TURNING TO CRIME - Deep Purple
Fremde Songs purplelized
Wer hätte das gedacht; die alten Herrn meiner Lieblingsband haben sich fremde Songs gegriffen. Als ich das hörte musste ich mir das Teil auch schnell besorgen. Ian Gillan verkündet stolz, dass die Musik echt Spaß gemacht hat.

Bis auf Ian bewegte sich keiner der Beteiligten Bandmitglieder zur Einspielung aus dem heimischen Studio. Gillan nahm auswärts auf. Alles kommt gewissermaßen nur über den Äther. Das unbearbeitete Material legte Unmengen von Meilen zurück um am Ende zu dem zu werden, was man beim Hören vernimmt. Ein kleines Wunder.
Jedes Bandmitglied hatte eine Liste von zehn Songs. Ian‘s Liste wurde nicht angenommen. Trotzdem ist das Endprodukt doch beachtlich. Die Veröffentlichung erschien auf den üblichen Medien.
Gleich der erste der fremden Songs stammt von einer Band aus Los Angeles. Love wurde dort 1965 gegründet. Deren Gründer Arthur Lee erschuf dann "7 And 7 Is". Im Original eine harte und freche Garage-Rock-Nummer. Zum Ende wird sogar eine Spur Blues hörbar. Deep Purple drückt vom Beginn an die Power in den Hörer. Ein irres Drum-Feuerwerk verlässt Ian‘s Schießbude. Irre was sich für eine Melodie aufbaut. Mit dem Original hat das ganz sicher was tun. Hier wird das Teil in die Neuzeit gerückt. Das kleine Schnipselchen Blues am Ende entfällt. Alles gut und als Start des Albums geht es nicht besser. Ein cooles Stück Bandgefüge mit einem tollen Ende. Einfach genießen.
Bei "Rockin' Pnemonia And Boogie Woogie Flu" reist die Band noch weiter zurück auf dem Zeitstrahl. 1957 gelang dem Pianisten Huey "Piano" Smith ein Hit mit diesem Song. Er erreichte den Rang 54 in den Top-100-US-Charts. Sein von Boogie beeinflusster Stil war gewissermaßen mittragend für den Start des Rock’n’Roll. Behutsam beschleunigt wird aus dem einstigen Schleicher ein kleiner Renner. Im Grunde hält man sich an die Melodie, jedoch wird hier das Material deutlich entstaubt. Alles klingt frisch, wirkt locker und leicht. Die im Original nicht auffindbare Gitarre verzaubert das Teil regelrecht. Steve hält sich vornehm zurück und passt hervorragend dazu. Auch hier wieder eine echt tolle Mucke.
Peter Green war ein genialer Blues-Freak und ein geiler Gitarrist. Wer kennt diese Melodie nicht! Jeder hat das Riff schon mal gehört. Es ist tief verankert im Rockgedächtnis aller Fans. Als Single veröffentlicht hinterließ es 1969 eine breite Spur. "Oh Well" ist ein Meilenstein in seiner Einfachheit und Freiheit für das Gestalterische. Ian singt es einfach spitze und mit Inbrunst. Die Band drückt sich in den Titel mit Gewalt. Nicht dafür geschaffen verkraftet es das Teil hervorragend. Locker und leicht gerät man dann in Interpretationen und treibt so das Hauptmotiv dynamisch vorwärts. Ganz sicher klangen so einst nicht Fleetwood Mac. Doch hier hört man ja auch Deep Purple. Schon wieder eine tolle Leistung.
Mitch Ryder ist ein bekannter Blues-Barbe aus dem fernen Amerika. 1965 startete er zusammen mit seiner Band The Detroit Wheels mit "Jenny Take A Ride!" schon die dritte Single. Die zündetet durch. Top Ten in den USA. Auch in den englischen Landen und in Australien war er damit weit vorn. Hört man sich zuvor die alte Aufnahme an fällt sofort auf, dass die neue Aufnahme schneller erscheint und mehr Druck hat. Die Drums sind dynamisch und prägen den Rhythmus perfekt. Einfach cool wie es die anderen Musiker schaffen auch dieses uralte Stück zum Leben zu erwecken. Alles ist total lebendig, es pulsiert an jeder Ecke und ist mit starken Solos übersäht. Es kommt einem echt länger vor als es tatsächlich ist. Wieder hinterlässt die Band einen staunenden Konsumenten.
