TOTAL ABANDON - Deep Purple
Ein Zeugnis dieser Zeit
Seit Juni 1998 war das neue Album der Band auf dem Markt. Die ABANDON-Tour lief mit Unterbrechungen bis Ende März 2000. Innerhalb dieser Zeit wurde das Programm auf der Bühne immer wieder deutlich abgeändert. Vom 16. bis zum 27 April des Jahres 1999 zog die Band über den australischen Kontinent. Am 20.April erfüllten sie den Melbourne Park mit jeder Menge Stimmung.

Schon seit einiger Zeit startete man nicht mehr mit älteren Stücken in den Abend. Statt einen der Gassenhauer den Einstieg zu gönnen hörten die Fans an jenem Abend "Ted The Mechanic". Das war echt ungewöhnlich. Vom Album PURPENDICULAR stammend war der Song doch im Grunde noch neu. Steve Morse und die anderen pressen das Teil jedoch mit Druck durch die Verstärker.
"Strange Kind Of Woman" folgt als nächster Titel. Jeder Purpler hat hier das Gitarrenspiel des Herrn Blackmore im Kopf. Ian schreit und imitiert die Gitarretöne mit Kehlkopfgesang. In dieser Version spielt der neue Gitarrenbediener nicht den Kopisten. Nein er folgt dem Song und seiner eigenen Spielweise. Jon Lord leitete dann die bekannte Gesangspassage ein. Steve übernimmt und die künstlerische Entfaltung des Sängers bleibt aus. Das ist sehr schade.
Auf dem zu promotenden Album nahm sich die Band auch einem alten Song an. "Bloodsucker" erhielt so eine Erneuerung. Einst auf IN ROCK veröffentlicht wird es auf dem aktuellen Studiowerk aufgefrischt. Ich stellte mir schon beim ersten Hören des aktuellen Werkes damals die Frage, ob so etwas die Welt braucht. Die Live-Version hier hält sich ziemlich an die Studio-Fassung. Also ohne neue Höhepunkte im Spiel halte ich diese erneute Aufführung für überflüssig.
"Pictures Of Home" ist schon länger Bestandteil der Live Auftritte. Das Teil breitet sich schön vor dem Hörer aus. Die Band spielt es toll vom Anfang bis zum Ende. Alle Musiker beteiligen sich am Geschehen. Steve improvisiert hier auch ein wenig. Eine schicke Passage, welche das Ende des Songs schließlich einleitet.
Auf ABANDON wurde schließlich "Almost Human" veröffentlicht. Ein wirklich cooler Text deckelt den unterhaltsamen Song. Lange Weile hört sich anders an. Alles lebt und die Bretter der Bühne springen bestimmt im Takt. Irgendwie hat man jedoch immer das Gefühl alles schon mal anders gehört zu haben. Es bleibt auch wenig vom Titel hängen.
Mit "Woman From Tokyo" verbinden ich das Scheitern der zweiten Besetzung. Seit der Neuerschaffung der Band ist es ein fester Bestandteil der Abende. Ian singt wirklich stark. Stimmlich ist er zwar nicht voll bei der Sache, er überspielt es jedoch gekonnt. Das Stück klingt frisch.
Beim aktuellen Album sind wir wieder bei nächsten Song. "Watching The Sky" wird fachlich toll ins Publikum geleitet. Wie alles von ABANDON wirkt es auf mich nicht sonderlich toll. Es ist ein Gefühl und beruht nicht auf Fakten. Der immer wieder neu startende Song erinnert ein wenig an das unvergessliche "Fools".
"Fireball" hingegen kommt eindeutig zu kurz. Hier wünscht man sich viel mehr gestalterische Frische. In dieser Live-Version ist der Song einfach zu kurz geraten. Der Druck jedoch überzeugt. Als Opener hat mir das Teil besser gefallen.
Auf dem 1996 herausgekommen ersten Album mit Steve war "Sometimes I Feel Like Screaming" ganz sicher ein Höhepunkt. Die Ballade vom Schmerz des Alleinsein in der Ferne ist ganz sicher zeitlos ehrlich und schön. Wieder singt Ian einfach traumhaft. Behutsam begleitet von der Band. Ganz sicher ein Gänsehaut-Moment.
