LIVE AT THE OLYMPIA `96 - Deep Purple
Ein frischer Neuanfang mit viel Mut
Seit Februar tourte die Band schon in Europa. Alle Musiker zelebrierten den Neustart mit neuem Album. Nach dem nicht so gelungenen und mitgeschnittenen Auftritt in Katowice am 03.06. rißen sie am 17. Juni 1996 in Paris das Olympia nieder.

Der Abend beginnt mit "Fireball". Ein starker Start des Abend. Gleich zu Beginn bemerkt man die deutlich bessere Stimme vom Frontmann. E klingt richtig toll, ist wieder bei Kräften. Von der Schwäche in Ktowice ist nichts mehr zu hören. Der Song kommt druckvoll durch die Lautsprecher. Der kurze Solo-Abschnitt vom Hern Glover fehlt leider.
Es folgt "Maybe I'm a Leo". Seit Ritchie die Band verließ tauchte dieser Song immer mal wieder Live auf. Hier hören wir eine wirklich schicke Nummer. Total entspannt hören wir eine gemeinschaftlich Leistung aller. Die Gitarre und das Piano vom Herrn Lord ergänzen sich toll.
"Ted the Mechanic" ist ein cooles Stück Musik. Schon auf er aktuellen Scheibe fällt es wegen des unverwechselbar leichten Rhythmus auf. Routiniert drückt die Band das Teil durch die Verstärker. Wie auch im Stück zuvor drückt sich Steve total in ein tolles Licht.
Gleich im Anschluss passt das deutlich ältere "Pictures of Home" sehr gut in das Gefüge des Abends. Das Stück stammt von Machine Head. Schon Joe Satriani versuchte sich an dem Teil. Steve Morse blitzt hier mit einem schönen Lauf auf. Nicht so hart wie einst Blackmore aber doch angepasst und dem Song dienlich. Auch Jon bleibt cool und gibt ein kurzes Intermezzo. Roger Glover klingt recht toll. Er spielte einen guten und stetigen Bass. Vergleicht man Ian Gillan mit dem Auftritt vom 03.06. des Jahres wirkt er hier deutlich agiler. Er spielt mit der Melodie und untermalt diese stimmlich.
Mit "Black Night" geht das Auditorium dann ab. Wieder wirkt die Band frisch und der Auftritt ist dynamisch. Mittig wechselt sich die Orgel schön mit der Gitarre ab. Das sind definitiv Deep Purple - keine Frage. Steve Morse spielt auch dieses Stück anders, jedoch nicht schlechter. Steve spielt schön mit dem Publikum. Das lässt es sich nicht nehmen mitzumachen. Es macht Spaß zuzuhören und mitzugehen.
Bei "Cascades: I'm Not Your Lover" gibt es dann die von diesem Album her bekannte Unterstützung von den Blasinstrumenten. Viele Fans verübeln es der Band noch heute. Ich finde diese Art der Spielweise erfrischend anders. Auf der Bühne standen damals andere Purple, welche sich nach den Bruch mit Ritchie einfach neu erfanden. Der Song zündet von der ersten Minute und überzeugt mich bis heute. Für mich einer der absoluten Höhepunkte des Albums.
Die Blasinstrumente sind cool und total abgefahren. Das verrückte daran war, das trotz der Bläser die notwendige Härte nicht fehlte. Allein die wirklich schönen Parts von Steve vor dem jazzig leichten Drums. Sind diese verklungen spielt der Herr Morse sein Solo wundervoll relaxt. Schön wie das Publikum dabei mitgeht. Hat er erst Mal einen Rhythmus im Kurzzeitspeicher abgespeichert, spielt Steve mit seiner eigenen Begleitung. Dann kommen die großen Becken vom Herrn Paice zurück und langsam geht es wieder zum Song. Auch hier wirkt er ein gutes Stück sicherer als auf dem Mitschnitt aus Polen vor gut sechs Wochen.
"Sometimes I Feel Like Screaming" konnte ich erst nicht leiden. Doch die Einsamkeit an fremden Bars in fremden Hotels in Städten, von welchem man nicht mal den Namen weiß; all das kommt live einfach wunderschön zur Geltung. Auch dieser Song ist mittlerweile für mich schon ein Klassiker. Es erfasst mich immer wieder mit Wehmut höre ich hier zu und erfreue mich an der einfach stark gemachten Musik.
Mit "Woman From Tokyo" kehrt wieder ein Stück Vergangenheit zurück. Diesen Song kennen erfahrene Purpler. Seit 1973 führt dieser schöne Blues ein Schattendasein. Wie man hier erfährt leider zu unrecht. Dank Jon`s Piano ereignet sich ein Feuerwerk. Wieder merkt man der Band an, dass sie sich neu sortiert haben.
Historisch geht es dann auch weiter. Mit "No One Came" gibt die Band einen Song von den Fireball-Album wieder. Ein Werk, dass damals leider oftmals Live wenig Beachtung erfuhr. Neben dem ab und zu gespielten Titelsong wurde nur "The Mule" immer wieder zur spektakulären Spielwiese vom Herrn Paice. Bei jener Tour spielte die Band schon das zweite Stück von der 1972 erschienenen LP . Man beachte wie gut die Bläser zum wunderbar rund gespielten Song passen.
