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2000 ORCHESTRA TOUR - Deep Purple

Eine mutige Entscheidung

Zum 30. Jubiläum überarbeite Jon Lord zusammen mit dem Niederländer Marco de Goeij sein "Concerto For Group And Orchestra". Am 25.09.1999 und dem Tag danach kam es zur Aufführung in der Royal Albert Hall.

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Das Medien-Interesse war entsprechend gewaltig. Zusammen mit der Band wurde eine Konzert-Tour vereinbart. Es galt das Werk nochmals zur vollen Gänze zu entfalten und anderen Musik-Enthusiasten zugänglich zu machen.

Mit der Konzertreise waren sicher auch erhebliche finanzielle Risiken zu bewerkstelligen. Schließlich brauchte die Band neben den Backround-Sängerinnen, einer Bläser-Formation auch noch ein komplettes Orchester. Alles das muss neben den üblichen Kosten schließlich auch bezahlt werden. 

 

Sicher fragten sich alle Beteiligten ob man diese erneute Präsentation wagen könnte. Die Tour wurde für 29 Konzerte gebucht. Tolerierten die  zuhörenden Massen im Konzertraum dieses Experiment? War dieser Anspruch für das Publikum zu hoch angesetzt?

 

Auch die musikalische Herausforderung des Unterfangens sollte man nicht vernachlässigen. Deep Purple waren ganz gewiss nicht für ein solches Unterfangen geschaffen. Lord, Gillan, Glover und Paice waren jedoch bei der Uraufführung dabei. Steve Morse gehörte zu den Besten seines Faches und seine Präzision im Gitarren-Spiel sind buchstäblich prädestiniert für eine Verschmelzung von Klassik und Rock. Im September 1999 hatte er das schon bewiesen. 

 

Die "2000 Orchestra Tour" selbst startete am 01. September in Buenos Aires. Im Estadio Luna Park trat man zwei Nächte nacheinander auf. Dann hielt man noch drei Shows in Brasilien (São Paulo) ab. Mit zwei Abenden in Mexiko (Mexico City) endete die Süd-Amerika-Tour am 14.September. Hier spielte man neben den üblichen Beteiligten mit örtlichen Orchestern zusammen. 

 

Das änderte sich bei der Reise durch Europa. 22 Konzerte waren noch zu spielen. Am 30 September in Antwerpen stand die Band zusammen mit der Bläsergruppe und dem Backroundgesang mit einem dauerhaften Partner auf den Brettern welche Ruhm und Ehre versprechen. 

 

Das George Enescu Philharmonic Orchestra spielte mit der Band nun bis zum Ende der Europa-Tour am 03. November in Katowice als verlässlicher Part zur Seite. Die Leitung des Instrumentariums übernahm, wie schon in Süd-Amerika, Paul Mann. Dieser Dirigent steuerte am 24. und 25. März 2001 auch das New Japan Philharmonic Orchestra im International Forum in Tokyo. Dem letztem Auftritt der Band mit diesem Material. 

 

Diese außergewöhnliche Tour war gewiss kein Standart-Event für Deep Purple-Fans. Hier bekamen die gebuchten Besucher der Abende einen anderen Eindruck vom Schaffen aller beteiligten Musiker. Sie verneigten sich vor Jon Lord. 

 

Der europäische Trip der Concerto-Tour wurde ausgesprochen gut dokumentiert. Es gibt neben einigen mehr oder minder offiziellen Mitschnitten auch Bootlegs. Die folgenden Auftritte sind verfügbar, auch wenn sich die Aufzählung vielleicht nicht endgültig abschließen lässt:

 

* 06.10.2000 in Gothenburg (als Bootleg)

* 18.10.2000 in Zürich (als Bootleg)

* 20.10.2000 in Madrid (als Bootleg)

* 27.10.2000 in Wien (als Bootleg)

* 30.10.2000 in Rotterdam (als inoffizielle Veröffentlichung)

* 03.11.2000 in Katowice (als Bootleg)

 

2001 Japan

 

* 24.03.2001 in Tokyo (als Bestandteil der Sounboard-Serie 2001 Australien-Tour)