Im März 1971 entstand der nächste Song. Bob Dylan nahm diesen in New York auf. Das Stück erreichte vordere Platzierungen in verschiedenen Hitparaden unterschiedlichster Länder. Immer wieder findet es seinen Weg auf die Bühne. Ich selbst hörte es schon von verschiedenen Künstlern. Nun haben auch Deep Purple einen Zugang zu "Watching The River Flow" gefunden. Mit großem Klangvolumen tritt man in diese Version ein. Sie ist deutlich geräumiger und bietet durch die breite Aufstellung des Instrumentariums ein breite Soundbreite. Die doch eher offene Spielweise von Dylan ist verschwunden. Wir hören Wohlfühl-Rock der besten Sorte. Das Teil geht sofort in die Beine. Vor allem das tolle Piano am Ende beeindruckt in seiner Klarheit und Verspieltheit.
Wer hätte das gedacht Deep Purple im Big Band Modus. Ein Wahnsinn und ganz gewiss nichts für brechharte Hardrocker. Doch nicht erst seit dem Blasorchester in Wacken wissen diese Fans, dass es auch andere Musik gibt. Hier nun hören wir diesen wahnsinnig tollen Jazzer in der Fassung der Altherren. 1948 von Louis Jordan erstmals veröffentlicht, wurde das Stück unter anderen auch durch Ray Charles und Quincy Jones 1961 mit einem Grammy ausgezeichnet. Unsere Hardrocker swingen und bluesen wie in alten Zeit. Ian singt vor dem Bandgefüge und moderiert den Song. Wer es bis jetzt nicht wusste - Ian Gillan ist doch Gott! Alles fügt sich dem jazzigem Grundgefühl bedingungslos unter. Alles wirkt kompakt und das ganze Stück wirkt wie aus einem Guss. Ein absoluter Höhepunkt der Veröffentlichung.
1969 wurde die Rock-Formation Little Feat um den Gitarristen und Sänger Lowell George sowie dem Keyboarder Bill Payne in Los Angeles gegründet. Bis zum Tod von Lowell gut zehn Jahre später veröffentlichten sie Alben. Auch später noch. "Dixie Chicken" war der Titelsong ihres dritten gleichnamigen Albums. Die durch das Piano getragene Grundstimmung ist gut festgehalten. Die poltrigen Drums passen sehr gut zum tollen Rhythmus des Songs. Der Einsatz der Handtrommeln ist deutlich zurückhaltender. Der Titel wirkt gerade aber wegen dem Schlagwerk lebendig. Wieder geben die Instrumentalisten nur eingeschränkt Gas. Das trägt den Song ein gutes Stück und macht ihn glaubwürdiger.
Mit "Shapes Of Things" geht die Band einen weiteren Meilenstein frontal an. Für die Yardbirds war dieser Song der erste wirklich große Single-Hit im Jahre 1966 und er machte die tolle Gitarrenarbeit von Jeff Beck bekannt. Wieder galt es diesen vertrackten Song in einen tollen Rahmen zu pressen. Das Teil wird von der Band richtig toll ins Bild gerückt. Gerade die immer wieder neu angetriebene Melodie wird stark in das Spiel integriert. Die Solos passen genau an die richtigen Stellen. Ian singt das Teil auch sehr interessant.
Amerikanische Geschichte wird nun erzählt. 1959 schrieb Jimmy Driftwood diese kleine Balade mit der sehr persönlichen Sicht eines kleinen Fußsoldaten auf die Schlacht von New Orleans 1814. Johnny Horton sang die erfolgreichste Version im April 1959. Hier hören wir eine Fassung, welche sich doch relativ ans Original hält. Wieder ist hier das zurückhaltende Spiel aller Beteiligten hervorzuheben. Das Ding hört sich ungemein frisch an, schön ausgemalt mit Fiddle, Squeeze Box und Gitarre.