Wenn Steve ein Solo spielt ist es nicht immer so lang. Behutsam untermalt von Jon startet er in eine fast neun Minuten andauernde Klangmalerei. Er lässt sich durchaus Zeit und kleidet sein Spiel mit technischen Mitteln fein aus. Hierbei erkennt man auch den Stielbruch zum mürrisch dreinschauenden Man In Black. Ritchie hätte bei dieser Gelegenheit die Membranen der Lautsprecher fliegen lassen. Der Herr Morse geht deutlich behutsamer zu Werke. Er gestaltet filigraner und steigert das Tempo allmählich. Schließlich fängt ihn Ian Paice ein. Nun knallt es ein wenig bis das Chaos ausbricht.
Wenn die ersten Takte der Erzählung von Rauch und Wasser durch die Halle stoßen weiß der Geneigte was die Uhr geschlagen hat. Sucht Steve erst noch eine Weile nach dem Accord, so findet er schließlich das entscheidende Riff. Wenn es dann erkannt wird schlägt das Herz eines jedem guten Fan im Takt. Es rollt der Epos durch die Halle, er wird nie altern. Ian Gillan schuf den Text und Ritchie hatte das Riff. "Smoke On The Water" ist in dieser Fassung ganz sicher ein Höhepunkt. Ein wenig fehlt die Härte von einst.
"Lazy" steht diesem Song nicht im Geringsten nach. So viele Live-Versionen kenne ich. Immer wieder bin ich begeistert von der Einfachheit der Songstruktur und der Botschaft. Wenn Jon es auf dem Piano einleitet mündet es meistens in einen Solo-Part. Wenn der Meister seine Finger über die Tasten fliegen lässt küssen ihm die Götter die Stirn. Der Umfang dieser doch eher kürzeren Passage ist wieder gewohnt groß. Schließlich ertönt das Riff des Songs. Einfach schlicht steigt der Drummer mit ein. Dann mischt sich Steve ein. Der Zauber ist über alle Jahre hinweg geblieben. Ja sicher hat sich die Band verändert; alles wirkt nicht mehr so wild. Mein Gott was soll das Gemecker. Der Blues funktioniert und die Band lebt!
Als "Perfect Strangers" als Titelsong 1984 das Licht der Welt sah jubelten alle. Noch bis heute ist dieser Song ein fester Bestandteil des musikalischen Erbes von Deep Purple. Auch Steve versteht sich auf die Auskleidung des Titels. Ist Jon‘s Orgel auch dominant so ordnet er sich toll ein. Hier hört man wieder seinen Beitrag zur Bandgeschichte. Frisch und modern tönt es aus den Boxen.
Das vorläufige Ende des Abends läutet eine Jam-Nummer ein. In der letzten Zeit fährt man nicht mehr zu den Sternen. Man huldigt der reinen Geschwindigkeit. "Speed King" ist im Grunde geschaffen für ein Spektakel dieser Art. Einst schufen sich die Bandmitglieder hier Denkmäler indem sich sich auspowerten und gegenseitig zu Höchstleistungen anstachelten. In der Neuzeit wirkt alles ein wenig abgesprochen. Man bemerkt vielleicht eine Choreografie in der Abfolge der Sequenzen. Das schadet jedoch nur ein wenig. Dann darf sich Roger beweisen. Zusammen mit Ian leitet er das gefühlt eindeutig zu kurz geratene Drum-Solo ein. Der angestrengt wirkende Gillan und Steve führen uns hinauf zum Finale. Ist der letzte Ton verklungen können die Freunde vor der Bühne eine Verlängerung fordern. Das hören wir leider auf dem Mitschnitt nicht.
Natürlich kommen sie nochmals auf die Bühne. Mit "Black Night" entzündeten sie erneut die Herzen der sehnsüchtigen Beobachter und Zuhörer. Steve darf noch ein wenig Zaubern und Jon drückt auch nochmal kräftig in seine Tasten.
Die traurige Position des Rausschmeißers darf "Highway Star"einnehmen. Routiniert schaufelt die Band das Teil ins Auditorium. Die Fans hatten Gelegenheit sich von den Mitgliedern der Band zu verabschieden. Ein kurzer Gruß noch….
Die Konserve an sich ist im Grunde nicht zwingend erforderlich. Bemerkenswert ist hier das Fehlen von Gillan’s Liebling "When A Blind Man Cries". Auch das unvergessliche "Child In Time" wurde nun schon längere Zeit nicht mehr live aufgeführt. Dieser Mitschnitt wurde 2008 als Teil der DVD-Box Around The World Live veröffentlicht. Zusammen mit dem Auftritt in Bombay am 08.04.95 kann man einer der letzten Konzerte mit Jon und der Band in BILD und Ton verfolgen. Doch noch sind wir nicht soweit.


