... TOO THE RISING SUN: IN TOKYO - Deep Purple
Sehr gute Aufnahme einer Ausnahmeband
Parallel zur Veröffentlichung der Aufnahme zum Auftritt in Wacken 2013 veröffentlichten Deep Purple einen Konzertauftritt von einem Konzert in Nippon Budokan in Tokyo. Wie auch beim Album From the Setting Sun so gibt es hier ein komplettes Konzert zu bestaunen, auch wieder in Form von zwei CD und einer DVD. Ein höchst löblicher Umstand, da auch hier einfach klasse Material in hervorragenden Sound für die Ewigkeit festgehalten wurde.

Fast ein Jahr nach dem Mitschnitt von Wacken sind auch hier wieder gut aufgelegte Musiker zu hören und zu sehen. Man merkt aber deutlich, dass sie hier am 12.04.2014 vor dem gewohnten Purple-Auditorium aufspielen. Die Band klingt hier wieder eher nach den in Ehren ergrauten Rocktitanen. Sie wirken nicht ganz so hart wie einst auf der Wiese in Schleswig-Holstein. Darunter leidet aber nicht der musikalische Eindruck der Band an sich. Immer noch wirken sie geschlossen und in sich ruhend.
Die Gitarre des Herrn Morse ist hier bei dieser Aufnahme wesentlich breiter aufgestellt und hört sich nicht so knochen hart an wie beim Auftritt in Deutschland. Man hat schon eher den Eindruck, hier hört man eher den echten Morse.
In den Abend gleitet der Hörer mit der üblichen Einleitung durch Don. Dann beginnt die Band gleich mit "Après Vous". Mit diesem Song vom Album NOW WHAT?! startet man gediegen in den Abend. Das Zusammenspiel aller Beteiligten ist auf der Bühne beachtenswert. Als Opener wäre vielleicht ein Brecher mit viel Speed besser. Doch Spannung baut sich zum Ende hin dann doch noch auf.
Nahtlos gleitet man schließlich in "Into The Fire" über. Der Klassiker wird jedoch nur kurz angerissen. Ian klingt gut und Steve zieht ganz gut an den Saiten.
Nach gut drei Minuten wechselt man in "Hard Lovin‘ Man". Auch dieser Klassiker ist im Grunde ein wenig zu kurz geraten. Auf der schweren Bass-Line von Roger driftet das Teil über die Zeit. Schwer und mit gehörig Druck auf dem Kessel stemmt man die Töne aus den Boxen. Hier geht die Band in die Vollen. Don lässt die Orgel dröhnen bis Steve die Gitarre ertönen lässt. Das liebt man und schätzt es.
"Strange Kind Of Woman" hat mit der Zeit ein wenig Zauber verloren. Seit Ian sich nicht mehr als Pseudo-Gitarre versucht ist es ein Song wie jeder andere. Er müht sich und das ist seinem Alter auch noch eine Meisterleistung. Trotzdem strotzt diese Version schon mit Kraft.
Wie schon der erste Song des Abends stammt auch "Vincent Price" vom hier zu promotenden aktuellen Album. Ich liebe diesen Song. Für mich wirklich einer besten aus dieser Zeit. Allein der brachiale Einstieg und der kräftige Rhythmus stecken an und bringen Wallung ins müde Kreislaufsystem. Gillan hört man an, dass dieser Song neuer ist und nicht so an den Stimmbändern rüttelt.
Mit "Contact Lost" gibt Steve eine kurze Probe seines Schaffens. Das Stück wirkt in seiner ruhigen Ausführung nachdenklich. Das Leben ist einfach zu kurz. Den Verlust von lieben Menschen kann sich so anhören.
"Uncommon Man" stammt wieder vom derzeitigen aktuellen Album. Ein zentrales Anliegen dieses Albums ist das Gedenken an den 2017 verstorbenen Tastenbedieners. Immer wieder erinnert die Band mit diesem Song und "Above And Beyond" an ihren lieben Freund. Steve leitet das Teil ein und episch startet es dann durch.
Wenn Steve ein Solo gibt nennt es sich "The Well-Dressed Guitar". Dem Herrn Morse kann man seien Virtuosität nicht wegreden. An dieser Stelle möchte ich mal eine Lanze für diesen Ausnahmekünstler brechen. Viele Anhänger trauern immer noch dem Man in Black hinterher. Meistens wirkt er frisch und munter. Extra-Einlagen sind zwar selten, doch sein Repertoire überzeugt voll.
Ich glaube fest daran, dass er das damals entstandene Loch im Herzen der Band sehr gut ausfüllte und gemeinsam mit den anderen Mitgliedern die alten Songs entscheidend auffrischt. Dass sich viele der älteren Songs nicht mehr so anhören wie einst, liegt doch auch im geänderten Zeitgeist und der anderen dadurch positiven erneuerten Musikauffassung begründet. Seine breites amerikanisch geprägtes Gitarrenspiel passt zur Band und gibt schöne Beiträge.
Erneut gibt die Band einen Klassiker die Bühnenehre. "The Mule" gab es schon mit Ritchie. Wie damals wird mit zwei kurzen Teilen das Drum-Solo vom Herrn Paice eingerahmt. Dieser trommelt es wild und er heizt das Publikum echt an. Eine tolle Erinnerung und wirklich stark gemacht.
An diesem Abend wird vor "Above And Beyond" an Jon erinnert. Schwer und orgellastig schwebt die Erinnerung im Hirn und sicher auch in der Halle. Eine Hymne für einen ganz großen Menschen und Musiker.