Das nun folgende Musikstück kannte ich so überhaupt nicht. Auf dem Bob Seeger‘s Album Mongrel (1970) war es einst enthalten. Der geradlinige Rocksong ohne viele Schnörkel wurde auch als Single im April des Jahres veröffentlicht. Deep Purple schaffen es genau diese Geradlinigkeit wieder in den Vordergrund zu rücken. Sie spielen sich gekonnt durch "Lucifer" und überziehen nicht durch zu aggressive Spielweise. Das Ergebnis lässt sich anhören und wird nicht langweilig.
Mit der letzten vollständigen Coverversionen wird das Album letztendlich geschlossen. Jack Bruce (Melodie) und Pete Brown (Text) hinterließen uns dieses Meisterwerk und mit Cream wurde das Material ans Volk 1968 weiter gegeben. Was für ein Hammer dereinst Eric, Ginger und Jack abfeuerten lässt die Version von dieser Band bei "White Room" leider nur vermuten. Hier wird ganz sicher das Songmaterial von einst leicht verändert in die Ohren weiter geleitet. Wir hören hier schließlich Vollprofis bei der Arbeit zu. Es fehlt jedoch der Zauber des Originals. Es wirkt im Grunde zu zahm, ist einfach zu kräftig im Sound und zu voll. Und dann haben wir wieder des Gitarristen Ungemach, er will sich beweisen, jedoch zu spät er verschwindet in den Reglern. Vielleicht denke ich zu streng darüber ….
Was dann dieses Medley am Ende des Werkes soll fragt man sich jedoch letzten Endes unweigerlich. "Caught In The Act" wird vom guten Herrn Gillan als Jam-Nummer im Interview angepriesen. Das ist es gewiss auch - keine Frage. Zündet die Aneinanderreihung von Rockberühmtheiten? Das müsste doch die Frage sein. Leider hat die Band gerade in der Anfangszeit mit Steve oftmals bewiesen, dass sie die Übergänge von einzelnen Titeln - auch in den Solos des Gitarristen - besser hin bekam. Im Grunde sind die Beiträge hintereinander gesetzt. Schicke Überleitungen vermisst der Hörer schmerzlich. So bleibt am Ende dann doch dieses Rätsel.
Das Album an sich ist durchaus gelungen und ist in der Gänze ein einfach tolles Überraschungspaket. Ein buntes Sammelsurium von Stilen, welche diese Weltklasse-Band auch absolut beherrscht. Die Höhepunkte beginnen am Anfang und erst nach der Absolvierung der Mitte wird es nicht mehr ganz so toll. Was es vor allem ausmacht ist der Mut aller Beteiligten neue Seiten zu zeigen - nicht unter privatem Namen - sondern auch als Band zu sagen; wir können auch anders!
Diese Werk ist abseits aller beschriebenen Kleinigkeiten eine willkommene Abwechslung und das seit langen heißeste Stück Musik der Band im Sinne von Mut, Humor und Persönlichkeit. Es rückt das Licht eindeutig in die Richtung der außergewöhnlichen Individualisten dieser tollen Band.
Viele werden diese Musik nicht so verstehen wie ich sie betrachte. Sie ist für mich der Ausdruck von wahrer Größe. Sie erweisen auch anderen Künstlern ihren Respekt und covern sie. Das wiederum ist ein riesen Kompliment, zeigt es doch die Achtung für deren Werke und verleiht diesen Titeln mehr Nachdruck. Im Grunde hat es eine Höchstbewertung verdient. Allerdings drückt der letzte Song die Bewertung eindeutig. Auch will ich nicht einsehen warum man bei manch anderen Titeln nicht die Gesamtlänge verlängerte und das letzte Teil dafür komplett vom Werk geworfen hat.


