WHOOSH - Deep Purple
Deep Purple sind ihr eigenes Genre
Das Album sollte ursprünglich im April 2020 erscheinen. Die Veröffentlichung wurde dann auf dem 07. August 2020 verschoben.

Im Vorfeld der Veröffentlichung gab es die verschiedensten Beiträge zum neuen Album der Band seit 2017. Man las so einiges; begonnen von der Abkehr vom baldigen Ende der Band bis hin zur neu gefundenen Spiellaune aller Beteiligten. Die beste Aussage stammt vom Produzenten Bob Ezrin. Er sagte zum Stil der Band, das Deep Purple im Laufe der Zeit ihr eigenes Genre geschaffen hat. Die Band ließe sich nicht in eine Schublade stecken.
Genau diese Aussage lässt sich im neuen Album definitiv heraushören. Erwartet der geneigte Fan nach dem Rockalbum INFINITE nun einen ebensolchen Reißer, so gab es von den Musikern eine musikalische Backpfeife. Wieder einmal schaffen es die Mitglieder der Band das Auditorium zu überraschen.
Mit "Throw My Bones" startet das Album gut gelaunt und ein wenig müßig. Hübsch und unterhaltsam wird man ins Album eingeführt. Radiotauglich und leider auch zu kurz.
"Drop The Weapon" hingegen ist ein knochentrockener Song mit coolem Text und starken Rhythmus. Wenn man so will ein cooler Purple-Song versehen mit zwei wirklich tollen Gitarre- und Orgel-Einlagen und mit gut viereinhalb Minuten keine Sekunde zu kurz. Das Teil passt wie die Faust aufs Auge.
Melodiöser geht es dann ins nächste Stück. "We're All The Same in The Dark" ist ein gefälliger Midtempo-Song. Leider bleibt dieser nicht besonders gut im Gedächtnis haften.
Der fast schon klassische Einschlag bei "Nothing At All" ist einfach stark in den Song integriert. Immer wieder zeigt sich diese tolle Orgel/Gitarren-Improvisation. Dieses immer wiederkehrende Thema gibt dem Song eine Art Zerbrechlichkeit, eine fast schon zeitlose Schönheit. Schade hier ist wieder mal nach guten viereinhalb Minuten Schluss. Man wünscht sich einfach mehr vom tollen Melodienrausch. Ein unbedingter Höhepunkt des Albums.
Abgelöst wird dieses Stück durch den kurzen Rocker "No Need To Shout". Wiederum hübsch intoniert. Mit Orgel und Gitarre verziert endet es abermals zu kurz.
Act 1 endet dann mit der unrund laufenden Nummer "Step By Step". Eine einfache Melodie wird mit klassischen Touch dargeboten. Nichts besonders, doch auch wieder originell.
Der Act 2 startet mit "What The What". Einer wirklich starken Rock'n'Roll-lastigen Nummer mit jeder Menge Drive. Chic aufgehübscht mit tollen Gitarrenläufen und einer tollen Pianopartitur.
"The Long Way Round" ist der wohl längste allein stehende Titel des Albums. Auch hier wieder rockt es gewaltig mit einer echt starken Bass-Line. Ein wirklich toller Song; unbeschwert und druckvoll. Es endet ein wenig zu flach.
Spannungsgeladen geht es mit "The Power of The Moon" weiter. Leider scheint hier die Zeit zu vergehen ohne das etwas im Gedanken hängen bleibt.
"Remission Possible" leitet mit einem schönen Start den nächsten Song instrumental ein. Nach nicht man eineinhalb Minuten ist es nicht mehr existent und "Man Alive" beginnt, der eigentliche "Titelsong" - wenn man so will. Ein starker Text mit Sprechgesang, etwas gewöhnungsbedürftig, jedoch Geschmacksache. Es ist im Grunde cool gespielt und als Song zum Album geht das Teil auch voll in Ordnung.
Den Act 2 beschließt ein alter bekannter. 1969 begann SHADES OF DEEP PURPLE mit "And The Adress". Damals der Beginn des Albums nun das Ende. Schön gedacht und auch toll durch die Band intoniert. Nur Ian Paice kann sich noch daran erinnern wie sich das Stück am Instrument anfühlt. Nun findet es hier seine verdiente Neuerfindung am Ende dieses neuen Albums. Wenn man so will schließt sich ein Kreis.
Das Intro zum Album-Bonus hingegen verbreitet ein wenig das Flair von Miami Vice. Hübsch gestaltet entfaltet sich die kleine Tanz-Nummer. Das Bein zuckt und der Rhythmus reißt einen mit. Ein starker Abschluss und als Bonus fast zu schade.
Deep Purple erfanden sich im Verlaufe ihrer Geschichte des öfteren immer wieder neu. Das war - so empfand ich es zumindestens - ein riesiger Vorteil. Die Band begriff sich als steter Quell der Inspiration. Sie überraschten so den geneigten Hörer.
So auch ging es mir mit diesem Album. Steht es in der direkten Nachfolge des Überrockers zuvor, so weißt es grade zum 2017 veröffentlichten Album erhebliche Unterschiede auf. Es ist sehr relaxt ausgefallen. So richtig harte Klänge sind Mangelware.
Statt dessen hört man gepflegten Altherren-Rock. Das ist überhaupt nicht negativ gemeint. Ganz im Gegenteil läßt sich das Produkt ganz sicher toll anhören.
Ist es Hard-Rock der alten Schule? Diese Frage muss man verneinen. Das bedeutet jedoch nicht, die ganze Scheibe wäre herausgeschmissenes Geld. Das Album ist ganz sicher abwechslungsreich gestaltet. Man spürt die Liebe zum Detail und die Lust am Musizieren.
Will man rumkritikeln, so doch am ehesten an der zuweilen sehr reduzierten Länge der Stücke selbst. Manches erscheint mir auch irgendwie zu weichgespült. Ich vermisse die härteten Klänge der Band doch sehr.
Erwirbt man die erste CD-Variante des Albums, so bekommt man noch eine DVD. Auf dieser befindet sich - neben einer Demo zur Entstehung - die Aufzeichnung des Konzertes beim Hellfest in Frankreich vom 16.06.2017. Diese Aufnahme ist im Grunde gut, auch wenn der Klang ein wenig dumpf erscheint. Das Positive daran ist der doch eher hohe Anteil von Songs von NOW WHAT und INFINITE. Das freut dem geneigten Fan und zeigt auf ein neues, dass sich gerade diese Band nicht mit den alten Hits begnügt, sondern die neuen Titel zielstrebig auch live ausbaut. Ich jedenfalls liebe es diesen Aufnahmen zu lauschen.
In diesem Sinne bleibt zu attestieren, dass man auch beim neuen Album überrascht wird. Die Band erfindet sich wieder einmal neu und ist dabei einfach in Qualität und Musikalität immer noch ganz vorn im Geschäft dabei. Das Album davor fand ich jedoch besser.