Don leitet "Lazy" ein. Hier zieht einem der Song mit. Er krabbelt in jede Faser, alles pulsiert. Einer der wohl beständigsten und besten Live-Songs der Band. Steve spielt einfach toll. Es gibt zwar kein direktes Duell; das Gehörte reißt einen trotzdem mit. Alles wirkt ein wenig arrangiert, doch bitte wem es stört, der soll doch Pop-Musik hören. Der Blues lebt Freunde und hier wird er gespielt. Kein Schnickschnack, keine Verrücktheiten. Lasst uns faul sein und der tollen Musik lauschen.
"Hell To Pay" stammt ebenfalls von NOW WHAT?! Es ist erstaunlich wie toll sich diese Rocknummer an den Altsong ankuschelt. Das Teil passt prima ins Portfolio der Band. Es ist durchaus vergleichbar mit anderen großen Krachern aus der Zeit vor Morse. Einfach eine geile Mucke. Wenn mir etwas fehlt sind es vielleicht die ausufernden Improvisation, gerade vom Gitarristen. Diesen Part übernimmt hier Don. Seine Hammond ist omnipräsent.
Folgerichtig schließt sich sein Solo an. Der Herr Airey war mit fast unzähligen Formation im Studio und auch Live unterwegs. Er braucht nicht den Zusatz des Ersatzspielers für Jon. Die Vielzahl seiner Verpflichtungen und das Wissen daraus bereichert jeden alleinigen Spielpart. Von Klassik bis zur Volkswaise, der Typ hat alles drauf. Das hört man hier in gut sechs Minuten. Technisch immer wieder mit kurzen technischen Spielchen angereichert kommt er zum Ende.
"Perfect Strangers" schließt sich an. Immer noch ist der Song von 1984 der Bringer. Steve ändert die Gitarren-Anteile vom einstigen schwarzen Teufel geschickt ab. Er spielt sanfter. Trotzdem hört man noch das schwere Urgestein früherer Réunion-Romantik.
Früher war "Space Trukin‘" ein Jam-Nummer erster Güte. Hier mutiert er zur angespielten Erinnerung. Druck hat die Nummer sicher noch. Einwenig vermisse ich jedoch die einstigen kompromisslosen Improvisation mit der ultimativen Griffbrettvernichtung an deren spektakulären Ende.
Auch bei "Smoke On The Water" wird erneut an der Nostalgieschraube gedreht. Es ist das lange her, als die blutjungen Beteiligten im ungeheizten Keller an MACHINE HEAD werkelten. Hier beendet das Stück den offiziellen Auftritt. Steve spielt deutlich anders als alle seine Vorgänger. Das wird in der Einleitung deutlich. Dreschen jedoch die Salven in die Halle geht immer ein Raunen durchs Volk.
Nachdem sich die Fans eine Zugabe einforderten antwortet die Band mit "Green Onions / Hush". "Green Onions" ist ein Instrumental von 1962. Booker T. & the M.G.'s spielten das Stück einst und Deep Purple setzt es "Hush" voran. Die Anwesenden an diesem Abend erwartet eine tolle Jam-Nummer. Hier ist alles dabei was das Herz begehrt. Die Instrumente wechseln ständig und ergänzen sich.
Daran schließt sich das Bass-Solo vom Herrn Glover an. Auch später wird es immer wieder angehängt. Es ist spannend dem Mix von Bass und Drums zu folgen. Das Publikum liebt es und geht voll mit.
Mit dem Gassenhauer "Black Night" verabschiedet man sich. Wer kennt das Teil nicht, hat den Rhythmus nicht im Blut? Druckvoll drückt man dem Abend den Stempel auf. Man verabschiedet sich um im Gespräch zu bleiben. Ganz sicher ist das an jenem Abend gelungen. Die nach Hause strebenden Fans werden sicher noch lange über dieses Konzert sprechen.
Was mir am meisten an dieser Aufnahme hier gefällt ist die Lockerheit und die Dynamik der Band selbst. Sie versteht sich als Einheit, sie spielt locker und hat Spass an dem was sie auf der Bühne veranstaltet. Und genau das hört man hier. Was ich immer wieder beachtenswert finde ist der Umstand, dass sie auch ihre neuesten Stücke so wiedergeben, wie man es von einer Band ihres Formates erwartet. Zu den Klassikern der Band fügen sich die Titel des aktuellen Albums nahtlos hinzu. Die neuen Stücke passen erstaunlich gut zu den alten Songs.
Diesen Album gab es auch mal im Doppelpack mit einem Mitschnitt aus Wacken am 10.08.2013. Damals spielten sie härter. Man hatte das Gefühl diese Härte war zu jenem Zeitpunkt für die Musiker ungewohnt. Im Gegensatz zu diesem Auftritt sind die alten Herren sechs Monate später wieder deutlich relaxter.
Voll und ganz zufrieden mit dem Kauf des Albums hier bin ich allerdings auch wieder nicht. Ein kleines Manko bleibt. Sehe ich mir das Menü der DVD an, so vermisse ich hier gänzlich die Extras. War damals beim Wacken-Rohling wenigstens noch das Video von “Vincent Price“, so ist hier nichts vorhanden. Äußerst bedauerlich, da ich finde, so etwas hätte zwingend dazu gehört. Ich glaube am Platz lag es wohl eher nicht. Das passt bei anderen Bands immer mit drauf. Ich denke durch diesen Mangel ist dieses Konzert hier aber ganz sicher die vollen Sterne wert. Ein großes Dankeschön an die Band und an die Firma ear-Music für die blitzsaubere Umsetzung dieser Tonkonserve.



