert. Die Botschaft des Vokalisten ist kurz. Mucke pur…

 

Fast sieben Minuten erscheinen zu kurz. Doch mit einem Gitarren-Stück wird dieser Zustand gemildert. "The Well-Dressed Guitar" passt prima hinter den alten Titel und ist voll auf den Herrn Morse zugeschnitten. Über den fordernden Bass schleudert der Töne, welche durch die Orgel und die Drums eingerahmt werden. In dieser Version ein tatsächlicher Höhepunkt. 

 

Etwas Ruhe bringt "When A Blind Man Cries" ins Volk. Ian Gillan singt das Teil immer echt toll. Auf der DVD hört er sich phänomenal an. Deutlich besser als in den Siebzigern. Steve kleidet ihn zusammen mit den anderen Instrumenten wunderschön und gefühlvoll ein. Herz was willst du mehr. Tausendmal mittlerweile wurde dieser Song gespielt. Langweilig ist er selten. 

 

Einst als Endlos-Jam verwendet wird hier "Space Truckin'" in einer Kurzversion dargeboten. Freilich auf IN ROCK war es schließlich auch nicht der Jam-Überhammer. Seine Position ist längst überarbeitet. Nun wird aus ihm eine allgemeinere Version. Den Zauber dieses Stückes kann man an diesem Abend also nur kurz genießen, aber wie … alle sind glücklich und strahlen. 

 

Danach setzt Don Airey zu seinem Solo an. Nun kann man über ihn viel erzählen. Trat er nach dem Ausstieg von Jon in zu große Schuhabdrücke? Puristen mögen trefflich verachtend die Nase rümpfen. Wie auch schon beim Ausstieg des ewig Mürrischen streiten sie sich heute noch um die Neubesetzungen dieser Zeit. Wie es einst Steve verstand die Band neu zu begeistern, so muss man das auch Don attestieren. Sein Solo steht jenen von Jon in Nichts nach. Hier geht er auch genauso wie sein Vorgänger über Brücken. Klassik verbindet sich mit Rock und trifft aufs Kino. Alles fühlt sich anders an, ist in der Qualität jedoch gleich gut. 

 

Bei der Einleitung zu "Perfect Strangers" wird es lauter im Auditorium. Das Licht geht aus. Im neuen Scheinwerferspot zeichnet sich ein Graukopf mit Pferdeschwanz ab. Jon Lord erscheint hinter der Hammond. Don hat an seinen Vorgänger übergeben. Was ist das für ein toller Anblick! Das ist Geschichte; das ist großartig. Die Massen johlen und applaudieren. Jon schmettert das Eingangsriff zwischen die Köpfe der Anwesenden. Hier bin ich und gebe euch ein Geschenk. Im Kreise seiner langjährigen Freunde wird der restliche Teil des Abends ein denkwürdiger Moment. Hören wir nur Ian zu wie stolz er ist. Seine Stimme bebt manches mal. 

 

Mit Skiffle-Tönen leitet Steve die jetzige Jam-Nummer ein. Hübsch wie sich der Rest um den Gitarristen bemüht und ihn unterstützt. Dann bricht die Bühne fast zusammen. Hart wie selten startet "Speed King". Jon im Einklang mit den Anderen. 16 Minuten im dynamischen Einklang verbunden durch die Musik und die Gefühle. Alle Instrumente sind im Reigen verbunden. Schick und stark in Szene gesetzt. Das Bass-Solo von Roger ist wirklich toll und passt klasse vor die Drums. Ian übernimmt dann auch allein das Geschehen. Hier trommelt ein toller Schlagwerker. Immer stark im Rhythmus verdrischt er die Felle gewaltig. Zum Abschluss sorgt Gillan für ein Rock’n’Roll-Gewitter und damit für ein eindrucksvolles Finale. 16 Minuten sind viel zu kurz. 