* 25.03.2001 in Tokyo (als Bestandteil der Sounboard-Serie 2001 Australien-Tour)

Beide Konzerte in Tokyo wurden auch 2022 über die Labels Ear Music Classics/Edel zusammengefasst 

 

Hört man sich nun diese Mitschnitte an, stellt man fest, dass es erhebliche qualitative Unterschiede gibt. Bei den Bootlegs gewinnt die Aufzeichnung aus Gothenburg und Zürich deutlich vor allen anderen. Der Abend in Wien wird in der schlechtesten Qualität an die Ohren des Lauschers weitergereicht. Man benötigt für eine hörbare Variante hier einige Kenntnisse zur Klangverbesserung.

 

Der Auftritt von Rotterdam ist wegen seines Status als inoffizielle Veröffentlichung in einer tollen Qualität erhalten geblieben. Allerdings fehlt hier die Aufzeichnung des Concerto’s vollständig. Hier werden rechtliche Belange auf dem Cover angeführt. 

 

Beide Abende von Tokyo hingegen sich herausragend. Das gilt für die Dokumentationen im Rahmen der Sounboard-Serie zur Australien-Tour 2001 als auch für jene aus dem Jahre 2022. Die Bearbeitung des Stamm-Labels der Band ist eine Spur moderner und schmeichelt dem Innenohr. Diese beiden Konzerte stehen jedoch nicht im direkten Kontext der hier besprochenen Tour, müssen der Vollständigkeit jedoch erwähnt werden. 

 

Das Programm der “2000 Orchestra Tour“ war in jenem Jahr eine tolle und einzigartige Gelegenheit diese Musik live zu erleben. Die Musiker auf der Bühne begriffen diese Chance und erschufen so jeden Abend besondere Momente.

 

Diese Abende selbst verlaufen dem Anlass entsprechend nie wie ein gewöhnliches Konzert von Deep Purple. Das Publikum wird durch Jon Lord selbst begrüßt. Dieser führte die Anwesenden erst behutsam in den Abend ein. Er würdigte die mit ihm auf der Bühne stehenden Kollegen mit lieben Worten bevor er seinen Freund Miller Anderson ankündigte. 

 

Dieser eröffnete jedes Konzert mit "Pictured Within". Das aus der Feder von Jon stammende Lied wird in Japan hingegen von Ian Gillan intoniert. Zumindest bei dem Europa-Auftritten darf Miller jedoch glänzen. Er erscheint auch nur zu diesem einen Lied auf der Bühne. 

 

Danach wird Ronnie James Dio herzlichst beim Publikum angekündigt. Roger Glover erschuf einst "Sitting In A Dream". Er intoniert auch den zweiten Glover-Titel "Love Is All". Danach macht er in eigener Sache ein wenig Werbung. Mit "Fever Dream" und "Rainbow In The Dark" beleuchtet er seine Band DIO gebührend. 

 

Erst nach dem Ende dieses Teiles geht es mit Deep Purple-Material los. Wieder durch Jon werden die Gäste auf der anderen Seite der Bühne in die Historie der Band eingeführt. Bei "Wring That Neck" wird der Hörer erstaunt das Album überprüfen. Hier fliegt buchstäblich die Kuh auf der Bühne. Kein Hard-Rock-Material hört der Gast im Saal, sondern ein tolle Jazz-Nummer breitet sich aus. Kaum zu glauben wie frei und ungezwungen sich das Teil in dieses  Genre einfügt. Die Spielweise der Band war auch immer ein Stück im Jazz eingebettet. Wie gut das passt hört man hier. 

 

Mit dem guten alten "Fools" betritt Ian Gillan die Bühne. Das Teil hört sich Live mit Steve Morse deutlich anders an. Das gefühlvolle Mittelstück geht zum ende hin in einen typischen Morse-Part unter. Das ist schade. Mit dieser Neuinterpretation verliert sich leider der einstige Blackmore-Glanz. Die Einzigartigkeit der Komposition und der Zauber beim Lauschen sind verschwunden. 