Mit einem Mundharmonika-Intro beginnt das wohl am meisten live erprobte Stück dieser Besetzung. "The Purpendicular Waltz" gibt es schon bald nach dem Eintritt von Morse. Ein wirklich starkes Stück Deep Purple. Dieses Mal abermals untermalt durch die Bläser. Auch hier unterstützen sie den Refrain sehr nachhaltig und geben interessante Einschübe.
Der wirklich beste Song des Studio-Albums und vielleicht wieder ein richtiger Höhepunkt ist für mich "Rosa's Cantina". Was für ein Stück. Ich liebe diesen Song und er ist für mich ein fester Bestandteil des musikalischen Erbes der Band. Leider wird er hier eindeutig zu kurz wiedergegeben. Ich könnte mir das Teil auch mit langen Improvisationen gut vorstellen. Immer wieder diese fanatisch pumpende Orgel von Jon. Einfach klasse das Ganze.
Weiter geht es mit "Smoke On The Water". Hier wird der Song wieder richtig gespielt und gelebt. Kurz dürfen sich die Zuschauer beteiligen. Dann führt der schreiende Ian die Band zurück. Dann lasst Jon Lord den Titel mit einem Solo ausklingen. Wie immer ist die Verknüpfungen von Rock und klassischen Momenten ein Ohrenschmaus. Jon`s Spielweise und sein Verständnis für Musik bereiten hier den Nährboden für ein cooles und leider nicht zu langes Solo. Das passt, so wünscht sich das der geneigte Liebhaber.
Behutsam leitet er dann sehr feinfühlig Gillan‘s Liebling ein. "When A Blind Man Cries" wird bis heute zu einem gern live gespielten Song. Ian singt hier echt sehr schön und sein Klagen ist physisch fast zu fassen. Steve begleitet den Song meisterlich. Auch Jon Lord greift nach seiner Trennung von Deep Purple immer wieder gern darauf zurück.
"Space Truckin‘" hat als Jam-Nummer ausgedient. "Speed King" startet mit dem Klavier und hat diese Aufgabe erfolgreich übernommen. Man benötigt Stille und Kopfhörer. Hier geht es voll ab. Gitarre wechselt mit Orgel; spektakulär auch ohne den Hexenmeister im schwarzen Gewand. Auch ohne die alles überschreitende Länge früherer Mitschnitte hört man die neu gefundene Begeisterung aller Beteiligten. Herr Paice streichelt seine Felle und der Herr Gillan schreit wie früher, gibt auch wieder eine Super-Gesangs-Einlage. Nach dem letzten Ton ist Feierabend, wenn da nicht die Fans wären! Hier hört man sie noch einfordernd schreien.
In die Verlängerung geht es mit "Perfect Strangers". Wieder sieht man den Wandel. Unter anderen Vorzeichen wäre dieser Song nie so weit nach hinten geraten. Kraftvoll und dynamisch schafft es die Band auch hier blackmore‘sche Spielweisen perfekt zu adaptieren. Man hört die Unterschiede zwischen beiden Gitarristen; hört aber immer noch diesen Meilenstein von 1984.
Als vorletzter Song wird "Hey Cisco" vom neuen Album zum besten gegeben. Erneut erfährt man wie gut das neue Material zu dem alten passt. Alles wirkt frischer und erfreulich leichter in der Spielweise. Das Riff des Songs ist sehr einprägsam und folgt dieser neu gewonnen Leichtigkeit. Wieder ein absoluter Höhepunkt des Auftritts. Man beachte nur das lockere Schlagwerk verbunden mit dem Bass vom Herrn Glover. Stark gemacht und überhaupt nicht altbacken.
"Highway Star" als Rausschmeißer ist nicht neu. Das gab es schon öfters früher. Die Unterstützung durch die Bläser hingegen schon. Wieder geht ein im Grunde neu intonierter Song zu Ende der Veranstaltung. Die Band sprüht vor Energie und Spiellaune. Ein Vergnügen das alles.
Dieses Live-Album ist für mich eines der besten dieser Besetzung. Bleibt Ian auch ab und zu beim Text ein wenig zurück, so hört man doch dieses unbändige Gefühl der Freiheit und der neuen Inspiration. Die Musiker experimentieren, stellen alles um und haben den Mut das auch auf die Bühne zu bringen. Auch das Fehlen von "Child In Time" zeugt von dem Bestreben neu anzufangen.
Auch der Einsatz der Bläsergruppe beim Live-Event spricht eine deutliche Sprache. Dieser Einsatz überzeugt hier zur Gänze. Alles wirkt breiter und tiefer. Der Band einen Hang zum Jazz zu unterstellen fällt bei der Betrachtung derer Geschichte gewiss nicht schwer. Die freie Improvisation an sich jedoch fällt bisweilen weg. Die Arrangements sind oftmals abgesprochen. Das spürt man schon. Ich persönlich denke, dass das vermutlich auf das Konto des Herrn Morse geht. Er ist ein Perfektionist und ständig bestrebt Noten möglichst nahe am Original zu spielen.
Deep Purple verzagten trotz aller Widrigkeiten nie, egal in welcher Zusammensetzung sie auch spielten. Sie waren immer dann am besten, wenn man es so nicht erwartete. Ritchie war weg und es sollte eine Zukunft ohne ihn geben. Allen Zweiflern geben sie die Antwort auf der Bühne und dort gehört sie auch hin. Ein Album der Superlative.