 

Wenn Steve zum Solo bittet, dann hören wir einem Meister zu. Anders wie viele seiner Kollegen bezieht er elektrische Spielereien geschickt immer mit ein. Er gleitet gewöhnlich dahin, wird immer mächtiger und bricht dann aus. Im NEC verzichtet er auf Spielchen. Er sucht direkt ohne Einleitung in der Music-Box. Nach einer angestrengten Suche findet er das bekannteste Riff der Rockwelt. Trocken hebt die Band zu "Smoke On The Water" ab. Schwer und unerschütterlich breitet sich Rauch auf der Bühne aus. Ian erzählt von den Umständen in Montreux als ein Dummkopf die Halle abfackelte wo Deep Purple ein Album in Live-Format aufnehmen wollte. Lange ist‘s her… Irre wie sich das Teil auf der Festplatte von so vielen Fans fest brannte. Beide Keyboarder sind nebeneinander auf der Bühne. Zusammen geben sie Gas. Ian Gillan steht neben Jon Lord und Don Airey. Steve im Vordergrund feuert seine Salven in die Massen. Ihnen wird die Gelegenheit eingeräumt mitzugröhlen. Acht Minuten später ist der offizielle Auftritt geschafft. Wenn die vor der Band mehr wollen, dann sollen sie es fordern. 

 

Das tun sie und die Band lässt sich nicht lange bitten. Sechs Außergewöhnliche gingen von der Bühne, fünf kommen wieder. Jon hat den Song schon 1968 live gespielt. "Hush" führt in die Zusatzrunde. Einst kein Eigengewächs der Band, ist es heute zum Purple-Song geworden. Kaum einer kennt noch die originale Fassung von Joe South. Wenn man sich erinnert, dann an jene dieser Band. Irre wie gut das alles wirkt. Eine Band ist mit sich im Reinen. Power und Freude wo man auch hinhört - oder im Falle des Videos - hinsieht. 

 

"Black Night" drückt man bei dieser Gelegenheit gleich nach. Es wird fleißig beim Vorspiel gejamt. Nun drückt Don die Tasten. Auch in der aktuellen Fassung ein unbedingter Höhepunkt im Abendprogramm. Alle Musiker geben sich die Keule und spielen auf als ob es keinen Morgen mehr gibt. 

 

Roger führt ins letzte Stück. Beide Keyboarder sind zur Stelle. Gute neun Minuten darf man noch lauschen. Zwei Tastenbediener wirken live noch druckvoller. Das grandiose Finale bildet ein krachendes Ende. Mit "Highway Star" schickt man die Anwesenden hinaus. Sie sollen nach Hause gehen und sich freuen über das Erlebte. Doch im Grunde wollen sie das nicht. Der Abend darf nicht enden. Bewegt verbeugt sich Jon Lord im Beisein von Ian und Steve vor den Fans. Sicher geht er mit Wehmut. Doch er weis, dass es seiner Band und den Personen, welche ihm Freunde sind, auch weiterhin gut gehen wird. Er verabschiedet sich in Würde und im Kreise derer dessen Geschicke er auch die vielen Jahre mit begleitete. 

 

Mit diesen denkwürdigen Auftritten endet die Ära Lord in der Geschichte der Band. Er bleibt der Musik und den anderen Musikern jedoch bis zu seinem Tode tief und inniglich erhalten. 

 

Die doch eher schlechte Vermarktung des Mitschnittes ist peinlich. Schließlich zwang man erfahrene Fans zwei eventuell schon vorhandene Live-Mitschnitte noch einmal zu erwerben. Das Inlett der Box hingegen entschädigt wegen der Infos. Hier erfährt man viel über die Jahre nach Blackmore. Man huldigt Jon und lässt die Band mit vielen Extra-Informationen auch schriftstellerisch weiter leben. 

 

Für später hinzugekommene Neu-Verehrer sind natürlich auch die beigelegten Live-Scheiben ein tatsächlicher Gewinn. Also alles gut soweit und ein dickes Lob für die Konserve des Konzertes vom NEC. 

 

Das Bootleg aus Ipswich ist sicher nur etwas für eingefleischte Fans. Das wirklich letzte Konzert mit dem großen Tastenmeister zu besitzen ist ganz sicher nur für  eingeweihte Genießer geeignet. Das gilt vor allem für den schlechteren Klang des  Mitschnittes.

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