 

Auch Gillan’s Liebling findet während der Tour 2000 Beachtung. "When A Blind Man Cries" wird während dieser Auftritte gekonnt in Szene gesetzt. Wunderschön durch Streicher und Orgel eingeleitet driftet Steve in das Stück. An jedem der Abende wird dieses Teil ein Höhepunkt. 

 

"Vanvoom/Ted The Mechanic" und "The Well Dressed Guitar" werden gekonnt und professionell an das Publikum weitergereicht. Routiniert gibt sich die Band keine Blöße. Ähnlich verhält es sich bei "Picturese Of Home" und "Somtimes I Feel Like Screaming". Alle Beteiligten geben sich zusammen mit dem doch breiten instrumentalen Umfeld keine Blößen. 

 

Ian Gillan leitet während der Tour schließlich das "Concerto For Group And Orchestra" ein. Nicht an allen Abenden sind alle drei Teile festgehalten. Manchmal werden nur der erste und der dritte Part wiedergegeben. Über die Gründe dieses Handelns ist nichts bekannt. Ich fand zumindest keine Erklärung in den Medien. 

 

Hat man jedoch die Gelegenheit alle drei Sätze zu hören, bemerkt man sehr schnell, wie toll sich das alles auch abseits der Albert Hall anhört. Gerade der sanfte Mittelteil des Werkes schafft mit Ian’s tollem Gesang einen schönen Kontrast zu den beiden schnellen Sätzen. 

 

Ist die Verbindung von Klassik und Rock erst beendet rundet die Band das Ereignis mit einem Verweis auf ihre größten Songs gekonnt ab. Es beginnt mit "Perfect Strangers". In den Achtzigern gestartet ist dieser Song mittlerweile zu einem festem Bestandteil der Performance dieser Band gereift. 

 

Bei der Hymne aus Rauch und Feuer lädt Ian seinen Freund Ronnie wieder ein. Nach einem Solo von Steve erhebt sich "Somke On The Water" aus den Boxen. Wenn es untergeht verabschiedet Ian die Band und der offizielle Abschnitt des Abends liegt hinter den Beteiligten. Wenn das Concerto hier in voller Länge über die Bühne ging stehen alle Musiker schon zweieinhalb Stunden unter Druck. 

 

Doch die Fans geben keine Ruhe. Sie wollen eine Zugabe. Die Band gibt nach und so wird "Black Night" nachgedrückt. Fast nahtlos geht es dann mit "Highway Star" in die endgültig letzte Runde. Noch ein letztes Mal geht es auf der Bühne hoch her. Alles bricht zusammen und die Band schickt die Anwesenden am anderen Rand der Bühne in die Nacht. In Wien zum Beispiel singt der Herr Gillan ein letztes Ständchen, unterstützt von Jon. 

 

Diese außergewöhnliche Tour ist eine wirkliche Überraschung und ein Kompliment an die Fans. Der Aufwand und die Hingabe an die Musik finden auf beiden Seiten des Bühnenrandes eine oft hörbares Echo. Allerdings muss man genauer hinhören.  Die Unterschiede in der Interpretation der einzelnen Werke sind im Grunde nur schwer herauszuhören. Ganz besonders reden wir bei dem klassisch geschnittenen Werk hier über einzelne Abschnitte im dritten Satz und in der Interpretation der Band-Titel davor und danach. 

 

Überhaupt das Risiko in Kauf zu nehmen einem Rock-Publikum klassische Fülle nahe zu bringen zeugt von viel Mut aller auf der Bühne beschäftigten. Anscheinend  gab es wohl weniger Befremdung als es vielleicht zu vermuten war. 

 

Die beiden Aufführungen in Tokyo im Folgejahr wurden ganz gewiss auch aus unternehmerischen Ansätzen heraus nötig. Japan war immer für die Band ein fester Absatzmarkt. Viele tolle Konzerte dort fanden auf freundliche und glückliche Konsumenten. Bei diesen Auftritten wurden dann auch einige Titel umgestellt. Das jedoch sind nur unbedeutende Randbemerkungen. In Japan hörten die Anwenden an jedem der beiden Abende die vollen drei Akte des klassischen Werkes in voller Länge. 

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