PURPENDICULAR - Deep Purple
Mutiges Experiment für einen tollen Start
Wie sollte wohl ein Album aussehen nach dem Crash der Band. Was wird nun ohne den Mann im schwarzen Gewand? Hatte die Band eine Zukunft? Das waren Fragen die sich vermutlich nicht nur die Fans stellten. Ritchie war einfach zu zentral im Gefüge der Band verankert. Scheinbar war er die musikalische Ader der Band. Insider wussten zwar wie falsch diese These war, jedoch konnte das nur die Band beantworten. Und sie tat es.

Schon im Vorfeld absolvierte (nach dem kurzen Gastauftritt des Herrn Satriani) der neue Gitarrist viele Konzerte mit der Band. Ian Gillan formulierte einmal sie bräuchten einen Gitarristen, welcher sich nicht von seinem großen Vorgänger einschüchtern ließe. Genau diesen Mann fanden sie in Steve Morse. Er war und ist eine der festen Säulen der Band und prägte die Musik von Beginn der neuen Phase eindeutig.
Vom Februar 1995 bis Oktober 1995 entstanden die 12 Titel des Albums, welches es im Februar 1996 in den Läden zu kaufen gab. Deep Purple hatte sich spürbar verändert. Nicht dass sie das nicht schon öfters taten; dafür wurden sie geliebt und geschätzt. Das Album war ungewöhnlich für die Traditionalisten. Viele nahmen der Band den neuen Mann an den Saiten übel. Ich konnte nicht so empfinden.
Mit "Vavoom: Ted the Mechanic" startet der neue Gitarrist das Album. So muss sich die Band anhören. Steve startet famos und die Band ist topp in Form. Ein toller Song. Er wird künftig auch live noch lange zu hören sein.
"Loosen My Strings" startet lyrisch und ist ein schöner Kontrast zum starken Rocker zuvor. Rogers Bassline zieht sich klasse durch den Song. Eine tolle Ballade mit einem fantastisch aufgelegten Steve Morse. Die Stimme vom Herrn Gillan setzt dem Unterfangen die Krone auf.
Mit einem tollen Drive kommt "Soon Forgotten" daher. Jon's eindringliche Orgel gibt dem Titel ein dramatisches Gewandt. Hier hört man ihn das erste Mal richtig solieren bis zum tollen Ende. Ein cooles Stück Musik.
Mit "Sometimes I Feel Like Screaming" folgt nun eine weitere Ballade, welche auch lange Live zur Aufführung kam. Der Song beginnt mit einem intimen Gesang des Herrn Gillan und dieser wird mit zunehmender Länge stärker. Er schildert hier wie verlassen man sich bisweilen fühlt in fremden Hotels in Städten die man nicht kennt. Er vermisst seine Lieben. Alles bleibt gefühlsbetont und wird durch die unterschiedliche Refrain-Intensität dramaturgisch verstärkt. Mit tollen Einlagen ausgestattet hören wir hier einen Klassiker dieser Besetzung.
Auch "Cascades: I'm Not Your Lover" wurde live wiedergegeben. Für meinen Geschmack jedoch überzeugt es nicht ganz so wie der Song davor. Jedoch hält es den gehoben Standard des Albums ohne Probleme. Ohne Zweifel eine hübsche Rock-Nummer.
Mit "The Aviator" hören wir einen weiteren Höhepunkt des Albums. Ich bin mir nicht sicher ob ein solches Stück auf einem Album davor verarbeitet worden wäre. Locker und leicht spielt die Band.
In "Rosa’s Cantina" schwitzt man quasi mit und man federt im Takt des einprägsamen Werkes. Ein Stück welches ich noch heute zu den Besten des Album‘s zähle. Melodisch hört man hier die Hammond vom Herrn Lord. Über fünf Minuten wird man mitgerissen.
"A Castle Full Of Rascals" ist im Grunde nicht mein Liebling. Rhythmisch ist es jedoch ein toller Purple Song mit jede Menge harter Action. Auch "A Touch Away" zählt nicht unbedingt zu den Stücken an welche sich der Fan einst mal erinnert. Zu sagen, dass beide Stücke schlecht wären, kann man nicht. Sie sind eben nicht ganz so gut wie die Titel um sie herum.
Mit einem weiteren Klassiker dieser Besetzung geht es weiter. "Hey Cisco" ist ein richtig starker Purple-Titel. Allein das markante Riff ist unverkennbar. Trocken und hart geht es zu. Jon und Steve liefern sich ein kleine Duell.
Auch das Stück "Somebody Stole My Guitar" ist eine Überraschung. Hier schrubbt die Band sich cool über die viereinhalb Minuten - lange Weile hört sich anders an.
Das letze Stück kennen wir vom Livemitschnitt BOMBAY CALLING. Als letzen Song des Album genießen wir nun die fertige Version von "The Purpendicular Walz". Mit diesem blueslastigen Stück geht ein wirklich starkes Album zu ende.
Das Album ist sehr erfrischend und die Band hört sich so jung wie schon lange nicht mehr an. Es purpelt gewaltig. Orgel satt in allen Lagen, einen frechen Bass und einen wirklich tollen Sänger. Auch der Felle-Schläger übt sich in den verschiedensten Variationen. Der Gitarrist zupft einfach klasse an den Saiten. Gerade der Stielbruch zum Spiel des Herrn Blackmore wirkt konsequent und vor allem mutig.
Kurz und gut - Totgesagte leben länger. Was hier zum Ohr des Hörers dringt ist eine quicklebendige und experimentelle Band mit Mut zum Neuen. Wem es nicht gefällt der soll halt das alte Zeug hören. Mir gefiel das Album vom Erscheinen bis zum heutigen Tage. Steve Morse beweist hier wenig Angst vor dem großen Vorgänger, viel Spielfreude und Können. Seine Solos brauchen sich nicht zu verstecken und suchen nicht nach dem Vergleich zur Vergangenheit. Es lebt fantastisch das Purple-Tier und das bewiesen sie auch live.


